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Norddeutschland

TDie Deutung der Kfz-Kennzeichen: Was Ihr Nummernschild über Sie verrät

Ob der Halter dieses Fahrzeugs wirklich ein Rowdy ist, sei dahingestellt.

Ob der Halter dieses Fahrzeugs wirklich ein Rowdy ist, sei dahingestellt. Foto: Reinhardt/dpa

Hannover. Wunschkennzeichen mit Initialen und Geburtsdaten sind bei Autofahrenden beliebt. Ortskürzel dagegen werden oft umgedeutet. Ein Verkehrspsychologe erklärt das Phänomen.

Von Marcel Maack Sonntag, 18.01.2026, 09:00 Uhr

Hannover. Braunschweiger (BS) gelten als „Besengte Sau“ oder „Bald Schrott“, Wolfenbüttler (WF) als „Wilde Fahrer“. „Guck mal, ein Wilder ohne Bildung“, rufen manche Autofahrende, wenn sie ein Auto mit Wolfsburger „WOB“-Kennzeichen überholen. Wer ein „WL“ für Winsen/Luhe auf dem Nummernschild hat, ist verschrien als „Wilder Landwirt“, in Oldenburg fahren „Olle Lümmel“ (OL) und im Kreis Osterholz ist man „Ohne Hirn zugelassen“ (OHZ). Das Stader Kürzel STD wird von vielen Stadern als „Schönster Teil Deutschlands“ interpretiert. Im englischsprachigen Raum steht STD übrigens als Abkürzung für sexuell übertragbare Krankheiten („sexually transmitted diseases“).

Ähnlich wie im Norden geht es in anderen Teilen der Republik zu: Autofahrende aus Koblenz (KO) haben angeblich „Keine Orientierung“, Menschen aus Offenbach (OF) fahren „Ohne Führerschein“ und im nordrhein-westfälischen Coesfeld (COE) herrscht auf den Straßen „Chaos ohne Ende“.

Viele Autofahrer identifizieren sich mit ihrem Fahrzeug, und sie wollen offenbar auch von anderen im Straßenverkehr erkannt werden.

Karl-Friedrich Voss, Verkehrspsychologe

„Im dichten Straßenverkehr beschäftigen sich Autofahrer mit dem Auto vor ihnen. Dazu gehört auch das Kennzeichen“, sagt Karl-Friedrich Voss, Verkehrspsychologe aus Hannover und Vorsitzender des Bundesverbands Niedergelassener Verkehrspsychologen. Um eine Erklärung für das Fahrverhalten zu erzeugen, würden Autofahrende Kfz-Kennzeichen „entschlüsseln“, etwa indem sie aus NRÜ für Neustadt am Rübenberge „Nur rechts überholen“ machten. „Das geschah wohl auch in Hamburg mit Kennzeichen aus dem Umland“, sagt Voss mit Blick auf WL.

Psychologe: Erklärungen dienen der Beruhigung

Ortskundigen, die das Kennzeichen eines ortsfremden Autos so interpretieren, gehe es nicht um das Diffamieren, sondern um eine subjektive Erklärung für ein auffälliges Verhalten eines Autofahrers, erläutert Voss. „Das nennt man auch Kausalattribuierung.“ Der Ortskundige etwa kenne die Standorte der Blitzgeräte und könne sich deshalb an allen anderen Stellen zu schnell im Straßenverkehr bewegen, während ortsfremde Autofahrende aufgrund mangelnder Kenntnis, wo die Blitzer stehen, allgemein langsamer fahren würden. „Erklärungen – auch scheinbare – dienen der Beruhigung und Entspannung“, sagt Voss.

Während das Ortskürzel amtlich festgelegt ist, bestehen bei den nachfolgenden Buchstaben- und Zahlenkombinationen Wahlmöglichkeiten. Die Reservierung entsprechender Wunschkennzeichen ist bei Autofahrenden beliebt. Neben den persönlichen Initialen im Buchstaben erfreuen sich etwa Geburtsdaten im Zahlenfeld großer Nachfrage.

„Viele Autofahrer identifizieren sich mit ihrem Fahrzeug, und sie wollen offenbar auch von anderen im Straßenverkehr erkannt werden“, sagt Voss. „Hinter dieser Praxis verbirgt sich der Umstand, dass Begegnungen im Straßenverkehr recht anonym ablaufen.“ Initialen und Geburtstage schafften einen Ersatz für eine persönliche Begegnung, weil der Fahrer leichter zu erkennen ist.

Im Kreis Dithmarschen mit Heide als Verwaltungssitz lassen sich einige Vornamen dank des Ortskürzels HEI sogar komplett darstellen: Sowohl die Männernamen „HEI-NO“ und „HEI-NI“ als auch die Frauennamen „HEI-KE“ und „HEI-DI“ auf dem Kennzeichen seien dort sehr beliebt, sagt Dithmarschens Kreissprecherin Sabrina Fock.

Sexy Nordlichter im Kreis Segeberg

Ein paar Ecken weiter, im Kreis Segeberg, geht es frivol zu: „SE-X“ und „SE-XY“ sind dort möglich. Zwar dürfen Kfz-Kennzeichen in Deutschland gemäß Verordnung nicht gegen die „guten Sitten“ verstoßen. Die Segeberger Kreissprecherin Sabrina Müller betont aber: „Bei den Kombinationen X und XY handelt es sich aus unserer Sicht ganz deutlich nicht um Sittenwidrigkeit.“

Ähnlich kultig wie „SE-XY“ klingt die in Rotenburg mögliche Kombination „ROW-DY“. Verkehrspsychologe Voss relativiert: „Eigene Bezeichnungen für den Fahrer stellen eine Erweiterung dar, die sich wohl mehr aus dem Buchstaben-Potenzial ergibt als aus dem, was der Fahrer oder das Auto wirklich zu bieten hat.“

Fromm sind manche Christen unterwegs. „JC“ seien die Initialen für Jesus Christus, „AO“ stehe für Alpha und Omega, den ersten und den letzten Buchstaben des griechischen Alphabets, und damit als Symbol für Christus als Anfang und Ende aller Dinge, sagt Dieter Schulz, Sprecher der evangelischen Nordkirche. Zwar lägen ihm keine Belege vor, aufgrund der christlichen Bedeutung lasse sich aber folgern, dass Autofahrende, die sich für „JC“ oder „AO“ auf dem Nummernschild entscheiden, damit ihren christlichen Glauben bezeugen.

Wer lieber dem Fußball huldigt und den Hamburger Sportverein liebt, reserviert ein Kfz-Kennzeichen entweder mit „HH-SV“ oder mit „1887“. Die Zahl steht für das Gründungsjahr des HSV und ermöglicht es auch Fans außerhalb von Hamburg, ihre Liebe zum Verein auf dem Nummernschild zu zeigen. Das wohl kultigste aller HSV-Kennzeichen ziert den HSV-Mannschaftsbus: Er fährt seit Oktober 2017 mit der Kombination „HH-SV 1887“ durch die Gegend. (epd/oer)

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