Lässt dieser Winter Zweifel an der Erderwärmung zu?
Ein Gast-Beitrag von Dieter Kohnke
Man kann sich kaum noch daran erinnern, so oft Schnee geschippt zu haben wie im Januar 2010. Wir müssen schon ein ganzes Stück in die Vergangenheit schauen, um etwas Vergleichbares zu finden. Ähnlich schneereiche Winter hatten wir in Norddeutschland nur 1978/79, 1984/85 und 1986/87. Im Winter 1978/79 lag im Norden Deutschlands 67 Tage eine geschlossene Schneedecke.
Auch in Zeiten des Klimawandels sind längere Frostperioden mit viel Schnee durchaus möglich. Sie werden nur immer seltener auftreten.
Der diesjährige Winter spricht nicht gegen eine Klimaerwärmung, vielmehr sind die zunehmenden Zeitintervalle zwischen zwei schneereichen und kalten Wintern eher ein Indiz für die Klimaerwärmung.
Es war zu erwarten, dass sich die Stimmen derer wieder mehrten, die eine anthropogen verursachte Klimaänderung bestreiten. Auch deswegen, weil wir gerade in einer Phase leben, in der sich seit vier Jahren die globale Jahrestemperatur nicht weiter erhöht hat, sondern sogar gesunken ist. Da dies zusammenfällt mit einem Sonnenfleckenminimum, also einer Zeit geringerer Strahlungsintensität der Sonne, haben die Klimaskeptiker auch sogleich die Ursache für die Temperaturabnahme ausgemacht.
Der Anstieg der globalen Mitteltemperatur ist in den letzten 100 Jahren nicht stetig verlaufen, sondern war erheblichen Schwankungen unterlegen. So erwärmte sich die untere Atmosphäre in den Jahren zwischen 1910 und 1940 um 0,45 °C und von 1978 bis heute um 0,55 °C. In dem Zeitraum dazwischen ist sie sogar um 0,1 °C gefallen. Der Grund für diese rund 38 Jahre andauernde Stagnation der Erderwärmung ist noch nicht gefunden.
Vor diesem Hintergrund darf der Temperaturrückgang in den letzten vier Jahren also nicht überraschen. Es wäre aber falsch, daraus zu schließen, dass es mit der Erderwärmung nun vorbei sei. Ebenso falsch ist es, den Grund dafür in der momentan verminderten Strahlungsintensität der Sonne zu suchen. Da die Intensität in einem Rhythmus von elf Jahren schwankt (Sonnenflecken-Zyklus), hätte sie schon mehrfach den Temperaturanstieg unterbinden oder zumindest vorübergehend senken können. Das ist aber in den Klimadaten nicht zu erkennen.
An der russischen Antarktisstation Vostok wurde ein über 3000 Meter langer Eisbohrkern gezogen, der die Wissenschaftler 420 000 Jahre in die Klimageschichte zurück blicken ließ. Die Analysen des Kerns ergaben, dass der CO2-Gehalt der Atmosphäre in diesem Zeitraum mit dem Wechsel von Kalt- und Warmzeiten sich ebenfalls änderte, in der Weise, dass niedrige CO2-Werte immer in Kalt- und hohe immer in Warmzeiten zu beobachten waren. Das Klima schwankte in Abständen von einigen 10 000 bis über 100 000 Jahre. Diese langzeitigen Schwankungen lassen sich mit den Änderungen der Erdumlaufbahn um die Sonne erklären (Milankowitch-Zyklen).
Dies sind die langzeitlichen Änderungen, auf die sich manche Menschen gerne berufen, wenn sie sagen: Klimaschwankungen hat es schon immer gegeben. Das ist richtig.
Aber das Problem, vor dem die Menschheit heute steht, hat eine andere Dimension. Der Kohlenstoffdioxidgehalt in der Atmosphäre hat sich in nur 100 Jahren auf einen Wert erhöht, der in den letzten 420 000 Jahren nicht annähernd beobachtet wurde. Dieser rasante Anstieg des CO2 in so kurzer Zeit kann weder mit der variablen Sonnenaktivität noch mit den Bahndaten der Erde erklärt werden.
Für die jetzige Erderwärmung ist der Mensch verantwortlich. Es muss dringend der Ausstoß der Treibhausgase reduziert werden. In Kopenhagen ist man gescheitert - für mich nicht unerwartet -, und in Mexiko wird auch keine zufriedenstellende Lösung gefunden werden. Dazu sind die nationalen Interessen (noch?) zu unterschiedlich.
Übrigens ist das Jahr 2009 weltweit wieder merklich wärmer gewesen als die vorangegangenen vier Jahre. Es zählt zu den fünf wärmsten Jahren, seit mindestens 1000 Jahren.
Also lassen wir uns nicht täuschen. Das Klimaproblem bleibt unseren Kindern vorerst erhalten, daran ändert auch dieser schöne Winter nichts.
Der Buxtehuder Dieter Kohnke war Direktor und Professor am Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie in Hamburg und ist Mitglied im TAGEBLATT-Kompetenzbeirat. Gast-Beitrag
09.02.2010
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