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| Forscher sagen für dieses Jahrhundert mehr höhere Sturmfluten voraus. Die Deiche an der Elbe – hier ein Blick auf Stadersand vor einigen Jahrzehnten – sind bis 2030 angeblich erstmal hoch genug. Foto: Rihsé-Menck |
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| Die Entwicklung der Sturmaktivitäten von 1880 bis heute. Grafik: NLWKN |
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Die Ruhe vor dem Sturm
Gefährliche Sturmfluten ab Jahrhundertmitte – NLWKN-Chef Pudimat: Deiche können problemlos erhöht werden
Kreis Stade.
Sturmfluten an der Nordsee können ab Mitte des Jahrhunderts gefährlicher werden: Die Küstenforscher vom GKSS-Forschungszentrum Geesthacht prognostizieren in einer jüngst veröffentlichten Studie, dass die durch den Menschen verursachten Klimaveränderungen zu erhöhten Sturmflutwasserständen führen werden.
Für den Hamburger Pegel von St. Pauli errechneten die Forscher einen Anstieg der Sturmwasserstände für 2030 von etwa 20 Zentimetern und für das Jahr 2085 von bis zu 70 Zentimetern. „Bis 2030 aber wird der derzeitige und jetzt geplante Küstenschutz ausreichend sein“, sagt Professor Dr. Hans von Storch, Leiter des GKSS-Küstenforschungsinstituts.
Der Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) hat dennoch Hamburgs Bürgermeister aufgefordert, eine norddeutsche Sonderkommission einzusetzen: „Laut Studie wird es auf Grund der Klimaveränderungen bereits in 25 Jahren für Hamburg sehr eng. Jetzt ist der Zeitpunkt, für die nächsten Generationen verantwortungsvoll zu handeln und ein langfristiges Finanzierungsmodell für erforderliche Maßnahmen zu erarbeiten“, sagt Manfred Braasch, Hamburger BUND-Landesgeschäftsführer. Neben einem langfristig angelegtem Küstenschutzprogramm mit Deicherhöhungen sind nach Ansicht des BUND entlang der Unterelbe in den nächsten Jahren umfangreiche Rückdeichungsmaßnahmen nötig, unter anderem in Nordkehdingen.
Bei Rückdeichungen werden Deiche ein Stück weiter ins Hinterland verlegt. Heinrich Pudimat guckt kritisch. Er ist Leiter der Stader Betriebsstelle des Niedersächsischen Landesbetriebs für Wasserwirtschaft und Küstenschutz, kurz NLWKN, der zuständig ist für die Deichsicherheit.
„Rückdeichungen sind faktisch sehr schwer.“ In belebten Gegenden müssten dafür Häuserzeilen abgebrochen werden. „Und in Nordkehdingen, wo keine Bebauung ist, wäre es zwar möglich, würde aber für die Entwicklung der Wasserstände oberhalb von Nordkehdingen nichts bringen“. Die Kehdinger Deichlinie wirkt nämlich bei Sturmflut in der Elbe-Kurve als Bremse. Bei einer Rückdeichung würde diese Bremswirkung wesentlich gemindert, das Wasser könnte mit mehr Gewalt in Richtung Hamburg strömen.
In ihrer Studie untersuchten die GKSS-Küstenforscher, welchen Effekt die stetig größer werdende Menge von Treibhausgasen in der Atmosphäre auf die Sturmfluten an der Nordseeküste haben könnte. Dabei stellten sie fest, dass zwischen 2070 und 2100 Erhöhungen der maximalen Sturmwasserstände in der Größenordnung von 20 bis 40 Zentimetern entlang der gesamten Deutschen Nordseeküste wahrscheinlich sind.
Zusätzlich zu diesem sturmbedingten Anstieg der Wasserstände führe der globale Temperaturanstieg an der Nordseeküste in Zukunft vermutlich zu einer Erhöhung des mittleren Meeresspiegels um 30 bis 40 Zentimeter. Nach Vorausberechnungen des Zwischenstaatlichen Ausschusses für Klimafragen (IPPC) steigt der weltweit gemittelte Meeresspiegel bis zum Jahr 2100 um 9 bis 88 Zentimeter.
Pudimat sieht diese Prognose gelassen und den Landkreis Stade gut gerüstet. „Bei Prognosen gibt es eine große Spannbreite. Wir verfolgen sie natürlich mit großem Interesse. Wir haben seit Jahrhunderten einen Meeresspiegelanstieg von 25 bis 30 Zentimetern alle 100 Jahre. Ein Anstieg ist insofern nichts Neues und auch in unserem Küstenschutz einkalkuliert. Es ist dann etwas Neues, wenn der Anstieg jetzt deutlich schneller vorangeht. Ich denke, wir werden in zehn Jahren nochmal wesentlich schlauer sein. Die Prognosen werden immer besser und genauer.“ Im Bedarfsfall „werden und können wir unsere Deiche relativ einfach erhöhen. Auf die Deiche an der Elbe kann man ohne weiteres einen Meter oder auch zwei draufpacken. Der Untergrund hält das aus.“
Die Erhöhung kann auch fix gehen, sagt Pudimat: „Mit unserer Betriebsstelle könnten wir zehn Kilometer Deich pro Jahr schaffen. Es ist eine Frage der Finanzen und wo man die Schwerpunkte setzt. Nach der 76er Sturmflut ist ja Krautsand innerhalb von zwei Jahren eingedeicht worden.“ Die Elbdeiche von Kehdingen bis Altes Land sind zurzeit zwischen 7,90 und 8,30 Metern hoch. Die bislang letzte Deicherhöhung im Landkreis lief vor rund fünf Jahren: 50 Zentimeter mehr beim Deich in Bassenfleth, beim Atomkraftwerk.
„Ein Problem (bei einer Deicherhöhung; d. Red.) könnten Bauwerke am Deich sein“, macht Pudimat geltend. Die Aufstockung läuft bereits: „Das Lühe-Sperrwerk wird bei der Sanierung im Jahr 2007 auch erhöht. Wir haben im Raum Cuxhaven zwei Sperrwerke in Planung, für die ebenfalls Sicherheitsvorkehrungen getroffen werden. Wir werden sie höher bauen.“
Die Küstenforscher in Geesthacht haben auch das historische Sturmklima unter die Lupe genommen. Die Auswertung zeigt, dass einem Anstieg der Sturmintensität zwischen etwa 1960 und der Mitte der 90er Jahre ein Abwärtstrend voran ging und auch jetzt wieder zu beobachten ist. „Der Blick in die stürmische Vergangenheit lehrt uns zwei Dinge: Starke Stürme gab es schon immer, und seit den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts haben uns die Küsteningenieure wirksam vor den Sturmfluten geschützt. In der ferneren Zukunft zum Ende dieses Jahrhunderts wird der Einfluss des Menschen auf das Klima wahrscheinlich auch auf die Sturmfluten Norddeutschlands durchschlagen. Bis 2030 aber wird der derzeitige und jetzt geplante Küstenschutz ausreichend sein; danach muss die Situation von den Küsteningenieuren neu bewertet werden; langfristig kann sich dabei die Notwendigkeit auch neuer Schutzstrategien ergeben“, sagt Institutsleiter von Storch. (knk)
30.11.2005
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