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True Crime

TDie Jäger des Serienmörders Kurt-Werner Wichmann und seine Spur in Stade

Reinhard Chedor und Klaus Püschel bei der ausverkauften Veranstaltung in der Seminarturnhalle.

Reinhard Chedor und Klaus Püschel bei der ausverkauften Veranstaltung in der Seminarturnhalle. Foto: Richter

Kurt-Werner Wichmann könnte auch im Kreis Stade aktiv gewesen sein, vermutet eine private Ermittlerinitiative. Der Serienmörder ist lange tot. Doch er lässt sie nicht los.

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Von Anping Richter
Mittwoch, 15.04.2026, 09:16 Uhr

Stade. „True Crime in Stade“: Der Titel zieht. Die Seminarturnhalle ist ausverkauft, die Bühnendeko spektakulär: Totenschädel. Zwei Praxis-Experten sprechen über Kurt-Werner Wichmann, der die zwei als „Göhrde-Morde“ bekannt gewordenen Doppelmorde und den Mord an Birgit Meier im Jahr 1989 auf dem Gewissen hat.

Serienmörder Kurt-Werner Wichmann. Das Bild dürfte in den 80er Jahren entstanden sein. Foto: privat/Eggeling

Serienmörder Kurt-Werner Wichmann. Das Bild dürfte in den 80er Jahren entstanden sein. Foto: privat/Eggeling Foto: privat/Eggeling

Deutschlands wohl bekanntester Rechtsmediziner Dr. Klaus Püschel und Reinhard Chedor, ehemaliger Hamburger LKA-Chef, stehen oft irgendwo in Deutschland auf einer Bühne, um über Cold Cases - zu den Akten gelegte, ungelöste Kriminalfälle - zu sprechen. Diesmal in Stade. Die Referenten sprechen fesselnd, und Püschel, Autor vieler Bücher über seine forensischen Erfahrungen, hat im Anschluss mit dem Signieren gut zu tun. Doch das ist nicht die Hauptmotivation der Veranstaltung.

Ermittlerteam hält Taten im Raum Stade für möglich

„Ich habe mich schwergetan, damit auf die Bühne zu gehen“, erklärt Reinhard Chedor später. Hin und wieder als Spinner und Wichtigtuer bezeichnet zu werden, nehme er in Kauf, weil das private Ermittlerteam, zu dem er und Püschel gehören, einen immer stärker werdenden Verdacht hat: Kurt-Werner Wichmann könnte eine ganze Reihe weiterer Taten begangen haben - auch im Raum Stade.

Reinhard Chedor in der Seminarturnhalle.

Reinhard Chedor in der Seminarturnhalle. Foto: Richter

„Wir sind hier, um Sie um Unterstützung zu bitten“, sagt Chedor auf der Bühne der Seminarturnhalle. Auch heute, Jahrzehnte nach den infrage kommenden Taten, hoffen sie noch auf stichhaltige Hinweise aus der Bevölkerung. Zu Recht, wie sich herausstellen wird.

Nach der Veranstaltung: Treffen mit Hinweisgebern

Seit der Veranstaltung haben schon mehrere Menschen aus dem Kreis Stade Chedor von „Begegnungen der dritten Art“ berichtet, wie er sie nennt: unheimlichen Erlebnissen, bei denen sie einem Verbrechen knapp entkommen sind - und einem Mann, auf den das Profil des Göhrde-Mörders passen könnte.

Wichmann verbrachte Jahre seiner Kindheit und Jugend in Heimen. Diese Karteikarte zeigt, dass er im November 1960 als Elfjähriger in Stade untergebracht wurde - und schon nach einem Monat ausriss.

Wichmann verbrachte Jahre seiner Kindheit und Jugend in Heimen. Diese Karteikarte zeigt, dass er im November 1960 als Elfjähriger in Stade untergebracht wurde - und schon nach einem Monat ausriss. Foto: Stadtarchiv Stade

„Ziel ist es, ihm doch noch ein oder zwei Taten nachzuweisen“, sagt Reinhard Chedor. Denn Opfer und deren Angehörige litten oft ihr Leben lang schwer unter der Ungewissheit einer unaufgeklärten Gewalttat.

Chedor hat auch bei seinem Freund Wolfgang Sielaff erlebt, was quälende Ungewissheit bedeutet: Die 1989 ermordete Birgit Meier war dessen kleine Schwester - und Sielaff damals zufällig LKA-Chef in Hamburg. Als die Lüneburger Polizei bei den Ermittlungen nicht vorankam, wurde er auf eigene Faust aktiv.

Ein Polizeichef als Angehöriger eines Opfers

Er besorgte sich Unterstützung von Profis, die seine Freunde waren - darunter Püschel und Chedor. „Ich habe bewundert, mit welcher Ruhe Sielaff die Situation um die Nine-Eleven-Attentäter aus Harburg gemanagt hat. Aber jetzt war er aufgewühlt, emotional. Es ging es um seine Schwester“, erinnert sich Chedor.

Die Lüneburger Polizei hatte vor allem Birgit Meiers Ex-Mann im Visier. Der brachte schon früh Kurt-Werner Wichmann als Verdächtigen ins Spiel. Trotzdem untersuchte die Polizei dessen Haus erst 1993 - und fand eine Kammer des Schreckens.

Darin bewahrte Wichmann Folterwerkzeuge und Material zum Sedieren von Opfern auf, außerdem aus „Aktenzeichen XY“ aufgezeichnete Videos und Zeitungsausschnitte über die Göhrde-Morde und Birgit Meier. Sie fanden auch eine weiße Perlonkordel mit Schlinge. „Da war dann Birgits Blut dran“, berichtet Chedor.

Entscheidende Möglichkeiten zur Aufklärung verpasst

Die Lüneburger Polizei entschied sich für ein fast unglaublich schlichtes Vorgehen: Sie lud Wichmann telefonisch zum Verhör ein. Natürlich floh er. Als er Wochen später - zufällig - bei einem Autounfall bei Heilbronn wegen Waffenbesitzes in Untersuchungshaft geriet, nahm er sich dort das Leben.

Gegen Tote wird nicht ermittelt, hieß es damals. Der Fall kam zu den Akten, viele Beweismittel wurden vernichtet. Sielaff gelang es, 2016 eine Wiederaufnahme zu erwirken. Mit seinem Ermittlerteam führte er 2017 Grabungen auf Wichmanns Grundstück durch. 28 Jahre nach ihrer Ermordung fand er die Leiche seiner Schwester einbetoniert in der Garage.

Das Team hat seither nicht aufgehört, zu recherchieren und ein genaues Profil von Wichmann entwickelt. „Mordserien folgen den Regionen, in denen er sich aufhält und enden, sobald er wegzieht“, heißt es auf der Internetseite mordserie.de, auf der das Team informiert und Hinweise entgegennimmt.

Wichmann war sehr mobil und deutschlandweit unterwegs. Doch der Raum zwischen seiner Heimatstadt Lüneburg und Bremerhaven war ein Lebensmittelpunkt. „Aus dem Kreis Cuxhaven haben uns inzwischen mehr als 25 Frauen von solchen Begegnungen der dritten Art erzählt“, berichtet Reinhard Chedor. Dort gab es 1977 bis 1986 eine Mordserie, die als „Disco-Morde“ bekannt wurde.

Seit der Veranstaltung in Stade hat Chedor mehrere Menschen aus der Region persönlich getroffen, die ihm von ähnlichen Begegnungen berichtet haben. Was sie erlebten und welche Schlüsse er daraus zieht, wird in Kürze hier zu lesen sein.

Ein Bild von Kurt-Werner Wichmann.

Ein Bild von Kurt-Werner Wichmann. Foto: Privat

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