TGeburten nur noch in Bremerhaven? Experte will Frauenkliniken schließen
Gesundheitswissenschaftler Prof. Lars Timm schlägt vor, zur Lösung des Fachkräftemangels alle Geburten aus der Region im Klinikum Reinkenheide zu konzentrieren und ein regionales Spezialangebot zu etablieren. Foto: Hartmann
In der Frauenklinik in Bremerhaven fehlen Ärzte. Auch in der Geburtshilfe in Cuxhaven war die Versorgung bereits eingeschränkt. Ein Experte schlägt einen radikalen Schnitt vor.
Bremerhaven. Die Frauenklinik des Klinikums Bremerhaven-Reinkenheide hat Personalprobleme. Für die durchschnittlich 2000 Geburten im Jahr fehlen derzeit fünf Ärzte. Auch in der Geburtshilfe der Helios Klinik Cuxhaven gab es in diesem Jahr bereits mehrfach Einschränkungen beziehungsweise sogar Abmeldungen von der Versorgung.
Gesundheitswissenschaftler Prof. Lars Timm der privaten Hochschule Fresenius, früherer Ameos-Krankenhausdirektor in Bremerhaven, schlägt im Interview mit der Nordsee Zeitung jetzt einen radikalen Schnitt vor.
Die Frauenklinik in Reinkenheide hat Personalprobleme. Wie kann man den Fachkräftemangel in den Griff bekommen?
Es liegt nicht immer nur an der Vergütung wie vielfach behauptet. Krankenhäuser müssen für Ärztinnen und Ärzte attraktive Jobs anbieten, indem sie auch komplexe und fächerübergreifende Behandlungen anbieten können. Das geht künftig nur noch in entsprechenden Zentren.
Die Kliniken müssen große Einheiten schaffen. Zentren sind immer ein Zeichen von Qualität, weil die Patienten und zuweisenden Ärzte mit den Füßen abstimmen und diese Einrichtungen gezielt wählen.

Professor Lars Timm ist Gesundheitswissenschaftler an der privaten Hochschule Fresenius. Foto: Privat
Was heißt das für Bremerhaven konkret?
Um den Fachkräftemangel in Bremerhaven und der gesamten Region in den Griff zu bekommen, lautet mein Vorschlag ganz konkret: Es braucht ein umfassendes Eltern-Kind-Zentrum inklusive aller Geburten mit regionaler Strahlkraft in Bremerhaven. Das Klinikum Reinkenheide könnte unter anderem aus geografischen Aspekten die Versorgung für die gesamte Region zwischen Bremen und Cuxhaven übernehmen.
Die Frauenkliniken der Helios Klinik Cuxhaven und des Kreiskrankenhauses in Osterholz sollten – so hart es auch klingt – geschlossen werden. Dann könnte man den Fachkräften ein attraktives Angebot machen, um in Bremerhaven zu arbeiten. Nur so kann das Personal langfristig vernünftig verteilt werden. Um die Versorgung der Frauen zu sichern, brauchen wir diesen Einschnitt.
S.O.S aus Cuxhaven
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Das würde aber längere Anfahrtszeiten für die Patientinnen bedeuten. Ist das im Fall von Geburten verantwortbar?
Ja. Die Vorgabe des Gemeinsamen Bundesausschusses, des höchsten Gremiums der Selbstverwaltung im Gesundheitswesen, lautet: Die Anfahrt zur nächstgelegenen Frauenklinik sollte nicht länger als 40 Minuten sein. Das bleibt im Wesentlichen erfüllt.
Schon jetzt werden viele Frauen aus Cuxhaven in Reinkenheide versorgt. Patientinnen aus dem Kreis Osterholz sind in einer halben Stunde in Bremen. Außerdem gibt es ein nahe gelegenes Krankenhaus in Stade. Im Notfall kann zudem immer noch der Rettungsdienst gerufen werden.
Die Krankenhäuser in Cuxhaven und Osterholz dürften von dem Vorschlag aber nicht begeistert sein …
Ich gehe nicht davon aus, dass die Frauenkliniken in Cuxhaven und Osterholz mit jeweils etwa 500 Geburten im Jahr derzeit wirtschaftlich betrieben werden können. Aufgrund der geringen Umsätze dürfte das eher eine erhebliche Kostenbelastung für die Häuser sein. Grundsätzlich sagt man: Unter Qualitätsaspekten braucht ein Krankenhaus mindestens 800 Geburten im Jahr.
Zudem werden sich die Personalprobleme noch weiter verschärfen. Die Politik muss daher jetzt Verantwortung übernehmen, um die Patientenversorgung für die Zukunft zu sichern. Dafür brauchen wir einen länderübergreifenden Austausch in der Krankenhausplanung zwischen Bremen und Niedersachsen mit einer noch genaueren Analyse.
Besser weitere Wege für Patienten und dann auch gute Qualität durch eine Zentrenmedizin als künftig gar keine Versorgung mehr. Das heißt: Medizinische Behandlungsqualität vor Wohnortnähe ist die Maxime. Wenn wir weitermachen wie bisher, wird das nicht mehr lange funktionieren.