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| Gestatten? Paul Pinscher aus Stade, Mäusejäger, Bratwurstdieb und jetzt auch noch Flirt-Medium. Foto: Rivinius-Stucke |
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Wenn das Flirt-Medium kläfft . . .
Hunde sind laut Studie die beste Flirt-Hilfe – JOURNAL-Redakteurin im Selbsttest mit Gasthund Paul Pinscher aus Stade
Stade. .
Paul teilt jetzt sechs Wochen lang mein Leben. Paul Pinscher ist mein Feriengast; seine Familie macht Urlaub. Der zarte Paul mit seinem unschuldsvollen Rehblick ist ein großer Kuschler, Mäusejäger und gewiefter Bratwurstdieb. Im Internet lese ich, dass Paul sogar noch mehr ist: ein perfektes Flirt-Medium.
Das ist tiefenpsychologisch belegt. Der Hund „sucht von sich aus ungezwungen den Kontakt, macht sich selbst zum Flirtmedium“, schreibt das Kölner Rheingold-Institut für qualitative Marktforschung in einer Studie (2005), derzufolge der Hund der Flirtfaktor Nummer Eins ist.
Laut einer repräsentativen Umfrage zur Rheingold-Studie fördern Hunde soziale Kontakte ungemein: 77 Prozent aller Befragten kamen durch den eigenen oder einen anderen Hund schon einmal ins Gespräch mit Unbekannten. Bei jedem Zehnten (!) führte dies angeblich zu einer festen Partnerschaft.
Wow. Das sind Informationen. Ich gucke das Paulchen an, das sich rücklings auf dem Sofa aalt und gekrault werden will. Ob Paul wirklich ein Flirt-Medium ist? Das sollte doch herauszufinden sein.
Paulchens Einzug bei mir wird von meinen Nachbarn mit großem Interesse zur Kenntnis genommen. Selbst Nachbarn, mit denen ich sonst allenfalls ein „Hallo“ wechsele, kommen heran und geben ein „Der-ist-ja-süß!“ von sich. Spätestens dann verstummen sie: Paulchen kläfft ohrenbetäubend und verteidigt mich nach Kräften, obwohl ich gar nicht verteidigt werden will. Ich lächle besonders nett: „Er ist noch fremd hier“. (So benimmt er sich zwar nicht, aber irgendwas muss ich ja sagen.)
Beim Gassi-Gehen in den Stader Stadtwiesen treffe ich jetzt schon zum zweiten Mal einen potenziellen Flirt-Kandidaten: Sportlicher gutaussehender freundlicher Typ mittleren Alters. Er führt so eine Art Bluthund an der Leine und bei der zweiten Begegnung erkennt er uns – oder zumindest das Paulchen – wieder: „Na du, erinnerst Du Dich?“, fragt er in Richtung Pinscher.
Das läuft exakt nach Kommunikations-Flirt-Plan: Wir Hundebesitzer sind unbefangen und haben die Hunde als gemeinsames Interesse und Gesprächsthema. Jetzt könnte, idealerweise, Paul noch auf das fremde Herrchen zugehen und das Eis brechen. Tut er aber nicht. Paul stemmt sich mit seinen Pinscher-Vorderläufen in die Luft und gegen die Leine, bis er in Nasenhöhe des großen Hundes ist und hebt ein bitterböses knurrendes Gebell an. Ich und mein Flirt-Kandidat zerren ruckartig an den Leinen und vergrößern den Sicherheitsabstand der Vierbeiner. Zum wiederholten Mal krame ich mein verständnisheischendes Lächeln hervor und verabschiede mich hastig.
Paul, so funktioniert das nicht! Laut Umfrage fliegen 76 Prozent aller Befragten auf gut erzogene Hunde. Gut erzogen – hast du das gehört, Paul? Wie sollen wir denn flirten, wenn du jeden verbellst? Angeblich gibt der Hund auch noch erste Einblicke in den Charakter seines Besitzers. Oje. Ich werde dich künftig verleugnen und jedem erzählen, dass du bloß ein Feriengast bist, Paulchen!
Immerhin: Laut Umfrage stehen 71 Prozent der Befragten auf niedliche und 64 Prozent auf kleine Hunde. „Auch Eigenschaften wie Natürlichkeit, Lebhaftigkeit und Eigenwilligkeit werden geschätzt“, heißt es. Da müsste ich mit Paul doch noch Chancen haben – schließlich ist er ein Fünf-Kilo-Energiebündel mit tiefgründigen braunen Rehäuglein, Fledermausohren und Ringelschwänzchen. Wirklich süß!
Was für einen enormen Flirt-Faktor der freche Paul in sich birgt, offenbart sich erst bei einer Stippvisite in München (wo Hunde seiner Größe übrigens gerne auch als „Zamperl“ oder „Zwackerl“ bezeichnet werden).
Mit einer Clique aus guten Freunden sitze ich in einem Schwabinger Café, Paul hat sich auf meinem Schoß platziert. Plötzlich stürzt eine bildhübsche fröhliche Studentin ins Café und einfach so auf Paul zu. Sie herzt und knuddelt ihn. Paul, der so was bei Fremden eigentlich gar nicht mag, freut sich herzergreifend, jiept begeistert und leckt der Studentin die Finger. Wir kommen ins Gespräch und nach großem Paulchen-Hallo, verabschiedet sich die junge Frau. Manfred aus unserer Clique, seines Zeichens Single und auf Kontaktsuche, hat den Vorgang staunend beobachtet und erklärt kurzentschlossen: „Den Pauli leih´ ich mir aus“. Erst eine Minute später geht ihm auf: „Die hat ja bloß den Hund angeschaut!“ Bitter, aber wahr. Die hübsche Studentin fand nur den Paul süß und nicht den Manfred – mit dem hat sie kein Wort gewechselt . . .
Wieder in norddeutschen Landen, treffe ich auf einem Feldweg einen potenziellen männlichen Flirt-Kandidaten. Zwei kräftige Rhodesian Ridgebacks hat er dabei, einen an der Leine, der andere läuft frei. Das Herrchen ist wirklich attraktiv. Die Hunde kommen aus Afrika erzählt er, und er selbst lebe auch dort und sei bloß für zwei Monate daheim in Deutschland. Na, das ist doch interessant. Obwohl ich seine Hunde die ganze Zeit über argwöhnisch im Auge behalte (wenn Paul bloß nicht mit denen in Streit gerät), bleibe ich stehen.
Wir plaudern über seine Schwierigkeiten mit den Impfbescheinigungen für die Hunde-Reisen. Und ich gebe stolz damit an, wie Paulchen auf diesem Feldweg schon zwei Mäuse gefangen und verspeist hat. Seine Hunde jagen auch, erzählt mein Flirtpartner. Ich betrachte die Ridgebacks: Nicht riesig, aber kräftig, allein schon die muskelbepackten Beine!
„Würden die auch auf Rehe gehen?“ erkundige ich mich. Das Herrchen zögert einen Augenblick. „Die wurden eigentlich für die Löwenjagd gezüchtet.“ Löwen! Großer Gott! Und ich stehe hier mit dem kleinen Paul! Den futtern die ja glatt zum Nachtisch! Ich zerre Paul hinter mich. Das Herrchen der Löwenhunde setzt beruhigend hinzu: „Sie greifen die Löwen ja nicht an, sie stellen sie nur. Bei Antilopen packen sie aber auch direkt zu.“ Na toll. Wirklich beruhigend. Der frei laufende Ridgeback, der noch die Bissspuren seines Artgenossen im Gesicht trägt, will das Paulchen beschnuppern. Ich nehme meinen sichtbar nervösen Flirtfaktor jetzt doch sicherheitshalber auf den Arm. Das Herrchen der beiden Afrika-Hunde plaudert noch weiter, aber ich bin nicht mehr bei der Sache. Die Löwen spuken in meinem Hirn herum. Als wir uns verabschieden, atme ich erleichtert auf. Schade irgendwie. Aber Hauptsache, das Paulchen ist heil.
Nach gut einem Monat mit Ferienhund Paul bilanziere ich: Die Anzahl meiner „sozialen Fremdkontakte“ hat sich tatsächlich immens gesteigert. Mit Paul werde ich auch öfter von fremden Leuten ohne Hund angesprochen. Etwa mit jedem dritten Hundehalter, der mir begegnet, egal ob Frauchen oder Herrchen, werden ein paar Worte gewechselt. Manchmal sind es wirklich nur ein paar Worte („Ist Ihrer auch ein Rüde?“), aber manchmal wird es auch ein kleiner Plausch.
Manchmal ist der Plausch womöglich auch ein kleiner Flirt – der dauert aber stets nur so lange, bis das Paulchen seine Stimme erhebt. Dann ist Schluss mit lustig! Dann wird nicht mehr geflirtet. Dann wird Gassi gegangen. Paul passt auf. (knk)
22.08.2007
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