10.04.2017, 17:22
Ein Konzert wie ein Best-of-Album
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HAMBURG. Gianna Nannini lockt reichlich Publikum in das sogenannte Mehr!Theater am Großmarkt in Nahezu ausverkauft ist die Mehrzweckhalle, deren schlichte Eleganz ähnlich imposant ist wie der satte, nachgerade perfekt ausgesteuerte Sound.

Von Hendrik Werner

Signora Nannini und ihr Team lassen die Veranstaltung vorbildlich pünktlich beginnen; womöglich hat es sich mittlerweile bis in Künstlerkreise herumgesprochen, dass auswärtige Hamburg-Besucher ein ums andere Mal Zitterpartien absolvieren müssen, um noch mit öffentlichen Verkehrsmitteln ins heimische Bett zu gelangen.

Nach ihrem jüngsten Best-of-Album nennt die 62-Jährige, die seit 2010 Mutter einer Tochter ist, ihre musikalische Europareise (die nur eine norddeutsche Station beinhaltet) „Hitstory“-Tour. Dieses Wortspielchen ist zwar ähnlich verschmockt wie Michael Jacksons „HIStory“-Tour (1996-97), dafür aber weniger größenwahnsinnig. Überhaupt ist Bodenständigkeit wohl das Attribut, das Nannini-Fans dies- wie jenseits der Alpen auf Anhieb zu ihrem betont leger auftretenden Idol einfällt – trotz eines bemerkenswert hoch dotierten Steuerhinterziehungsskandals vor gerade mal drei Jahren.

Reise durch vier Jahrzehnte Erfolgsgeschichte

Im Theater am Großmarkt steigt Nannini denkbar stark in ihre musikalische Leistungsschau ein: Nach einem Präludium, das sechs ganz in Rot gewandete Streicher bestreiten, macht sie binnen Sekunden deutlich, dass es sich nur dem Augenschein nach um ein bestuhltes Konzert handelt: „America“, ihre auf das Jahr 1980 datierende Debütsingle, ist der kraftvoll instrumentierte Ausgangspunkt einer Reise durch eine bald vier Jahrzehnte währende Erfolgsgeschichte. Nahtlos schließt sich die ebenfalls sehr druckvolle Nummer „Avventuriera“ aus dem Jahr 1986 an.

Gianna Nannini, die ihren Dienst am Lustgewinn des Publikums nicht von ungefähr in Trainingshose antritt, ist nicht nur eine sportliche, sondern zudem eine aufmerksame Zeremonienmeisterin. Mal neckend, mal fordernd und stets überbordend gestenreich bedient sie die Show-Begehrlichkeiten des Publikums (mehrheitlich 50+), das sich an diesem bezaubernden Abend vollauf gesehen fühlen darf.

„Profumo“ ist der Titel der ersten Ballade an diesem in Sachen Tempo und Temperament angenehm ausgewogenen Abend, der Freunde der resoluten Rockröhre ebenso zufriedenstellt wie Anhänger der empfindsamen Liebesleidliedlyrikerin. Der unwiderstehliche Crisp der Sängerin, deren akademische Abschlussarbeit in den Fächern Philosophie und Philologie die Beziehung des Körpers und der Stimme thematisierte, schlägt freilich in allen Songs durch, sogar in „Nel blu dipinto di blu“, hierzulande besser bekannt als „Volare“.

Bühnenquirl Nannini interpretiert diese geliehene Quasi-Ersatz-Nationalhymne mit der Unterstützung ihrer spielfreudigen Band extrem rockig. Das treibt dem Lied zwar die Zwischentöne aus. Die sind dafür prompt alle wieder da, wenn die kleine Sängerin die ganz großen Gefühle bemüht.

Und die werden zuckergussgleich und umfänglich spendiert von der Konditortochter, die sich vor ihren geisteswissenschaftlichen Studien in den ästhetischen Disziplinen Klavier und Komposition ausbilden ließ: „Ragazzo dell’Europa“ ist eine heute mehr denn je angezeigte Verbeugung vor dem europäischen Einigungsgedanken, „Meravigliosa Creatura“ eine erhabene Liebeserklärung an die Liebe, „Un’estate italiana“ (im Zugabenblock) auch ohne die angestammte Mitwirkung von Eduardo Bennato die perfekt modellierte Erinnerung an einen Sommer, in dem die Deutschen in Rom Fußballweltmeister wurden.

Zudem gibt es in teilweise neuen verspielten Arrangements die Evergreens „Sei nell’anima“, „Hey Bionda“, „Bello e impossibile“ und „I Maschi“ auf die Ohren, nicht zu vergessen: einen wuchtig vorgetragenen „Latin Lover“.

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