Ein Türkenjunge auf dem Weg in den Bundestag
Serkan Tören: Der junge Rechtsanwalt aus Stade hat gute Chancen auf ein Bundestagsmandat über die FDP-Landesliste
Es könnte die Karriere des Jahres werden. Wenn am Abend des 27. September der erste Trend zum Ausgang der Bundestagswahl vorliegt, dürften bei Serkan Tören die Sektkorken knallen, denn der junge Stader Rechtsanwalt hat allerbeste Chancen auf den Einzug in den Deutschen Bundestag - wenn die Liberalen ein zweistelliges Ergebnis in Niedersachsen erreichen, was angesichts der derzeitigen politischen Lage mehr als wahrscheinlich ist.
Serkan Tören - ein Name der bisher nicht sonderlich bekannt war, wenngleich der als Sohn türkischer Gastarbeiter in Stade aufgewachsene 37-Jährige schon lange politisch aktiv ist. Aber bisher meist nur in der zweiten Reihe. Lediglich sein vor zwei Jahren errungenes Mandat im Stader Rat sicherte ihm ein wenig lokale Aufmerksamkeit.
Was sich allerdings in den nächsten Wochen ändern wird, denn Serkan Tören kandidiert als Direktkandidat der FDP im Wahlkreis Stade/Bremervörde, was für die Menschheit im Allgemeinen allerdings auch nicht sonderlich wichtig ist. Aber: Der Stader steht auf Platz acht der FDP-Landesliste und das ist nicht nur bemerkenswert, sondern auch viel versprechend für die Region, die damit gute Chancen hat, mit einem weiteren Abgeordneten in Berlin vertreten zu sein.
Die Arithmetik ist relativ einfach: Zehn Prozent für die FDP in Niedersachsen oder mindestens zwölf Prozent für die Liberalen im Bund würden dem Stader das Mandat bringen. Eine durchaus vorstellbare Vision, denn bei der Europawahl am vergangenen Wochenende landete die FDP bei zwölf Prozent. Die Umfragen im Bund sehen derzeit einen noch höheren Stimmenanteil vor. "Noch bin ich ganz entspannt", sagt Serkan Tören, um gleichzeitig aber durchblicken zu lassen, "dass ich schon enttäuscht wäre, wenn es nicht klappen würde".
Ein Türke im Bundestag? Nicht unbedingt, denn Serkan Tören hat seit 1992 einen deutschen Pass. "Eigentlich habe ich mich immer als Deutscher gefühlt, wenngleich ich natürlich von außen auch als Türke gesehen wurde." Womit er keine Probleme hatte.
Sein Vater war 1991 als Gastarbeiter zu Siemens nach Hamburg gekommen, die Familie mit drei kleinen Kindern folgte zwei Jahre später nach Wiepenkathen. Serkan Tören war damals gerade zehn Monate alt. Zweisprachig ist er aufgewachsen und nach eigenem Bekunden über den Fußball richtig integriert worden. Auch wenn er damit heute kokettieren könnte, mag er keine Geschichten über Diskriminierungen erzählen, selbst auf dem Fußballplatz sei das alles relativ normal gewesen. Immerhin hat er es bis in die Bezirksauswahl gebracht - als Spieler bei Güldenstern. Dem Abitur am Vincent-Lübeck-Gymnasium (2,5) folgte das Studium der Rechtswissenschaften. Alles also irgendwie normal.
Wenn da nicht die Politik gewesen wäre. Wie kommt ein 20-jähriger Fußballer von Güldenstern Stade als Kind zweier hart arbeitender Türken ausgerechnet in die FDP? Eine Frage, an der Serkan Tören durchaus Gefallen findet, denn die Antwort sage viel über sein Denken: Freiheit und Bürgerrechte, das sind zwei Begriffe, die ihm schon immer wichtig gewesen seien. Und als er im Studium den ehemaligen Hamburger FDP-Politiker Ingo von Münch als Staatsrechtler hörte, machte er das, was Jugendliche normalerweise nicht machen: im Telefonbuch nach der Anschrift der örtlichen FDP-Geschäftsstelle zu suchen. Sein Glück, dass es bei den Liberalen damals ähnliche Exoten gab, wie den heutigen Hannoveraner Bundestagsabgeordneten Patrick Döhring oder den Kreishaus-Vize Eckart Lantz. Die fanden im Sog der Bundestagsabgeordneten Lisa Peters aus Buxtehude Spaß an der Politik. Am Rande gehörte auch ein gewisser Philipp Rösler dazu, der heutige Wirtschaftsminister in Hannover.
Doch weil er nicht ganz zur harten Clique der aufstrebenden liberalen Jugend-Garde gehörte, dauerte es etwas länger, bis Serkan Tören den Hebel für die Berufspolitik in die Hand nahm. Zumal er sich noch auf einer ganz anderen Ebene engagierte: In sozialen Projekten der türkischen Gemeinde in Hamburg, wo er seit vier Jahren als Anwalt in einer Kanzlei arbeitet, mit Wohnsitz Stade und liiert mit einer Iranerin.
Durchstarten in den Bundestag: "Ja", sagt Serkan Tören, das sei schon immer eine Vision von ihm gewesen. Mithelfen, um etwas zu verändern. Nicht die Welt grundsätzlich, aber schon bei den Details im Leben der Menschen. Klar, dass er in Wahlkampfzeiten an dieser Stelle das FDP-Wahlprogramm zitieren kann. Von Bürgerrechten, weniger Staat bis zum Mittelstand, was Liberale halt so verkünden. Doch bei ihm ist alles mit einer Spur Frische gewürzt.
Wer mit ihm spricht, merkt schnell, dass hier einer der Unverbrauchten spricht, einer, der es sich durchaus auch noch leisten kann, Fehler zuzugeben. Wie Serkan Töran im Rückblick auf seinen Auftritt bei der Podiumsdiskussion mit den Bundestagskandidaten am Dienstag in der Buxtehuder Halepaghenschule. Inhaltlich hat er sich tapfer geschlagen. Aber muss ein junger FDP-Politiker immer aussehen wie ein aus dem Ei gepellter FDP-Politiker mit Anzug und Krawatte?
"War ein Fehler, ich habe das bemerkt", sagt er. Im offenen schwarzen Hemd sieht er weitaus authentischer aus.
13.06.2009
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