TFür krebskranke Kinder: Vater-Tochter-Gespann schneidet sich die Haare ab
Michaela Ratering hat auch nach der Spende keinen Kurzhaarschnitt. Foto: Ulla Heyne
Michaela Ratering und ihr Vater Ruud ließen sich im Friseursalon ihre Haare abschneiden. Das Vater-Tochter-Gespann spendete die Haare für krebskranke Kinder - nicht zum ersten Mal.
Zeven. An das letzte Mal erinnert sich die 34-jährige Michaela Ratering noch genau: „Das war am ersten Tag meines Mutterschutzes.“ Inzwischen ist das Töchterchen knapp zwei und im Friseursalon von Iris Holst in Unterstedt mit dabei. Nicht alle Friseure lassen sich auf das Unterfangen ein, bedeutet es doch erheblich mehr Zeitaufwand als ein normaler Schnitt – Iris Holst schon. „Ich habe einfach herumtelefoniert, quasi „vor der Haustür“ hatte der Rotenburger Erfolg.
Holst weiß, worauf sie sich einlässt: Die Raterings sind nicht ihre ersten Kunden mit diesem Ansinnen, „ich habe zwei Kunden, die kommen regelmäßig.“ Auch ein zehnjähriger Junge habe schon seine Haare gespendet, „Kinderhaare sind besonders selten.“ Sie haben eine andere Haarstruktur, weiß die Expertin, die früher in der Ausbildung noch selbst das Knüpfen von Perücken erlernt hat.
Haarspende Schritt für Schritt: Sorgfalt vor dem Schnitt
Auch an diesem Tag achtet sie genau darauf, dass die Haare, die nach dem Abschneiden per Post den Weg an eine Organisation in den Harz antreten, alle in die gleiche Richtung fallen, damit die schuppenartige Struktur in eine Richtung zeigt. Wie man das macht? „Zöpfchen!“, quietscht Ruuds Enkelin begeistert.
In der Tat: Eben bei der Mama waren es fünf, die Holst sorgfältig geflochten hatte, bevor sie zur Schere griff. Beim Opa sind es am Ende zehn Zöpfchen, die sich von bunten Gummibändern gehalten am Kopf kringeln, eine lustige Krake im Regenbogenlook.
Für echte Perücken: 25 Zentimeter Haarlänge nötig
Bei dem 63-Jährigen muss Holst näher am Kopf schneiden, um die Haarlänge von 25 Zentimetern zu erhalten, die für die Weiterverarbeitung der gespendeten Haare erforderlich sind. „Sonst sind sie nicht knüpfbar, kürzere werden aussortiert“, weiß die Fachfrau. Fast eine halbe Stunde dauert die Vorbereitung – Zeit, die Holst gern unentgeltlich investiert. „Sonst gäbe es so was ja gar nicht“, meint die Friseurin, und zeigt auf die Zöpfe, die schon im mit Namen versehenen Gefrierbeutel verstaut sind.
Für Vater und Tochter Ratering stand schon direkt nach der letzten Spende fest, dass sie es wieder tun würden. Michaela fand es praktisch, „da muss man nicht zum Friseur gehen“, Vater Ruud ist mittlerweile aber froh, die langen Haare loszuwerden: „Zum Schluss war es schon etwas lästig, da habe ich sie fast nur noch Zopf getragen.“
Als alle Zöpfchen geflochten sind, geht es ganz schnell: In weniger als einer Minute, für die Friseurin „der schönste Moment“, sind die Haare ab und es geht an den „Feinschliff“. Ruud schwärmt: „Richtig leicht fühlt sich der Kopf an!“ Sicherheitshalber hat er für den Rückweg eine Mütze mitgebracht, sollte es zu kalt werden.
Emotionale Reaktionen auf Haarspenden
Tochter Michaela hat dieses Problem nicht: Ihre Haare waren so lang, dass sie selbst nach dem Schnitt einen Longbob abgeben. Dass die beiden ihre Spende „pressewirksam“ abgeben, hat einen guten Grund: Sie würden gern andere animieren, es ihnen nachzutun.
Nach dem letzten Zeitungsartikel vor zwei Jahren wurde Ruud von jemandem in der Supermarktschlange angestupst. „Der hat nur auf mich und meinen Kurzhaarschnitt gezeigt, dann auf seinen und den Daumen gereckt“, schmunzelt der ehemalige Heilerziehungspfleger ob der skurrilen Kontaktaufnahme.
Vorweihnachtliche Aktion
Geschmückte Traktoren bringen Spenden ans UKE nach Hamburg
Er wird nie den Blick auf seine langen Haare vergessen, den ihm ein kleines Kind zuwarf, das keine hatte. Da war er schon zu seiner ersten Spende angemeldet, „das ging schon zu Herzen“. Ob er ein Helfersyndrom hat? „Ja“, meint der regelmäßige Blutspender und ehemalige „Mistbock“, korrigiert dann aber: „Eher eine helfende Ader.“
Auch mit seinem Stammtisch der Mistböcke sei einmal eine größere Aktion angedacht gewesen, zur Umsetzung ist es jedoch nicht gekommen. Jetzt hat der Entspannungspädagoge und Hypnosemaster genug mit seiner eigenen Praxis für Alternativ- und Komplementärmethoden zu tun.
So viele Spenden sind für eine Perücke nötig
Auch wenn Vater und Tochter ihre Namen auf die Gefrierbeutelchen und den Post-Umschlag geschrieben haben, der bald in den Harz geht: Ein späteres Kennenlernen des „Empfängers“ sei ausgeschlossen, „für eine Perücke braucht man fünf bis sechs Spenden“, weiß Ruud Ratering.
Als die beiden frisch frisiert den Salon verlassen wollen, erwartet sie eine freudige Überraschung: Iris Holst erlässt ihnen die üblichen Gebühren für den Haarschnitt – ihr Beitrag zu der vorweihnachtlichen Schenk-Aktion, wie sie den beiden überraschten Spendern erklärt.