„Uns war klar: Wir spielten um Kopf und Kragen"
Erinnerungen des ehemaligen Adjudanten des Admirals in der Buxtehuder Kaserne
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Buxtehude (rsu). Im Jahr 1988 schickte Karl Halaski einen Brief an die Stadt Buxtehude. Inhalt: Seine Erinnerungen an das Kriegsende in der Stadt. Halaski war lange Zeit Adjudant des kommandierenden Admirals in der Buxtehuder Kaserne, und an der Vorbereitung für die kampflose Übergabe der Stadt am 22. April 1945 beteiligt. Halaski war Pastor und nach eigenem Bekunden Mitglied der „Bekennenden Kirche", jener Gruppe in der evangelischen Kirche, die seit 1934 dem Machtanspruch der Nazis und der „Deutschen Christen" entgegentrat. Unter ihnen so bekannte Männer wie Martin Niemöller. Halaski selbst lebt heute in Frankfurt am Main. Die Stadt Buxtehude beschloß zwar 1988 das Manuskript nicht zur Veröffentlichung freizugeben, doch dem TAGEBLATT genehmigte Halaski dies persönlich. In zwei Folgen drucken wir diese Erinnerungen -leicht gekürzt- ab.

Die letzten Tage des 2. Admirals der Nordseestation (A.d.N.)

Das große Personalbüro der Kriegsmarine für den Bereich Nordsee war während des Krieges von Wilhelmshaven in einen neuen Kasernenkomplex nach Buxtehude verlagert worden. Die recht komfortabel ausgebauten und eingerichteten Häuser lagen am Rande der Stadt und beherbergten rund 4000 Menschen, etwa zur Hälfte Soldaten, zur anderen Marinehelferinnen. Ich wurde, damals Leutnant MA, im Frühjahr 1943, zum 2. AdN kommandiert und erhielt den Auftrag, als Wehrbetreuungsoffizier mich um Anregungen für die Freizeitgestaltung des gesamten Personals zu kümmern, außerdem sollte ich Hinweise für die Truppenbetreuung im Befehlsbereich des 2. AdN ausarbeiten. Diese meine Tätigkeit war aber nur von kurzer Dauer, weil für die gesamte Wehrmacht angeordnet wurde, daß aus den Wehrbetreuungs- NS-Führungsoffiziere werden sollten. Als Pastor der Bekennenden Kirche konnte der Admiral mich nicht in dieser Stellung belassen. Ich wurde aufgefordert, als Nachfolger einen Mann vorzuschlagen, der möglichst Parteigenosse, aber gegenüber Andersdenkenden loyal sein solle. Bereits in Holland hatte ich einen aus Österreich stammenden Hauptmann des Heeres kennengelernt, Harald Edler von Petrykovetz, der bei der Marine Dienst tat, ihm traute ich zu, daß er die nötigen Qualifikationen mitbrachte. Er wurde auf meinen Vorschlag an meiner Stelle eingesetzt und hat uns nicht enttäuscht. Ich wiederum bekam die Stelle des Adjutanten beim Admiral.

Kaum Verbindungen zur Stadt

Zur Stadt Buxtehude bestanden kaum Verbindungen. Einige wenige Offiziere, die der Partei angehörten, mögen Kontakte unterhalten haben, wie es natürlich auch die üblichen Matrosenliebschaften zu Mädchen des Ortes gab. Im Grunde aber führte der 2. AdN abseits von der Stadt sein Eigenleben.
Obwohl es unter den Offizieren einige überzeugte Nazis gab, spielten diese zwar in der Messe mit Andersgesinnten Skat und Doppelkopf, sonst aber keine bestimmende Rolle. Die Marine war, wie es immer wieder kolportiert wurde, „kaiserlich" geblieben.
So hatte es Admiral Engel verstanden, sich mit einem engeren Stab zu umgeben, der aus Männern bestand, die zum Hitler-Regime zumindest sehr kritisch eingestellt waren. Das galt für den Chef des Stabes, Kapitän zur See, Maximilian Glaser, wie für den Personalchef im gleichen Rang, Hans-Georg Fischer. Der Geschwaderrichter Becker aus Hamburg war zwar Parteigenosse, hat aber als Richter so weise gearbeitet, daß er zumindest einem Matrosen buchstäblich den Kopf gerettet hat. Etwas schwieriger war es mit dem Verwaltungsoffizier, der zwar ohne Einfluß blieb, wohl aber hoffte, durch Wohlverhalten noch eine Beförderung zu erreichen.

Nach dem Hitler-Attentat

Nach dem 20. Juli 1944 erkannte der Admiral, daß er mich als Adjutanten nicht halten konnte. Er ließ sich vom Oberkommando Nord einen etwas farblosen jungen Mann zuweisen, der dann bis zur Kapitulation unseres Kommandos diesen Posten wahrnahm. Ich wurde vor die Wahl gestellt, welchen Dienst ich in Zukunft haben wolle. Sogar vom Oberkommando Nord wurden mir Angebote gemacht, aber ich blieb bei meiner These, daß ich in diesem Orlag zwar das mache, was ich müßte, selbst jedoch keine Wahl träfe. Inzwischen hatten der Personalchef und andere den Befehlshaber bedrängt, mich beim 2.AdN zu behalten. So wurde ich praktisch ohne irgend eine Funktion zu haben, z. V. gestellt. Dies letzte halbe Jahr in Buxtehude hatte ich keine geregelte Tätigkeit, sollte aber im Einverständnis mit einem kleinen Kreis von Offizieren die kampflose Übergabe Buxtehudes an die Alliierten vorbereiten.
Dem Führerbefehl zu Folge sollte sich jeder Soldat bis zur letzten Patrone verteidigen. Unsere Matrosen aber waren zumeist in Uniform gesteckte Beamte, davon ein erheblicher Teil Reservisten von Hitlers letztem Aufgebot, die zu Waffen überhaupt kein Verständnis hatten. Der pflichtgemäß in regelmäßigen Abständen durchgeführte Exerzierdienst wurde dementsprechend von allen Beteiligten als lästige Unterbrechung gewohnter Tätigkeiten empfunden und von niemanden geliebt. Das mißlungene Attentat auf Hitler, dann aber die Invasion in der Normandie und der Durchbruch der Alliierten bei Avranche ließen Admiral Engel keine Ruhe. Tag für Tag stand er mit mir vor der Karte in seinem Zimmer, verfolgte den ständig wechselnden Frontverlauf und wußte sich in dem bestätigt, was er bereits bei Ausbruch des Krieges unter vertrauten Kamera

Der Krieg ist verloren

den geäußert hatte, daß wir diesen Krieg unmöglich gewinnen könnten. Ich war der Meinung, daß bei der unhaltbaren Lage an allen Fronten es bald zu einem Zusammenbruch kommen müsse, der Admiral aber war davon überzeugt, daß dieser Krieg erst nach vollständiger Niederlage beendet sein würde.
Seine Unruhe veranlaßte ihn, eine Reise nach Berlin zum Oberkommando der Kriegsmarine zu machen, bei dem ein Freund von ihm als Kapitän zur See über weit bessere Informatioenn verfügte, als sie uns zur Verfügung standen. Auf dieser Reise habe ich Engel zum letzten Mal als seinen Adjutanten begleitet. Der Freund, seinen Namen habe ich vergessen, erzählte uns von einer Denkschrift zur Lage, die er verfaßt und Hitler als den Oberkommandierenden zugeleitet hatte. Danach rechnete er damit, daß die Engländer noch im Herbst nach einer Invasion in Dänemark eine weitere Front aufbauen würden, um auf diese Weise den Krieg schneller zu beenden und angesichts des bereits sicheren Sieges weitere Verluste zu vermeiden. Hitler soll dem Verfasser für diese Studie ein Lob ausgesprochen haben, obwohl sie jedenfalls in ihrer eigentlichen Tendenz nach Hitlers Meinung defaitistisch war. Engel widersprach in einem Punkt: die Briten würden zur Zeit der Tag- und Nachtgleiche und während des Winters kein größeres Landunternehmen riskieren, da sie - niemals tollkühn - auf die größte Sicherheit bedacht seien. Engel, der als junger Offizier einige Zeit als

Engel kannte die Briten

Gast zur britischen Marine kommandiert worden war, kannte deren Einstellung wohl genauer, behielt jedenfalls in dieser Hinsicht recht, war aber noch mehr verunsichert, als er vom Potential der Alliierten detaillierte Angaben erhielt wie über die schon zu der Zeit hoffnungslosen Lage, in der wir uns befanden. In dieser Nacht hörten wir sozusagen ganz offiziell die Nachrichten der britischen Sender, die Engels Freund dienstlich abzuhören hatte. Daß in den Unterkünften unserer Leute in Buxtehude dies, obwohl streng verboten, heimlich geschah, war uns durchaus bekannt, denn ab und an wurden Gespräche geführt, für die jene Kenntnisse nicht ausreichten, die man bei uns vermittelt bekam.
Fazit dieser Informationsreise: der Zusammenbruch würde erfolgen, jedoch erst, wenn die letzten Reserven an Menschen und Material bei uns völlig aufgebraucht sein würden. Tief niedergeschlagen wurde die Rückfahrt nach Buxtehude angetreten, ein Gespräch zwischen uns fand nicht mehr statt.

Konspirative Treffen

Dazu kam es erst wieder, als ich abgelöst worden war. Da ich nur wenig zu tun hatte, konnte ich mir Rechenschaft darüber geben, was etwa zu tun bliebe, die uns anvertrauten Menschen vor dem allgemeinen Untergang zu bewahren. Im kleinen Kreis der Vertrauten berieten wir, was etwa zu tun wäre, wenn das Ende für uns herannahte. Der Personalchef hatte mir einen Scheinauftrag zur Mitarbeit in seinem Ressort gegeben. Auf diese Weise hatten wir die Möglichkeit, gleichsam dienstlich und ohne Verdacht zu erregen, die jeweilige Lage und die sich daraus für uns ergebenden Maßnahmen zu erörtern. Obwohl unsere Beratungen nach Meinung der offiziellen Führung als konspirativ zu bezeichnen waren, hatten wir nicht die Absicht, uns verräterisch zu betätigen, sondern lediglich zu planen, was uns zu tun möglich sein würde. Uns war natürlich klar, daß wir damit um Kopf und Kragen spielten. Einig waren wir darin, daß es angesichts der Lage ehrenvoller sein würde, aufgehenkt zu werden, als die Verantwortung für sinnlose Heldentode zu übernehmen.
Der Admiral hatte an diesen Betrachtungen keinen Anteil. Seitdem ich von ihm entlassen war, hatte ich mich bei ihm auch nicht sehen lassen. Doch er rief mich eines Tages an: „Halaski, ich habe Euch schon lange nicht gesehen. Kommt doch mal eben rauf." Er wollte mit mir wieder die Lage besprechen und forderte mich auf, täglich bei ihm dazu zu erscheinen. So standen wir immer wieder vor der Karte, verfolgten die Frontbewegungen und rechneten nun beide damit, daß wir lediglich abzuwarten hatten, bis die gegnerischen Truppen

Die hängen uns auf

uns überrannten. Ich nehme an, daß der kluge Mann ahnte, was unter einem Teil seines engsten Stabes besprochen wurde, ja, daß er selbst ähnliche Gedanken hegte. Er fragte mich: „Was sollen wir tun?" Ich darauf: „Wenn es soweit kommt, kampflos übergeben." Er: „Die hängen uns auf." Meine Entgegnung: „Herr Admiral, ich hoffe, daß meine Frau Verständnis dafür haben würde, wenn ich jetzt aufgehenkt werde, nicht aber dafür, wenn ich jetzt noch am Tode anderer Menschen schuldig würde." Von da an konnte ich mit Engels offen reden und ihn dafür gewinnen, daß er aus Distanz an unseren Plänen beteiligt wurde.
Ehe es jedoch dazu kam, diese Pläne durchzuführen, gab es noch zwei einschneidende Veränderungen beim 2. AdN. Der Chef des Stabes wurde von der Führerin der Marinehelferinnen aufgrund einer seiner zahlreichen „Weibergeschichten" moralisch und politisch denunziert, zum Unteroffizier degradiert und an die Ostfront geschickt. Diese Dame, von Geburt Schweizerin, wie sie sagte, gehörte zu den politischen Scharfmarchern, hatte jedoch kaum Gelegenheit, sich dementsprechend zu betätigen, da ihre Tätigkeit auf den Bereich der Marinehelferinnen begrenzt war. Als neuer Chef des Stabes kam Kapitän zur See Magnus zu uns. Für diesen war das Kommando eine Art Strafversetzung, weil er sich als Festungskommandant von Stettin „nicht bewährt" hatte. Magnus ließ mich bald zu sich kommen, sprach sehr offen über die ausweglose Situation und erklärte mir, daß er mich als seinen Adjutanten betrachte. Wir hatten mit ihm einen neuen, zuverlässigen Bundesgenossen gewonnen.
Die zweite Veränderung hing damit zusammen, daß das Oberkommando der Kriegsmarine von Berlin nach Schleswig verlegt wurde. Hier im äußersten Norden Deutschlands sollte die letzte Führungsstelle konzentriert werden. Die Hälfte unseres Personals, also etwa 1000 Mann und 1000 Marinehelferinnen wurden von Buxtehude nach Schleswig verlegt. Die militärische Kraft des verbleibenden Restes, soweit sie überhaupt bestanden hatte, wurde dadurch entscheidend geschwächt.
Als nach der erfolglosen Ardennenoffensive die Alliierten auch im Westen Deutschland schrittweise besetzen konnten, wurde uns mitgeteilt, daß unser Gebiet zum Bereich des Festungskommandanten von Hamburg gehöre. Admiral Engel erklärte demgegenüber, daß er sich militärisch für Buxtehude verantwortlich wisse, konnte aber nicht verhindern, daß von da ab mehrfach bei uns Gruppen der Feldgendarmerie und der SS kontrollierten. Das ganze Gebiet sollte in Verteidigungszustand versetzt werden. Dazu gehörte zunächst, daß Brücken und Straßen zur Sprengung durch Minen von einem aus Hamburg kommenden Kommando präpariert werden sollten.

Brücken sprengen ?

Bei uns bestand Einverständnis über zweierlei:
1.) weder gesprengte Brücken noch Straßen würden den Vormarsch der Alliierten aufhalten.
2.) aber könnte diese Maßnahme der Zivilbevölkerung nicht verborgen bleiben, müßte sie verunsichern und vermehrte die Gefahr, daß viel zu früh lebensnotwendige Verkehrswege lahmgelegt würden. In den Verhandlungen mit den Verantwortlichen für dies Kommando wurde erreicht, daß lediglich ungeschärfte Minen verlegt wurden, während der Befehl lautete, diese sogleich explosionsfähig zu machen. Als am Tage nach der Verlegung bekannt wurde, daß Unbekannte diese Minen an den Brücken ins Wasser geworfen hatten, gab es dafür ein aufatmendes Gelächter.
Admiral Engel hatte dem Festungskommandanten (in Hamburg) zugesagt, daß in Buxtehude alles bereits getan sei, den ganzen Ort in Verteidigungszustand zu versetzen. Unser Plan sah so aus:
In Richtung auf den zu erwartenden Angriff sollten Schützengräben ausgehoben werden, an den Straßen Männer mit den bei uns verfügbaren Panzerfäusten Stellung beziehen. Der Befehl über etwa notwendig werdende Operationen wurde einem Hauptmann des Heeres mit Fronterfahrung übertragen, Hans Haverkamp. Mit ihm, der unsere Pläne kannte, wurde vereinbart, daß zwar jeder Soldat, falls er persönlich angegriffen würde, von seiner Waffe Ge-

Kein Feuerbefehl

brauch machen konnte, daß aber in den einzelnen Abschnitten ein allgemeiner Feuerbefehl nur von ihm, nicht aber von den Abschnittskommandanten gegeben werden dürfte. Die Marinehelferinnen sollten in ihren Unterkünften bleiben. Der Admiral behielt sich vor, den Termin für eine voraussehbare Kapitulation selbst zu bestimmen.

Bis zur letzten Patrone?

Zur Waffenausrüstung des 2. AdN gehörten übrigens auch zwei Packgeschütze. Mit deren Bedienung war lediglich einer unserer Offiziere vertraut. Der aber war ein überzeugter Nazi, der nach den ominösen Führerbefehlen bereit war, wirklich bis zur letzten Patrone zu kämpfen. Es wäre schlimm geworden, wenn er an der zu erwartenden Begegnungsstelle mit den alliierten Truppen, also an der Straße nach Moisburg, Stellung bezogen hätte. Deshalb wurde ihm erklärt, daß die Truppe durchaus in der Lage sei, den Feind aufzuhalten, es aber wichtiger sei, diesem den Weg nach Stade, sollte er uns überrennen können, zu versperren. Das naive Gemüt ging auf diesen Trick ein.
In diesen letzten Tagen wurden bei uns noch zwei Maßnahmen durchgeführt. Die eine mit der Zustimmung des Festungskommandanten, den unser Admiral auf jede Weise zufriedenstellen und vor allem Argwohn bewahren wollte. Alle Geheimakten wurden verbrannt.
Die andere Maßnahme war gewiß gegen jede militärische Regel und wurde deshalb auch nur unter dem Protest unseres Verwaltungskapitäns durchgeführt. Unsere Kleiderkammer verfügte noch über erhebliche Bestände, sowohl an Uniformteilen wie an Unterwäsche und Bettzeug. Die Übergabe an die Stadt erschien uns unmöglich, ohne daß wir in Verdacht gerieten, also wurde ein Plan aufgestellt, nachdem jeder mit einem gleichen Anteil bedacht wurde. Die Marinehelferinnen bekamen statt Uniformteilen andere Dinge. Mancher von uns, soweit er nicht in der Kriegsgefangenschft beim Filzen seinen Anteil verlor, konnte später diese Zuteilung gut gebrauchen.
Die Skrupel, die unserem Verwaltungschef diese letzten Tage besonders schwer machten, wurden mir deutlich, als er mich am letzten Tag auf dem Kasernenhof ansprach: „Was soll ich tun? Der Befehl lautet, sich bis zur letzten Patrone zu verteidigen. Ich habe eine Pistole." Die Rangunterschiede wurden bei uns zwar noch beachtet, hatten aber ihren Zwang verloren. So antwortete ich ihm recht kühn: „Herr Kapitän, es ist äußerst gefährlich und zudem sinnlos, einem Elefanten mit einer Stecknadel in den Rüssel zu stechen. Entladen Sie Ihre Pistole und werfen die Patronen weg." Was er dann getan hat, weiß ich nicht. Er ging aber mit uns allen in die Gefangenschaft.

Die Front rückt näher

Daß die Front näherrückte, bemerkten wir daran, daß wir bereits näherkommendes Geschützfeuer hörten. Jetzt wurde es Zeit, unseren Verteidigungsplan auszuführen. Unsere Männer wurden in die Schützengräben eingewiesen, den Offizieren und Unteroffizieren noch einmal eingeprägt, daß lediglich bei direktem Angriff wiedergeschossen werden dürfe, daß aber ein allgemeiner Schießbefehl von Haverkamp, unserem Festungskommandanten erteilt werden würde.
Haverkamp hatte sich in einem höher gelegenen Waldstück einen Befehlsstand ausbauen lassen, von dem er das Gelände weithin übersehen konnte. Er ist dort geblieben, bis die Engländer unserem Kriegsspiel ein Ende bereiteten. Mich beauftragte er, an die einzelnen Frontabschnitte zu gehen, um nach dem Zustand zu sehen, in dem sich die Truppe befände. Als ich bei einen diese Gänge am 20. April morgens an einen Schützengraben kam, meinte einer der Matrosen: „Haben Sie das Geläut zu Hitlers Geburtstag heute früh gehört?" Allgemeines Gelächter, denn am Morgen hatten lediglich die feindlichen Geschütze gedonnert.
Vergessen habe ich, ob bereits an diesem oder erst am folgenden Tag die englische Truppe sich uns auf Schußnähe heranschob. Gegenüber dem nicht mehr vorhandenen Widerstand von unserer Seite hätten wir ein schnelleres Zupacken erwartet und auch erwünscht. Siegreiche Truppen aber vermeiden jedes Risiko und müssen darauf Rücksicht nehmen, daß von den Siegesbewußten keiner mehr einen sinnlosen Heldentod sterben will.

Das Risiko Volkssturm

Dies Risiko bestand in dem durch Goebbels Propaganda verkündeten Einsatz von Volkssturm und vor allem dem Wehrwolf. Mit unerwarteten Aktionen von diesen beiden nichtmilitärischen Gruppen mußten sowohl die Engländer wie wir rechnen. Die Alliierten hatten mit beiden einige Begegnungen gehabt, die bei geringen Verlusten für die Angegriffenen den Vormarsch weder verhindern oder auch nur aufhalten konnten. Für uns hätte der Einsatz dieses letzten Aufgebots die Gefährdung, wenn nicht gar das Scheitern unseres Planes bedeuten können. Dann aber hörten wir, daß die alten Männer des Volkssturms es vorgezogen hatten, nach Hause zu gehen, und von den Wehrwölfen hörten wir nichts. Wer weiß, ob in der Umgebung Buxtehudes die Pimpfe der HJ überhaupt aufgeboten wurden.

MG-Feuer über den Köpfen

Wir waren deshalb überzeugt, daß unser Plan gelingen müßte, als an einem strahlend schönen Frühlingstag die Engländer nachmittags an einigen Stellen MG-Salven auf uns abschossen. Wir konnten vom Befehlsstand aus mit dem Fernglas die Stellungen der Angreifer ausmachen, waren uns aber einig, daß wir mit unseren wenigen Maschinengewehren nicht antworten dürften. Wir ließen uns also dies MG-Feuer über die Köpfe pfeifen, hatten aber nicht einmal einen Verwundeten zu beklagen. Soweit war unsere Rechnung aufgegangen. Dann aber kam es zu einem überaus komischen Zwischenfall bei uns.
Der Kapitänleutnant, der Herr über unsere Paks, verspürte Tatendurst, als er das MG-Geknatter hörte. Er erschien im Befehlsstand und wollte die Verlegung seiner beiden Panzerabwehrkanonen an die „Front" erreichen. Haverkamp meinte jedoch, dazu sei die Lage noch zu undurchsichtig. Es wäre gut, wenn unsere Hitleroffiziere sich ein Bild von der Lage an den einzelnen Frontabschnitten verschafften. Er wurde in den Beiwagen eines Krads gesetzt, das von einem Mann gefahren wurde, der, wie wir wußten, kein Risiko eingehen würde. Nach etwa einer Stunde kamen die beiden zurück. Unser Held ganz aufgeregt, denn eine MG-Kugel hatte ihm den hinteren Rand seines Stahlhelms verbeult.
Als er ganz erfüllt von diesem Erlebnis berichtete, dabei nun seinen Einsatz forderte, sagte ich: „Herr Kaleu, wenn wir jetzt Schnaps hätten, müßten wir doch zuerst einen trinken." Damit hatte ich ihn an einer seinen schwachen Seiten gepackt. „Schnaps", so meinte er, „habe ich noch genug." Noch einmal mußte er also in den Beiwagen des Krads, um aus der Kaserne seinen Schnaps zu holen. Wir haben ihn dann so vollaufen lassen, daß er einschlief. Nun wurde er in den Beiwagen verfrachtet und unser Melder hat ihn in der Kaserne ins Bett gebracht, wo er bis zum nächsten Morgen seinen Rausch ausschlief.

Die haben uns beschissen

Es sei noch angemerkt: als wir, nun Kriegsgefangene auf Lkws abtransportiert wurden, sah er wie wir alle am dritten Tag danach die ungeheuren Mengen von Treibstoffkanistern, von Munition und Verpflegung, die die Engländer an den Straßenrändern aufgeschichtet hatten. Er stand hinter mir und sagte mit tiefem Seufzen: „Kamerad Halaski, was haben die uns beschissen, was haben die uns beschissen." So endete seine Hitlertreue.
Gegen Abend wurden einige Kanonenschüsse auf uns und Buxtehude abgegeben. Bei uns richteten sie keinen Schaden an, in der Stadt soll eine Granate ein Dach zerschlagen haben, wie uns berichtet wurde, ohne daß weiterer Schaden entstanden sei. Da nach einigen Schüssen völlige Stille eintrat, begab ich mich in die Kaserne, um den Admiral anzurufen, der sich in seiner Wohnbaracke bei seiner Familie befand.

Noch keine Übergabe

Wir wollten bereits jetzt nach dieser kleinen Kanonade übergeben, da wir weitere Bedrohungen für die Stadt und uns vermeiden wollten. Ich bekam aber von Admiral Engel eine klare Absage. Er war der Meinung und darin kannte er die Engländer besser als wir, es würde jetzt bis zum nächsten Morgen Ruhe eintreten, da die Engländer bisher auf keine Gegenwehr gestoßen seien. Verständlich war mir durchaus, daß Engel aus mehreren Gründen das Ende soweit wie möglich hinausschieben wollte. Einmal mußte er damit rechnen, daß der Festungskommandant Hamburg doch noch eingriff. Dann aber waren alle Verantwortlichen gefährdet. Außerdem wollte er solange wie eben möglich bei seiner Familie bleiben, die ja bei Mißlingen unseres Planes der Sippenhaft verfallen wäre.
Es gab in der Tat eine ruhige Nacht, in der ich noch einmal in meinem Bett schlafen konnte. Als aber am frühen Morgen wieder vereinzelt Maschinengewehrfeuer zu hören war, erklärte sich auf meinen Anruf Engel einverstanden. Er wollte jedoch vorher in die Kaserne kommen und mit Haverkamp und mir, die wir als Parlamentäre hinüberfahren sollten, die Lage besprechen. Mit dem Dienstwagen des Admirals fuhren wir beide also los, ich hielt eine weiße Flagge, die uns der Fahrer des Befehlshabers gebastelt hatte, aus dem Fenster. Als wir die letzten Häuser von Buxtehude passierten, wurden wir von den Bewohnern eines Hauses bedroht, doch nicht an der Weiterfahrt behindert.

Die Kapitulation

Die Begegnung mit dem britischen Divisionär erfolgte auf der Straße. Wir hatten vereinbart, daß wir in alter Form militärisch, nicht aber mit dem befohlenen Hitlergruß salutieren würden. Der Engländer und sein Stab empfingen uns höflich und sachlich. Bevor wir jedoch das Gespräch miteinander führen konnten, gab er den Befehl, das Feuer einzustellen und sagte uns, daß er erfahren habe, einer unserer Männer sei soeben verwundet worden. Den wolle er zuerst holen lassen. Nach einiger Zeit kam er wieder zu uns, berichtete, daß es sich nicht um eine schwere Verwundung handele. In dem folgenden Gespräch, das im wesentlichen von unserer Seite hauptsächlich von Haverkamp, er war Studienrat für Englisch, geführt wurde, boten wir die Kapitulation an, da wir in keiner Weise uns gegen einen Angriff verteidigen könnten und baten um menschliche Behandlung für die Bevölkerung der Stadt und der Marinehelferinnen. Beides wurde uns zugesagt und ein etwas späterer Termin vereinbart, zu dem die ersten englischen Soldaten im Kasernenbereich erscheinen würden.
In der Kaserne hatten wir inzwischen bekanntgeben lassen, daß die Engländer kämen, und daß sich jedermann ruhig verhalten und zu keinen törichten Handlungen herausfordern lassen sollte. Zwar in Erwartung der kommenden Dinge, aber ruhig wie an jedem anderen Tag ging das Leben bei uns weiter.
Dann erschien der Divisionär mit einem kleinen Kommando. Die Begegnung mit Engel verlief höflich. Es wurde ihm gestattet, mit Begleitung noch einmal in sein Haus zu fahren, mir wurde übertragen, mit einem Offizier des britischen Stabes zuerst durch die Häuser unseres Bereiches, dann aber die Stellungen einzeln abzugehen. Als wir in unserer Fernmeldezentrale kamen, sagte mir einer unserer Oberfeldwebel, daß ihm bereits von einem englischen Soldaten seine Armbanduhr abgenommen worden sei. Ich ging mit ihm zu dem Divisionär, der erklärte, dies sei streng verboten. Wir sollten ihm den Mann bringen, dann würde er ihn vor uns bestrafen. Das war natürlich nicht möglich, aber ein erstes Anzeichen für die vielen Filzereien, die wir in den ersten Tagen der Kriegsgefangenschaft über uns ergehen lassen mußten.

Abschied von Buxtehude

Als wir, der junge englische Offizier und ich, dann durch unser Gelände und die Häuser gingen, fiel mir auf dem Kasernenhof eine mir unbekannte Marinehelferin um den Hals, küßte mich und bedankte sich. Bis heute weiß ich nicht wofür. Während unseres Inspektionsganges durch die Stellungen, die von unseren Männern längst geräumt waren, fanden wir Waffen, die unsere Soldaten weggeworfen hatten. Der junge Engländer bemühte sich zunächst, eine jede unbrauchbar zu machen, gab es aber bald auf, weil es zu viele waren. Irgendwann entflutschte ihm dabei ein Satz in bestem Deutsch mit Hamburger Akzent. Auf meine Frage erfuhr ich, daß er dort das Johanneum besucht hatte. Ich mochte nicht mehr erfragen, jedenfalls waren seine Kenntnisse in seiner Schulsprache mindestens ebenso gut wie die in der Militärsprache, in der er seine Anordnungen traf.
In der Kaserne konnte ich mich noch von Admiral Engel verabschieden, der mit einem Jeep vor uns allen davongefahren wurde. Wir wurden nach Offizieren und Mannschaften getrennt und am Nachmittag Richtung Westen abtransportiert

Karl Halaski 

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