| Uns war klar: Wir spielten um Kopf und
Kragen" Erinnerungen des ehemaligen Adjudanten des Admirals in der Buxtehuder Kaserne |
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| Buxtehude (rsu). Im Jahr 1988 schickte Karl Halaski einen Brief an die Stadt Buxtehude. Inhalt: Seine Erinnerungen an das Kriegsende in der Stadt. Halaski war lange Zeit Adjudant des kommandierenden Admirals in der Buxtehuder Kaserne, und an der Vorbereitung für die kampflose Übergabe der Stadt am 22. April 1945 beteiligt. Halaski war Pastor und nach eigenem Bekunden Mitglied der Bekennenden Kirche", jener Gruppe in der evangelischen Kirche, die seit 1934 dem Machtanspruch der Nazis und der Deutschen Christen" entgegentrat. Unter ihnen so bekannte Männer wie Martin Niemöller. Halaski selbst lebt heute in Frankfurt am Main. Die Stadt Buxtehude beschloß zwar 1988 das Manuskript nicht zur Veröffentlichung freizugeben, doch dem TAGEBLATT genehmigte Halaski dies persönlich. In zwei Folgen drucken wir diese Erinnerungen -leicht gekürzt- ab. Die letzten Tage des 2. Admirals der Nordseestation (A.d.N.) Das große Personalbüro der Kriegsmarine für den Bereich Nordsee war während des Krieges von Wilhelmshaven in einen neuen Kasernenkomplex nach Buxtehude verlagert worden. Die recht komfortabel ausgebauten und eingerichteten Häuser lagen am Rande der Stadt und beherbergten rund 4000 Menschen, etwa zur Hälfte Soldaten, zur anderen Marinehelferinnen. Ich wurde, damals Leutnant MA, im Frühjahr 1943, zum 2. AdN kommandiert und erhielt den Auftrag, als Wehrbetreuungsoffizier mich um Anregungen für die Freizeitgestaltung des gesamten Personals zu kümmern, außerdem sollte ich Hinweise für die Truppenbetreuung im Befehlsbereich des 2. AdN ausarbeiten. Diese meine Tätigkeit war aber nur von kurzer Dauer, weil für die gesamte Wehrmacht angeordnet wurde, daß aus den Wehrbetreuungs- NS-Führungsoffiziere werden sollten. Als Pastor der Bekennenden Kirche konnte der Admiral mich nicht in dieser Stellung belassen. Ich wurde aufgefordert, als Nachfolger einen Mann vorzuschlagen, der möglichst Parteigenosse, aber gegenüber Andersdenkenden loyal sein solle. Bereits in Holland hatte ich einen aus Österreich stammenden Hauptmann des Heeres kennengelernt, Harald Edler von Petrykovetz, der bei der Marine Dienst tat, ihm traute ich zu, daß er die nötigen Qualifikationen mitbrachte. Er wurde auf meinen Vorschlag an meiner Stelle eingesetzt und hat uns nicht enttäuscht. Ich wiederum bekam die Stelle des Adjutanten beim Admiral. Kaum Verbindungen zur Stadt Zur Stadt Buxtehude bestanden kaum Verbindungen. Einige wenige
Offiziere, die der Partei angehörten, mögen Kontakte unterhalten haben, wie es
natürlich auch die üblichen Matrosenliebschaften zu Mädchen des Ortes gab. Im Grunde
aber führte der 2. AdN abseits von der Stadt sein Eigenleben. Nach dem Hitler-Attentat Nach dem 20. Juli 1944 erkannte der Admiral, daß er mich als
Adjutanten nicht halten konnte. Er ließ sich vom Oberkommando Nord einen etwas farblosen
jungen Mann zuweisen, der dann bis zur Kapitulation unseres Kommandos diesen Posten
wahrnahm. Ich wurde vor die Wahl gestellt, welchen Dienst ich in Zukunft haben wolle.
Sogar vom Oberkommando Nord wurden mir Angebote gemacht, aber ich blieb bei meiner These,
daß ich in diesem Orlag zwar das mache, was ich müßte, selbst jedoch keine Wahl träfe.
Inzwischen hatten der Personalchef und andere den Befehlshaber bedrängt, mich beim 2.AdN
zu behalten. So wurde ich praktisch ohne irgend eine Funktion zu haben, z. V. gestellt.
Dies letzte halbe Jahr in Buxtehude hatte ich keine geregelte Tätigkeit, sollte aber im
Einverständnis mit einem kleinen Kreis von Offizieren die kampflose Übergabe Buxtehudes
an die Alliierten vorbereiten. Der Krieg ist verloren den geäußert hatte, daß wir diesen Krieg unmöglich gewinnen
könnten. Ich war der Meinung, daß bei der unhaltbaren Lage an allen Fronten es bald zu
einem Zusammenbruch kommen müsse, der Admiral aber war davon überzeugt, daß dieser
Krieg erst nach vollständiger Niederlage beendet sein würde. Engel kannte die Briten Gast zur britischen Marine kommandiert worden war, kannte deren
Einstellung wohl genauer, behielt jedenfalls in dieser Hinsicht recht, war aber noch mehr
verunsichert, als er vom Potential der Alliierten detaillierte Angaben erhielt wie über
die schon zu der Zeit hoffnungslosen Lage, in der wir uns befanden. In dieser Nacht
hörten wir sozusagen ganz offiziell die Nachrichten der britischen Sender, die Engels
Freund dienstlich abzuhören hatte. Daß in den Unterkünften unserer Leute in Buxtehude
dies, obwohl streng verboten, heimlich geschah, war uns durchaus bekannt, denn ab und an
wurden Gespräche geführt, für die jene Kenntnisse nicht ausreichten, die man bei uns
vermittelt bekam. Konspirative Treffen Dazu kam es erst wieder, als ich abgelöst worden war. Da ich nur
wenig zu tun hatte, konnte ich mir Rechenschaft darüber geben, was etwa zu tun bliebe,
die uns anvertrauten Menschen vor dem allgemeinen Untergang zu bewahren. Im kleinen Kreis
der Vertrauten berieten wir, was etwa zu tun wäre, wenn das Ende für uns herannahte. Der
Personalchef hatte mir einen Scheinauftrag zur Mitarbeit in seinem Ressort gegeben. Auf
diese Weise hatten wir die Möglichkeit, gleichsam dienstlich und ohne Verdacht zu
erregen, die jeweilige Lage und die sich daraus für uns ergebenden Maßnahmen zu
erörtern. Obwohl unsere Beratungen nach Meinung der offiziellen Führung als konspirativ
zu bezeichnen waren, hatten wir nicht die Absicht, uns verräterisch zu betätigen,
sondern lediglich zu planen, was uns zu tun möglich sein würde. Uns war natürlich klar,
daß wir damit um Kopf und Kragen spielten. Einig waren wir darin, daß es angesichts der
Lage ehrenvoller sein würde, aufgehenkt zu werden, als die Verantwortung für sinnlose
Heldentode zu übernehmen. Die hängen uns auf uns überrannten. Ich nehme an, daß der kluge Mann ahnte, was unter
einem Teil seines engsten Stabes besprochen wurde, ja, daß er selbst ähnliche Gedanken
hegte. Er fragte mich: Was sollen wir tun?" Ich darauf: Wenn es soweit
kommt, kampflos übergeben." Er: Die hängen uns auf." Meine Entgegnung:
Herr Admiral, ich hoffe, daß meine Frau Verständnis dafür haben würde, wenn ich
jetzt aufgehenkt werde, nicht aber dafür, wenn ich jetzt noch am Tode anderer Menschen
schuldig würde." Von da an konnte ich mit Engels offen reden und ihn dafür
gewinnen, daß er aus Distanz an unseren Plänen beteiligt wurde. Brücken sprengen ? Bei uns bestand Einverständnis über zweierlei: Kein Feuerbefehl brauch machen konnte, daß aber in den einzelnen Abschnitten ein allgemeiner Feuerbefehl nur von ihm, nicht aber von den Abschnittskommandanten gegeben werden dürfte. Die Marinehelferinnen sollten in ihren Unterkünften bleiben. Der Admiral behielt sich vor, den Termin für eine voraussehbare Kapitulation selbst zu bestimmen. Bis zur letzten Patrone? Zur Waffenausrüstung des 2. AdN gehörten übrigens auch zwei
Packgeschütze. Mit deren Bedienung war lediglich einer unserer Offiziere vertraut. Der
aber war ein überzeugter Nazi, der nach den ominösen Führerbefehlen bereit war,
wirklich bis zur letzten Patrone zu kämpfen. Es wäre schlimm geworden, wenn er an der zu
erwartenden Begegnungsstelle mit den alliierten Truppen, also an der Straße nach
Moisburg, Stellung bezogen hätte. Deshalb wurde ihm erklärt, daß die Truppe durchaus in
der Lage sei, den Feind aufzuhalten, es aber wichtiger sei, diesem den Weg nach Stade,
sollte er uns überrennen können, zu versperren. Das naive Gemüt ging auf diesen Trick
ein. Die Front rückt näher Daß die Front näherrückte, bemerkten wir daran, daß wir bereits
näherkommendes Geschützfeuer hörten. Jetzt wurde es Zeit, unseren Verteidigungsplan
auszuführen. Unsere Männer wurden in die Schützengräben eingewiesen, den Offizieren
und Unteroffizieren noch einmal eingeprägt, daß lediglich bei direktem Angriff
wiedergeschossen werden dürfe, daß aber ein allgemeiner Schießbefehl von Haverkamp,
unserem Festungskommandanten erteilt werden würde. Das Risiko Volkssturm Dies Risiko bestand in dem durch Goebbels Propaganda verkündeten Einsatz von Volkssturm und vor allem dem Wehrwolf. Mit unerwarteten Aktionen von diesen beiden nichtmilitärischen Gruppen mußten sowohl die Engländer wie wir rechnen. Die Alliierten hatten mit beiden einige Begegnungen gehabt, die bei geringen Verlusten für die Angegriffenen den Vormarsch weder verhindern oder auch nur aufhalten konnten. Für uns hätte der Einsatz dieses letzten Aufgebots die Gefährdung, wenn nicht gar das Scheitern unseres Planes bedeuten können. Dann aber hörten wir, daß die alten Männer des Volkssturms es vorgezogen hatten, nach Hause zu gehen, und von den Wehrwölfen hörten wir nichts. Wer weiß, ob in der Umgebung Buxtehudes die Pimpfe der HJ überhaupt aufgeboten wurden. MG-Feuer über den Köpfen Wir waren deshalb überzeugt, daß unser Plan gelingen müßte, als
an einem strahlend schönen Frühlingstag die Engländer nachmittags an einigen Stellen
MG-Salven auf uns abschossen. Wir konnten vom Befehlsstand aus mit dem Fernglas die
Stellungen der Angreifer ausmachen, waren uns aber einig, daß wir mit unseren wenigen
Maschinengewehren nicht antworten dürften. Wir ließen uns also dies MG-Feuer über die
Köpfe pfeifen, hatten aber nicht einmal einen Verwundeten zu beklagen. Soweit war unsere
Rechnung aufgegangen. Dann aber kam es zu einem überaus komischen Zwischenfall bei uns. Die haben uns beschissen Es sei noch angemerkt: als wir, nun Kriegsgefangene auf Lkws
abtransportiert wurden, sah er wie wir alle am dritten Tag danach die ungeheuren Mengen
von Treibstoffkanistern, von Munition und Verpflegung, die die Engländer an den
Straßenrändern aufgeschichtet hatten. Er stand hinter mir und sagte mit tiefem Seufzen:
Kamerad Halaski, was haben die uns beschissen, was haben die uns beschissen."
So endete seine Hitlertreue. Noch keine Übergabe Wir wollten bereits jetzt nach dieser kleinen Kanonade übergeben,
da wir weitere Bedrohungen für die Stadt und uns vermeiden wollten. Ich bekam aber von
Admiral Engel eine klare Absage. Er war der Meinung und darin kannte er die Engländer
besser als wir, es würde jetzt bis zum nächsten Morgen Ruhe eintreten, da die Engländer
bisher auf keine Gegenwehr gestoßen seien. Verständlich war mir durchaus, daß Engel aus
mehreren Gründen das Ende soweit wie möglich hinausschieben wollte. Einmal mußte er
damit rechnen, daß der Festungskommandant Hamburg doch noch eingriff. Dann aber waren
alle Verantwortlichen gefährdet. Außerdem wollte er solange wie eben möglich bei seiner
Familie bleiben, die ja bei Mißlingen unseres Planes der Sippenhaft verfallen wäre. Die Kapitulation Die Begegnung mit dem britischen Divisionär erfolgte auf der
Straße. Wir hatten vereinbart, daß wir in alter Form militärisch, nicht aber mit dem
befohlenen Hitlergruß salutieren würden. Der Engländer und sein Stab empfingen uns
höflich und sachlich. Bevor wir jedoch das Gespräch miteinander führen konnten, gab er
den Befehl, das Feuer einzustellen und sagte uns, daß er erfahren habe, einer unserer
Männer sei soeben verwundet worden. Den wolle er zuerst holen lassen. Nach einiger Zeit
kam er wieder zu uns, berichtete, daß es sich nicht um eine schwere Verwundung handele.
In dem folgenden Gespräch, das im wesentlichen von unserer Seite hauptsächlich von
Haverkamp, er war Studienrat für Englisch, geführt wurde, boten wir die Kapitulation an,
da wir in keiner Weise uns gegen einen Angriff verteidigen könnten und baten um
menschliche Behandlung für die Bevölkerung der Stadt und der Marinehelferinnen. Beides
wurde uns zugesagt und ein etwas späterer Termin vereinbart, zu dem die ersten englischen
Soldaten im Kasernenbereich erscheinen würden. Abschied von Buxtehude Als wir, der junge englische Offizier und ich, dann durch unser
Gelände und die Häuser gingen, fiel mir auf dem Kasernenhof eine mir unbekannte
Marinehelferin um den Hals, küßte mich und bedankte sich. Bis heute weiß ich nicht
wofür. Während unseres Inspektionsganges durch die Stellungen, die von unseren Männern
längst geräumt waren, fanden wir Waffen, die unsere Soldaten weggeworfen hatten. Der
junge Engländer bemühte sich zunächst, eine jede unbrauchbar zu machen, gab es aber
bald auf, weil es zu viele waren. Irgendwann entflutschte ihm dabei ein Satz in bestem
Deutsch mit Hamburger Akzent. Auf meine Frage erfuhr ich, daß er dort das Johanneum
besucht hatte. Ich mochte nicht mehr erfragen, jedenfalls waren seine Kenntnisse in seiner
Schulsprache mindestens ebenso gut wie die in der Militärsprache, in der er seine
Anordnungen traf. Karl Halaski |
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