TDer Mann, der seit fast 60 Jahren alle Schiffe in Bremerhaven einfängt
Passagierschiff „Bremen“ von 1959 an der Columbuskaje. Foto: Witthohn
Schiffe und Werften faszinieren ihn seit seiner Kindheit: Ralf Witthohn dokumentiert Bremerhavens maritime Geschichte seit 1945 in einer Chronik. Sein Werk umfasst 3000 Fotos.
Bremerhaven. Schon als Junge ist Ralf Witthohn in den Hafen von Bremerhaven gelaufen, um Schiffe zu bestaunen. Dann fing er an, sie zu fotografieren – und hat nie damit aufgehört. Internationale Medien hat er beliefert und Bücher verfasst. Mit 72 Jahren publiziert der Spadener sein umfangreichstes Werk. Die Chronologie der Bremerhavener maritimen Industrie seit 1945. Sie hat 1.600 Seiten und mehr als 3.000 Fotos.
Ralf Witthohn: Ein Leben für Schiffe und die Seefahrt
Berufe auf See gehören nach wie vor zu den härtesten. Ob Schiffbauer, Hafenarbeiter, See- oder Fischerleute, nicht selten sind sie bis heute fordernden Arbeitsbedingungen ausgesetzt.

Er kennt sie alle: Ship-Spotter Ralf Witthohn hat ein unglaubliches Werk verfasst. Foto: Scheschonka
Ralf Witthohn hat das über seinen Großvater mitbekommen, der in den 1920er Jahren zur See gefahren ist. Er selbst hat nach dem Abitur an der Lessingschule und einem Praktikum bei Schichau-Unterweser Schiffbau studiert und lange im Zeichenbüro einer Werft in Oldenburg als Konstrukteur gearbeitet.
Verbeugung vor den Menschen, die Entwicklung möglich machten
1967 schoss der 14-jährige Ralf Witthohn aus Schiffdorf-Spaden die ersten schwarz-weiß-Bilder. Er fotografierte, dokumentierte und archivierte. So hat er selbst einen Großteil des Materials für die Chronik in fast 60 Jahren aufgebaut. Welche Schiffe in den vergangenen 80 Jahren in Bremerhaven gebaut wurden, von welchen sie Ladungen umgeschlagen und auf welchen sie die Ozeane befahren haben.

Der Heckfänger „Bremen“ passiert die Mole – und Ralf Witthohn hat es festgehalten. Foto: Witthohn
Bremerhavens maritime Geschichte seit 1945 dokumentiert
Die 1.600-seitige Chronologie der Bremerhavener maritimen Industrie seit 1945 ist eine Reise durch die Zeit. Sie beschreibt die internationale Entwicklung der Schifffahrt von den ersten Dampfern bis zu den aktuell größten Container- und Auto-Transportschiffen.
Das Werk widmet Witthohn den Menschen, die hinter all diesem stehen. Es soll „all jenen Reverenz erweisen, welche die Entwicklung von Bremerhavens Schiffbau und Schifffahrt erst möglich gemacht haben“, erklärt Witthohn.

Der Frachter „Hannoverland“ von 1966 der Hamburg/Bremerhavener Reederei Bugsier/Schuchmann am C-Schuppen. Foto: Witthohn
Verlust von Arbeitsplätzen, Niedergang der Fangflotte
Akribisch recherchierte Texte zeigen, wie sehr der Hafen Teil der immens beschleunigenden Globalisierung war und ist. Die Recherche war nicht immer einfach. Während manche Firmen, Werften oder Reedereien zugänglich für seine Anfragen waren, wollten andere nicht, dass er die Arbeit dokumentiert, sagt Witthohn.
Auch die Schattenseiten sind dokumentiert: ab den 1970ern der Verlust von Arbeitsplätzen in der Bremerhavener Seeschifffahrt und im Schiffsneubau sowie der Verlust der Fangflotte.
Ein Werk gegen das Vergessen: Seebeck, Unterweser, Schichau, Rickmers, Sieghold, MWB, Lloyd Werft, sind Namen der Schiffbaubetriebe, denen er ein Denkmal setzt.

Als an der Geeste noch Kreuzliner gebaut wurden: Die 1974 bei Schichau-Unterweser vom Stapel gelaufene „Bewa Discoverer“, die auch später noch zu Reparaturen als „World Discoverer“ Bremerhaven anlief, bis sie vor den Solomonen verloren ging. Foto: Witthohn
Bremerhaven ist eng verbunden mit den größten Schiffslegenden
Witthohn erinnert: Der Norddeutscher Lloyd, die „Union“ als Betreiber von Kühlschiffen, Schuchmann als Reeder von berühmten Bergungsschleppern und Linienfrachtern, die Rickmers Linie mit ihren Fernostfahrern sowie Fischereigesellschaften wie Busse, Hanseatische, Kämpf, Nordsee, Nordstern oder GHG waren wichtige Reedereien.
Bremerhaven ist eng verbunden mit den größten Schiffslegenden der Nachkriegszeit, die Nordatlantik-Liner „United States“, „France“ und „Queen Elizabeth 2“. Dem Fotoapparat des Spadeners entkamen die schnellen Schiffe nicht.

Die „France“ beim Eintreffen zum Umbau in die „Norway“ in der Nordschleuse, die wohl größte Schiffslegende mit einem historischen Bezug zu Bremerhaven. Foto: Witthohn
Nachdem Bremerhavens Bedeutung als größter deutscher Hafen der Linienpassagierschifffahrt infolge des Fortschritts der Luftfahrt verloren gegangen war, blieben den Einwohnern in erster Linie die Hafenarbeit und der Schiffbau, bis letzterer von der asiatischen Konkurrenz niedergerungen wurde.
Schiffsindustrie im Wandel: Vom Schiffbau zur Schiffsreparatur
Von drei maritimen Hauptstandbeinen ist der Hafenumschlag geblieben. Der Kreuzfahrt rechnet Schiffsexperte Witthohn „geringere wirtschaftliche Bedeutung“ zu. Im Hinblick auf Schiffsreparatur habe sich Bremerhaven zu einem der nordeuropäischen Zentren entwickelt. „Gerade die enormen Leistungen in der Schiffsreparatur sind in der Öffentlichkeit nur selten gewürdigt worden“, sagt Witthohn.

Hapag-Lloyds erster Kreuzliner mit Namen "Europa" startete ab 1972 in weiß statt dem traditionellen Lloyd-Schwarz von der Columbuskaje. Foto: Witthohn
Auch tragische Ereignisse wie Unglücke sind im Werk festgehalten, wenn sie mit Bremerhaven verbunden sind. 1963 etwa, als das Passagierschiff „Maasdam“ mit 500 Menschen evakuiert werden musste, weil es auf zwei Wracks in der Wesermündung aufgelaufen war und Schlagseite bekam. Lädiert, aber schwimmfähig, erreichte die „Maasdam“ am Haken von drei Schleppern die Bremerhavener Columbuskaje. Berichtet wird aber auch über das Ende von Schiffen, die von dem Abwrackbetrieb Eisen & Metall im Kaiserhafen zerschnitten wurden.
Erstmals digitales Dokument statt Buchdruck
Für das Werk geht der erfolgreiche Autor neue Wege: Bislang fand er keinen Verlag, der das XXL-Werk drucken wollte. Der Spadener Autor bietet es deshalb als digitales Dokument zum Kauf an.
Ans Aufhören denkt Witthohn nicht – täglich ist er weiter im Hafen unterwegs, fotografiert Schiffe und recherchiert die Zusammenhänge mit der Weltwirtschaft.