TEine Stunde hinter Gittern: Wo Angeklagte in Stade auf ihren Prozess warten
Die Wachtmeister überwachen die Zellen per Video. Lediglich der Bereich der Toilette ist geschwärzt. Foto: Joana Diez Rossi (Landgericht)
Eine Stunde weggeschlossen. Hier sitzen sonst die schweren Jungs. Ein Besuch im Zellentrakt des Stader Landgerichts - voller Öde, Tristesse und Beklommenheit.
Stade. Der Wachtmeister dreht den Schlüssel um. Der massive Riegel fährt aus dem Türblatt in das Schließblech. Die Schritte werden immer leiser. Dann ist es still. Zelle 28 ist dicht.
Hier sitzen Menschen, denen unter anderem Mord, schwere Körperverletzung, schwerer Raub oder Drogendelikte vorgeworfen werden. In dieser Einöde warten sie auf ihre Verhandlungen am Landgericht. Ein Transport bringt sie am Morgen durch einen Nebeneingang des Gerichtsgebäudes. Der Haftrichter hat für sie bereits Untersuchungshaft angeordnet.
Angeklagte haben nur ein Lunchpaket dabei
Die meisten Männer, die im Landgericht vor den Richter treten, kommen aus der Justizvollzugsanstalt in Bremervörde oder aus Hamburg zu den Verhandlungen nach Stade. Die Frauen aus Vechta, die Jugendlichen in der Regel aus Hameln. Mit einem Lunchpaket in der Hand betreten sie eine von insgesamt neun sogenannten Vorführzellen.

Eine Stunde Tristesse: Hier warten Angeklagte auf ihren Prozess am Landgericht. Foto: Berlin
Von der Tür bis zum Fenster sind es fünf Schritte, von der einen ockergelb-weiß gestrichenen Wand zur anderen nur vier. Ein kleiner Tisch in Kieferoptik steht hinten links in der Ecke, ein abgewetzter Stuhl halb unter der Platte. Das schwere Stahlteil mit der hölzernen Sitzfläche macht ziemlich Lärm beim Hervorziehen. Die runden Metallbeine schrammen lauthals über das anthrazitfarbene Linoleum. Nichts schluckt hier die Schallwellen, nichts absorbiert den Trittschall. Jedes kleine Räuspern hallt nach. Bei jedem Schritt knirscht es vernehmlich unter den Sohlen.
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Am frühen Vormittag beginnen die Prozesse. In den Zellen sitzen sie in den Pausen allein oder besprechen sich mit ihren Anwälten und warten am Ende des Tages darauf, dass der Transport sie wieder zurück in die Untersuchungshaft einer Justizvollzugsanstalt bringt.
Wachtmeister: Ein Beruf für Quereinsteiger
Der Wachtmeister bleibt weitestgehend anonym. Keine Fotos, keine Namen. Das ist sicherer bei dem Klientel, mit dem er täglich zu tun hat. Er ist 25 Jahre alt und seit 14 Monaten hier. Ein Quereinsteiger, typisch für diesen Job. Der Mann arbeitete früher im Sicherheitsbereich. Er holte sich das praktische Wissen während einer fünfmonatigen Einarbeitungsphase und alles Theoretische in vier Wochen auf der Schulbank. So kommen die meisten in das 21-köpfige Wachtmeisterteam.

21 Leute arbeiten im Landgericht als Wachpersonal. Bisher ein Beruf für Quereinsteiger. Foto: Joana Diez Rossi (Landgericht)
Das Niedersächsische Justizministerium plant, dem Job eines Wachtmeisters eine anerkannte Berufsausbildung vorzuschalten. Bislang kann sich jeder mit einer abgeschlossenen Berufsausbildung dafür bewerben. Das können sogar Bäcker sein.
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Es ist an diesem Tag nicht mehr als ein Besuch in Zelle 28. Der Autor kann jederzeit auf den silbernen Klingelknopf links neben der Tür drücken, der die Gegensprechanlage auslöst, und auf Wunsch aus der Zelle marschieren und nach Hause gehen. Es wäre anmaßend, zu glauben, man könnte sich in das Seelenleben der Menschen hineindenken, die hier wirklich auf ihre Verhandlung warten. Die Beklommenheit ist trotzdem da, seitdem der Riegel der Tür krachend zuschnappte.
Toilette wie auf der Autobahnraststätte
Das Landgericht in Stade hatte viele Jahre lang eine eigene Justizvollzugsanstalt. Ein Trakt über vier Etagen, Zelle an Zelle. Als das Gefängnis in Bremervörde 2013 seinen Betrieb aufnahm, endete diese Ära. In den alten Zellen stapeln sich jetzt Akten. Sie werden als Archiv genutzt.
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Eine Leuchtstoffröhre über der Tür von Vorführzelle 28 taucht den Raum in unspektakuläres Weiß. Das Licht spiegelt sich in der Toilette mit integriertem Waschbecken. Wasser fließt auf Knopfdruck. Die Armaturen ähneln denen, die in Deutschland an jeder Autobahnraststätte zu finden sind. Eine angebrochene Rolle Toilettenpapier steht neben dem Aschenbecher auf dem Tisch. Die Zigarettenstummel der Inhaftierten landen in dem aus Aluminium gestanzten Teil.

Die meisten Menschen, die in den Zellen auf ihre Verhandlung warten, rauchen. Foto: Berlin
Rauchen ist hier nicht verboten, im Gegensatz zu anderen öffentlichen Gebäuden. „Fast jeder raucht“, sagt der Wachtmeister. „Die Vorzuführenden stehen unter Stress. Wenn das Rauchen verboten wäre, würde es das nicht besser machen“, sagt die Geschäftsleiterin des Landgerichtes, Joana Diez Rossi. Die 28-Jährige ist für den täglichen Betrieb verantwortlich, die Verwaltung, das Personal. „Die ganzen Nebenschauplätze“, sagt sie. Abseits der Juristerei.
Völlig abgeschnitten von der Außenwelt
Halbherzig hat das Personal die Kippenreste aus dem Wegwerf-Aschenbecher gewischt. Ein wenig Asche klebt noch am Aluminium.
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Durch den Kopf rauschen die Gedanken. Die Augen, die Hände und die Ohren suchen gierig nach jedem Detail der extremen Einfachheit. Die verblassten Spuren des Schriftzuges „Polska ist King“ an der Tür. Die Spinnweben über der Überwachungskamera. Die fünf Rippen des gusseisernen Heizkörpers und der hohle Klang, den der Ehering auslöst, wenn er die Wölbungen nur sachte berührt. Die Kühle der Wände. Draußen dröhnt eine Bohrmaschine. Oder ein Rasentrimmer. Es könnte aber auch ein Mofa sein, das durch die engen Straßen der Stader Altstadt fährt.
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Hinter dem gekippten Fenster und den beiden Gittern kreischt irgendwo eine Möwe. Der Blick geht schräg hoch hinaus auf ein paar rote Dachziegel. Der wolkenlose Himmel über Stade bietet keinerlei Orientierung.
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Oft sind die Wachtmeister für die Insassen der einzige Bezugspunkt in der öden Tristesse auf den wenigen Quadratmetern. Die Insassen tragen Handschellen, wenn sie mit den Transportern kommen. Manche Fußfesseln. Der 25-jährige Diensthabende begegnet ihnen freundlich, höflich, aber direkt und bestimmt. Er siezt sein Gegenüber. „Es muss menschenwürdig sein“, sagt er. Es gilt während der Prozesse die Unschuldsvermutung.
Nur ein kleines bisschen Privatsphäre bleibt
Einige lesen in den Zellen, andere tigern herum. Via Überwachungskamera behält der Wachtmeister den Überblick. Sechs der neun Zellen sind mit dieser Technik ausgestattet. Die Kamera erfasst jeden Winkel. Auf dem Bildschirm versperrt allerdings ein schwarzes Rechteck den Blick auf die Toilette, um in dieser intimen Situation den letzten Rest Privatsphäre zu wahren.

Die Toilette hinten rechts ähnelt den Modellen auf deutschen Autobahnraststätten. Foto: Berlin
Nach knapp einer Stunde sind auf dem Gang Schritte zu hören. Das Schloss hakt ein wenig. Aber das Geräusch hat etwas Wohltuendes. Der Wachtmeister lächelt beim Öffnen der Tür. Geschäftsleiterin Joana Diez Rossi führt zielgerichtet durch die Flure bis zu einem Nebeneingang. Eine Schleuse noch, eine schwere Tür. Plötzlich wabert wieder die schwüle Sommerhitze vernehmlich durch die Stader Straßen.
Ein Bekannter quert die Straße. Er fragt nach dem Befinden. Alles ist gut. Es ist schön hier draußen.
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