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Mut siegt

TDrochtersen: Drei Frauen, ein fast toter Verein – und was daraus wurde

Gute Laune im neuen Vorstand: Svenja Gerken, Sybille Schütt und Gesine Xenia Bösch haben aus einem kriselnden Verein etwas gemacht, worüber man gerne lacht - im besten Sinne.

Gute Laune im neuen Vorstand: Svenja Gerken, Sybille Schütt und Gesine Xenia Bösch haben aus einem kriselnden Verein etwas gemacht, worüber man gerne lacht - im besten Sinne. Foto: Wertgen

Fast aufgelöst, dann neu erfunden: „Drochtersen verbindet“ beweist, wie ein kriselnder Verein sich selbst neu erfinden kann - wenn die richtigen Menschen den ersten Schritt wagen.

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Von Lars Wertgen
Montag, 16.03.2026, 16:55 Uhr

Drochtersen. Der erste Frauenflohmarkt in Assel war ein voller Erfolg. Wer weiß, was Sybille Schütt und ihre Mitstreiterinnen dafür bewegt haben, versteht, wie viel hinter diesem Erfolg steckt.

Anfang 2025 stand der Gewerbeverein Drochtersen vor dem Nichts. Jahrelange Unstimmigkeiten im Vorstand, Mitglieder, die längst das Vertrauen verloren hatten, vakante Posten - und keine Aussicht auf einen Neuanfang.

Bei der zweiten außerordentlichen Mitgliederversammlung war klar: „Ein neuer Vorstand muss stehen, sonst kippt es“, erinnert sich Svenja Gerken.

Der richtige Moment

Schütt, Inhaberin des Autohauses Schütt in Drochtersen, wollte sich schon lange ehrenamtlich engagieren. Nun schien der richtige Moment dafür zu sein. „Der Verein ist ein Kind der Gemeinde und durfte nicht verschwinden“, sagt sie.

Also trat sie an - und mit ihr Augenoptikermeisterin Gerken als zweite Vorsitzende und Fotografin Gesine Xenia Bösch als dritte.

Der Schlüssel ihres Neustarts liegt nicht nur in Euphorie, sondern in einer neuen Struktur: Verantwortung auf viele Schultern verteilen, Transparenz schaffen, den Kreis derer erweitern, die mitgestalten wollen.

Was das Trio aufgebaut hat, lässt sich auf jeden Verein übertragen, der in veralteten Strukturen feststeckt.

Kein sanfter Start

Der Beginn war jedoch alles andere als einfach. Unmittelbar nach der Wahl sagten sie die Flohmärkte ab - der neue Vorstand war schlicht noch nicht handlungsfähig.

Die Bürger kannten die Hintergründe nicht und ließen sich in den sozialen Netzwerken über den neuen Vorstand aus. „Wir wussten, wie wichtig den Leuten die Flohmärkte sind, aber es ging nicht“, sagt Gerken.

Das Trio musste in klärenden Gesprächen vieles richtigstellen - bevor es überhaupt richtig losgehen konnte.

Den Kredit, den sie unverschuldet verspielt hatten, haben sie längst zurückgeholt. Auch Bürgermeister Mike Eckhoff bestärkt sie.

Warum das funktioniert hat

Schütt holte aus ihrem direkten Umfeld zwei weitere Menschen ins Boot: Kassenwartin Lena Behrmann und Beisitzer Volker Rabenalt-Zander arbeiten beide in ihrem Autohaus.

„Die kurzen Wege sind ein großer Vorteil“, sagt Schütt. Beide dürfen auch während der Arbeitszeit für den Verein tätig sein.

Das gesamte Team ist auf 15 Männer und Frauen angewachsen. Alle sind in einer WhatsApp-Gruppe vernetzt, alle können mitdiskutieren. Diese Transparenz fehlte früher - damals wurden Mitglieder vor vollendete Tatsachen gestellt, heißt es.

Stärken statt Pflichten

Heute bringt jeder seine Stärken ein und niemand muss bei allem mitmachen. Rabenalt-Zander kümmert sich um die Homepage, Behrmann um die Finanzen, Beisitzer Heino Steinert bringt seine wichtige Erfahrung in der Flohmarkt-Organisation ein.

„Es sind viele Personen, die sich kümmern wollen“, sagt Schütt - und wenn sie nur finanziell unterstützen. 122 Mitglieder gehören dem Verein an.

Neuer Name soll verbinden

Aus dem Gewerbeverein wurde „Drochtersen verbindet“ - ein zeitgemäßer Schritt, der auch Privatpersonen einlädt. Das Logo wurde modernisiert, das Magazin öffnete sich für externe Autoren. „Schüler können zum Beispiel einen Blog schreiben“, schlägt Bösch vor.

Der Anspruch gilt für die gesamte Gemeinde - nicht nur für Drochtersen als Kern. Ein Beispiel: Nach dem Frauenflohmarkt in Assel folgt im September ein Kinderflohmarkt in Dornbusch, auf Krautsand sind drei weitere Flohmärkte geplant - im Mai, Juni und August.

Was diese drei besonders macht

Schütt, Gerken und Bösch sind Geschäftsfrauen. Sie kennen Branchen, die Frauen in Führungspositionen lange nicht vorgesehen hatten - das Autohaus ist das deutlichste Beispiel.

Sie wissen, wie es sich anfühlt, unterschätzt zu werden und wie man sich dennoch durchsetzt. „Man muss sich trauen, den ersten Schritt zu machen, und selbstbewusst sein“, sagt Gerken. Dieses Selbstverständnis tragen sie in den Verein - und es hat etwas verändert.

Gerken und Bösch waren früher schon Mitglieder, damals fühlten sie sich zu Sitzungen verpflichtet. Heute gehen sie gerne, weil der Verein anders funktioniert: offener, ehrlicher, geteilter. „Und wir gehen auch wieder mit einem guten Gefühl nach Hause“, sagt Bösch.

Verein hat bildliches Ziel

Ihr Ziel für die Zukunft klingt unscheinbar - und trifft es genau. Derzeit trifft sich das Team im großen Besprechungsraum bei Helga Lindenblatt von Lindenblatt Immobilien.

„Helga, du brauchst einen größeren Tisch“ - wenn sie das eines Tages sagen könnten, wäre es gut gelaufen, sagt Gerken und lacht. Es würde bedeuten: Noch mehr Menschen haben ihren Platz gefunden und engagieren sich im Verein.

Wie das funktioniert, haben drei Frauen aus der Gemeinde bewiesen. Denn kein Verein muss sterben, weil er feststeckt. Er braucht nur Menschen, die den ersten Schritt wagen - und eine Struktur, die Verantwortung auf viele Schultern verteilt.

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