15.03.2017, 17:44
Hanne Darboven: Eine Konzeptkünstlerin aus Harburg
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HAMBURG. Die Harburgerin Hanne Darboven war eine international renommierte Künstlerin. Ihr Œuvre war riesig und umfasste die bildhafte Darstellung von Zahlenkolonnen und raumgreifenden Installationen. Jetzt sind ihre Werke in der Sammlung Falckenberg zu sehen.

Von Martin Sonnleitner

Hanne Darboven wurde 1941 in München geboren und wuchs in Rönneburg auf. Ihr Vater war Inhaber der Harburger Kaffeefirma J. W. Darboven. Ihre Mutter stammt aus Dänemark. Sie studierte von 1962 bis 1965 an der Hochschule für Bildende Künste in Hamburg. 1966 ging sie für zwei Jahre nach New York, was sie für die Konzeptkunst öffnete und ihr Werk ein Leben lang prägen und begleiten sollte. Sie starb 2009.

Die Harburger Hanne-Darboven-Stiftung hat mittlerweile einen Großteil ihrer Hinterlassenschaften aufgearbeitet. Ihr anspruchsvolles und auf dem ersten Blick auch ein wenig sperriges Werk lässt sich „als künstlerisches Schreibwerk, als bildende Kunst und als minimalistische musikalische Kompositionsarbeit bezeichnen“, heißt es seitens der 2000 gegründeten Stiftung über die Künstlerin, die am 29. April 75 Jahre geworden wäre. Die Ausstellung ist eine Kooperation mit den Deichtorhallen Hamburg.

„Harburg und Rönneburg waren Zentrum der Konzeptkünstler“

„Harburg und Rönneburg waren Zentrum der Konzeptkünstler“, schildert eine der beiden Kuratorinnen, Florentine Gallwas, die Zeit nach Darbovens New-York-Jahren, wo sie viele Kontakte zu internationalen Kunst-Korryphäen knüpfte. Es sei eine „goldene Zeit“ gewesen, in der diese Kunstart in Harburg zentriert war. Harburg und New York waren also die „zwei Punkte des Zuhauseseins“ von Darboven.

Ab 1975 befasste sich Darboven mit ihrem Hauptwerk, der „Schreibzeit“, in der sie erlebte Geschichte durch Zahlencodierungen, Worttexte, Diagramme und Fotografien festhielt, „um sich des weitgehend unbewussten Zeitflusses mit all seinen Informationen und Nachrichten zu vergewissern“, wie sie es selber beschrieb. Ein großer Teil der Ausstellung beschäftigt sich mit ihrer Arbeit „Milieu 80“. Darboven hat aus Quersummentechniken von Jahr, Monat und Zahl Kunst kreiert und somit abstraktes Tagezählen konkret gemacht, das Ganze garniert mit einem Foto pro Tag aus ihrem Atelier. „Ich versuche, fragmentarisch die Höhe zu erreichen, die mir zusteht“, lautete eine Selbstbeschreibung.

Einen besonderen Stellenwert in der Ausstellung nimmt auch das Werk „Kinder dieser Welt“ ein, das sich über eine ganze Etage des Sammlungsgebäudes erstreckt. Die Arbeit ist nach dem Ende des Kalten Krieges entstanden, es geht also um Neubeginn. Sie visualisiert und schreibt das Jahrhundert 1900 bis 1999 durch Berechnungen. Das Werk „erzeugt Monumentalität“, sagt die Kuratorin Nicole Krapat.

Da Darboven äußerst strukturiert zu Werke ging, brauche es „Zeit die Arbeit zu durchdringen“, so Krapat. Das lässt auch Rückschlüsse auf den Charakter der extrem disziplinierten Person zu. Darboven sei „unglaublich geduldig gewesen“ und habe eine „enzyklopädische Herangehensweise“ gehabt. Jede Menge Puppen aus dem Kasperletheater gehören zur akribischen Anordnung, Kinderbücher, antikes und modernes Blechspielzeug, es seien „Assoziationen mit Darbovens eigener Kinderzeit“.

Die auch sehr musikalische Künstlerin lebte zurückgezogen und öffentlichkeitsscheu in einem ausgebauten Bauernhaus ihrer Familie in Rönneburg. Ihre Werke wurden teuer verkauft, Darboven war bereits zu Lebzeiten sehr erfolgreich. Sie sei „weniger politisch“ gewesen, so Gallwas, „als auf Menschen und ihr Wohlbefinden bedacht“. Sie wolle „schaffend sein“, sagte Darboven bereits als Kind zu ihrer Mutter.

Zeitzeugen beschreiben sie als eine gleichzeitig schwierige und charmante Person, sie sei allem „direkt nachgegangen, wusste, was sie wollte“, sagt Krapas. Sie sei schöngeistig und analytisch zugleich gewesen. Darboven kam aus gutbürgerlichem Hause, ihr Großvater hatte 1895 in Harburg ein Kaffee- und Kolonialwarengeschäft eröffnet. Dennoch musste sie teilweise knapp haushalten, wie in New York, „viel Geld hat sie für Papier ausgegeben“, berichtet Krapas. 1968 hatte sie ihre erste Einzelausstellung, ab 1974 begann sich ihre Kunst gut zu verkaufen.

Sie sei „Aristokratin mit einer hölzernen Würde“ gewesen, sagt der Kunstprofessor Kasper König, habe eine „herausfordernde Arroganz“ gehabt. Ihr Markenzeichen war die Zigarette, die sie stets in der Hand hielt, und ein burschikoser Kurzhaarschnitt. Sie selbst beschrieb sich als „kosmopolitisch global“. „Ich stehe früh auf und fange an zu schreiben“, lautete eine weitere Selbstbeschreibung. Ihre Mutter sagte einst, sie habe schon „als Kind zu viel Intelligenz gehabt“.

Auch ihr Haus zu besichtigen ist ein Erlebnis. Es ist vollgestellt mit Exponaten. Ein Kimono ist dabei, ein Skelett, ein rotes Spielzeugauto, ein Segelschiff und Kinderpuppen. Es gibt alte blau-weiße Kacheln zu bestaunen, Kaffeegeschirr en masse und ein riesiges Holzpferd, das ein Freund anfertigte. „Mein Geheimnis ist, dass ich keins habe“, lautete Darbovens Credo.

Harburgs Köpfe

Der Hamburger Süden hat viele prominente Menschen hervorgebracht. In loser Folge stellt das TAGEBLATT einige von ihnen vor. Heute: die Künstlerin Hanne Darboven.

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