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Bachtage

TVon Hamburg nach Agathenburg: Ein Steinway-Flügel geht auf Reisen

Der Steinway steht an Ort und Stelle.

Der Steinway steht an Ort und Stelle. Foto: Felsch

Ein Konzertflügel mit Geschichte wird für wenige Tage zum Mittelpunkt der Agathenburger Bachtage. Ein Knochenjob für die Anlieferer, die manchmal Kurioses erleben.

Von Franziska Felsch Montag, 27.04.2026, 16:24 Uhr

Agathenburg. Um 17.30 Uhr rollt der Lieferwagen über das holprige Kopfsteinpflaster. Vor dem Eingang stoppt das klimatisierte Fahrzeug der Spezialspedition, zwei gut gelaunte junge Männer springen heraus und machen sich an die Arbeit.

Zuerst muss der schlosseigene Flügel im Pferdestall abgebaut und in den Nebenraum geschafft werden.

Klangkörper mit Klarsichtfolie eingepackt

Josch Bach und Amar Alnoor von der Transportfirma Ciecior schrauben die Beine ab und wickeln Teile des Instruments mit Klarsichtfolie ein. Auch der Deckel wird fixiert, damit er nicht aufklappt. Für den gesicherten Transport von A nach B gibt es eine spezielle Holzkonstruktion, einen Schlitten.

Wertvolle Instrumente wie Flügel werden in klimatisierten Fahrzeugen befördert.

Wertvolle Instrumente wie Flügel werden in klimatisierten Fahrzeugen befördert. Foto: Felsch

Die Unterseite des schlosseigenen Flügels weist bereits winzige Bohrlöcher auf. „Das schadet dem Instrument nicht“, versichert Josch Bach, der den Job seit 16 Jahren macht. „Man darf nur nicht in die vorhandenen Löcher bohren, weil dann die Schrauben nicht halten“, erklärt der 41-Jährige.

Schloss-Pressesprecherin Ann-Sophie Beers macht das keine Angst. Denn das ist nicht der erste Austausch.

Über 100 Jahre alter Steinway aufwendig restauriert

Für das Bachfestival hat Festivalleiterin Alexandra Sostmann, eine der profiliertesten Bach-Interpretinnen, die am Sonnabend, 25. April, auftritt, sich für den Steinway D 134.935 entschieden.

Amar Alnoor (links) und Josch Bach verpacken den Flügel transportsicher.

Amar Alnoor (links) und Josch Bach verpacken den Flügel transportsicher. Foto: Felsch

Der 1907 in der Hamburger Steinway Fabrik gebaute Flügel war lange in einer englischen Konzerthalle im Einsatz, bis die Klangmanufaktur ihn in nahezu unspielbarem und ramponiertem Zustand erwarb. Wegen der stark beschädigten Oberfläche wurde die alte Lackierung komplett entfernt, anschließend schwarz gebeizt und mit Öl und Wachs versiegelt.

Das gesamte Spielwerk (Mechanik, Tasten, Dämpfung, Tonhaltung) wurde ausgetauscht und entspricht heute einem modernen Steinway. Der Resonanzboden ist im Original erhalten, bildet aber das gesamte Spektrum ab, das von einem Konzertinstrument erwartet wird. Der generalüberholte Steinway, an eine Wertanlegerin verkauft, ist seither als Botschafterflügel der Klangmanufaktur unterwegs, so wie für das Agathenburger Bachfestival.

Anekdoten aus dem Transporterleben

Die wertvolle Fracht wird jetzt über eine Rampe durch den von Haustechniker Malte Silkenstedt verbreiterten Eingang gefahren. Mehr Hilfe lehnen die beiden Spezialisten ab. „Manche halten gern die Hand am Türrahmen, wegen möglicher Beschädigung, aber bei rund 300 Kilo schweren Instrumenten ist das hochgefährlich“, weiß Bach.

Anstrengend, aber trotzdem haben Josch Bach und Amar Alnoor Spaß.

Anstrengend, aber trotzdem haben Josch Bach und Amar Alnoor Spaß. Foto: Felsch

Er und sein Kollege machen sich routiniert an den Aufbau und kommen doch ins Schwitzen. Noch mal 20 Minuten, und der Steinway steht. Immerhin mussten sie heute keine engen Treppenhäuser bewältigen oder einen Lastenaufzug einsetzen. Das komme bei 1000 Transporten auch mal vor, sagt Bach.

Kurioses rund um den Flügel

Er setzt sich hin und spielt ein paar Takte, bevor er und Alnoor sich dem von Beers organisierten Kaffee und Kuchen widmen. „Das gibt‘s oft, auch Trinkgeld“, erzählt Bach, der viele Storys auf Lager hat: „Ein Mann, der nichts davon wusste, dass seine Freundin ihm ein Klavier geschenkt hat, brach in Tränen aus. Manchmal weinen die Leute aber, wenn wir ihr Schmuckstück abholen.“

Der Spezialtransporter trifft am Schloss Agathenburg ein.

Der Spezialtransporter trifft am Schloss Agathenburg ein. Foto: Felsch

Das Kurioseste, was er erlebt hat: Ein TV-Team bat, den Flügel für den Film ein zweites Mal die Treppen rauf und wieder runter zu tragen. Das habe er verneint. Mit dem unschlagbaren Argument: „Wir werden ja auch nur einmal bezahlt.“

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