TGräpeler Schipperball: Mit Teufelsgeige und Schnapsglas von Haus zu Haus
Die Musiker gehen vorneweg. Chris Peters spielt die Teufelsgeige. Foto: Klempow
Mit Fischerhemd und Elbsegler, ein Schnapsglas am Bänzel griffbereit ziehen sie von Haus zu Haus. Beim Schipperball feiern die Gräpeler ausgelassen - obwohl es ein Abschied ist.
Gräpel. Der Schipperball ist ein Fest, das alten Traditionen folgt und sich doch neu erfinden muss. Die Schipper ziehen in zwei Crews durch die Gräpeler Straßen, von Haus zu Haus. Ein Hauch Wehmut liegt am Sonntag in der klaren Winterluft. Manchmal jedenfalls. Aber jetzt gibt es erst mal Korn.
Mit dem Schifferklavier auf Dorftour
„Fröhlichen Schipperball!“ Anja und Andreas Rausche nehmen die Meute in Empfang. Es ist Sonntagmittag. Der amtierende Schiffervereinspräsident öffnet die Tür und wird von Akkordeonklängen übertönt. Knapp 20 Männer treten singend und klatschend ein. Die Musiker mit dem Schifferklavier vorneweg. „Wir stehen für Werder ein“, singen sie. Alle laut, aber bestimmt nicht alle überzeugt.
Anja und Andreas Rausche wissen, was sie zu tun haben und schenken den Klaren aus. Hinter allen liegen schon herausfordernde Tage. Schipperball heißt: Donnerstags in drei Trupps Grünkohl im Dorf sammeln. Den Saal bei Meier mit den alten Seefahrtsflaggen schmücken und die Tombola aufbauen. Sonnabends Vereinsversammlung und anschließend Festball bis zum nächsten Morgen. Sonntags zum Speck- und Wurstsammeln durchs Dorf und abends zum Grünkohlessen wieder zu Meier. Das braucht Kondition und Korn. Seit zehn Uhr sind sie nun schon wieder unterwegs zum Specksammeln.
Capri-Sonne kommt gut an
Rausches haben aufgetischt: Wasser, Bier, Cola und Fanta. Anja Rausche hat morgens noch Schinkenbrötchen gebacken. „Andere machen zum Start Frühstück. Jeder bietet etwas an“, sagt sie. Gut kommt auch die Capri-Sonne bei den Herren an. „Die war noch vom Neujahrwünschen der Kinder über“, sagt Anja Rausche und grinst.
Als die Herren das Haus verlassen, macht auch sie sich auf den Weg zur Gaststätte Meier. Wahrscheinlich zum letzten Mal wird sie dort mit den anderen Frauen den Grünkohl kochen. Gastwirtin Karin Meier hat immer ihre Küche zur Verfügung gestellt, aber sie hört auf - und der Abschied von ihr und der Vereinsheimat, der macht in diesem Jahr allen ein bisschen zu schaffen.
Das Tambourin scheppert
Der Schipper-Trupp zieht weiter. Chris Peters hält die Teufelsgeige. Seit etwa vier Jahren ist er damit der Percussion-Beauftragte. „Die wurde mir in die Hand gedrückt“, sagt er und grinst. Der massive Stab pocht im Rhythmus auf den Boden, die Glocken und die Schellen des Tambourins scheppern im Takt.

Eine von zwei Schipper-Crews, die durchs Dorf ziehen. Foto: Schifferverein
Die Schipper beweisen musikalische Vielseitigkeit. Beim Besuch in Heino Mahlers Wintergarten weckt „Griechischer Wein“ das Fernweh. Bei den Getränken halten sie sich an die Tradition: Wasser, Bier, Brause und - klar- Köm. Bei Heino Mahler sind sie bei einem waschechten Schipper zu Besuch. „Na ja, ist auch schon fast nicht mehr wahr und 25 Jahre her“, sagt er. Aber damals fuhr er Schlepper im Hamburger Hafen.
Mit Ostewasser getauft
Von der Seefahrt können auch andere mehr als nur ein Lied singen. Harald Bube zum Beispiel, der 40 Jahre lang für die Reederei Hamburg Süd als Ingenieur auf den Weltmeeren unterwegs war. Er ist in Gräpel geboren, „mit Ostewasser getauft“ und hier aufgewachsen. Sein Sohn Hendrik ist die mittlerweile fünfte Generation von Seeleuten in der Familie.

Die fünfte und die vierte Seefahrer-Generation bei Familie Bube: Harald Bube und sein Sohn Hendrik. Foto: Klempow
Er rüstet Expeditions- und Forschungsschiffe aus, war selbst auch schon bei Fahrten in die Antarktis an Bord. Während der Schipper-Trupp zum nächsten Haus zieht, erzählt er, was ihn an der Seefahrt fasziniert: „Obwohl es ein so globaler Wirtschaftszweig ist, hat man doch immer irgendwo hilfreiche Kontakte.“
Reingerutscht sei er ganz selbstverständlich „durch Vaddern“, sagt er. Beeindruckt hat ihn als Jugendlicher die Schiffsbesichtigung in Rotterdam, erzählt er vor der nächsten Haustür. Die Schipper stimmen im Flur „Tulpen aus Amsterdam“ an. Passt.

Ein Tänzchen im Wohnzimmer. Foto: Klempow
Mit der Zeit und weiteren Hausbesuchen geht das Schunkeln in leichtes Schwanken über, wird der vorher klare Blick des ein oder anderen Specksammlers etwas glasig. Aber immer gepaart mit einem glückseligen Grinsen auf dem Gesicht.
Schipperball - das ist Tradition, Frohsinn und wie im Vereinsnamen verankert: Freundschaft. Danny Oppermann sieht auf einen Schipper beim Ausdruckstanz zum Akkordeon-Klassiker „Biscaya“. „Schipperball“, kommentiert er, „das ist einfach der schönste Tag.“
Deftiges Essen für arme Schifferknechte
„Wir feiern das so seit 121 Jahren“, sagt Harald Bube. Weil die Schifferknechte der Gräpeler Schiffseigner sich im Winter auf den Höfen für kargen Lohn verdingen mussten, organisierte der Verein das Kohlessen, damit die armen Knechte sich mal richtig sattessen konnten.
Eine deftige Mahlzeit, die noch immer sonntagabends aufgetischt wird. Alle Vereinsmitglieder geben deshalb Speck oder Wurst mit. Der Trupp stapelt die Päckchen in dem Bollerwagen in Schiffsform. „Franz“ steht am Bug, benannt nach einem ehemaligen Vereinspräsidenten.

Kerstin Peters und Laura Hellwege bringen schon mal vorab kiloweise Speck und Würste - damit abends alles gar ist - auch, wenn der Sammeltrupp mal wieder länger unterwegs ist. Foto: Klempow
Die Logistik ist ausgefeilt. Weil die Hausbesuche so gesellig sind und der Korn so gut schmeckt, übergibt Andreas Rausche die gesammelten Fleischwaren an Kerstin Peters. Der Speck muss dringend schon mal gekocht werden. Auf die geselligen Sammler kann in der Küche keiner warten. Also klappert Kerstin Peters mit dem Auto vorweg die nächsten Häuser ab. Laura Hellwege hilft ihr.
Senioren schälen Kartoffeln
Eine gut gefüllte Wanne und einen großen Korb voll mit abgepacktem Speck und Wurst tragen die beiden Frauen in die Küche der Gaststätte Meier. Im Clubraum sitzen sechs Männer gebeugten Hauptes. Die Senioren schälen traditionell die Kartoffeln, weit über einen halben Zentner müssen sie schaffen. Zeit, mal wieder ein bisschen zu schnacken.

Wohin mit den Erinnerungsstücken des Vereins an der Wand? Auch die Frage muss geklärt werden. Foto: Klempow
Kalli Steffens ist jetzt 83 und gehört seit zehn Jahren zu den Senioren. Kartoffelschälen kennt er auch anders. Als Moses an Bord wurde er ordentlich zusammengestaucht, wenn die Schalen zu dick waren. „Ich musste für acht Besatzungsmitglieder kochen und wenn an Deck was los war und ich mit raus musste und noch Holz nachgelegt hatte, dann war manchmal alles angebrannt.“ Kalli Steffens seufzt: „Das waren harte Zeiten.“

Karl, Kalli Steffens, hat sein eigenes Messer dabei. Für das gute Stück hat er selbst den Griff gefertigt. Das Messer haben er und seine Frau zur Verlobung geschenkt bekommen. Foto: Klempow
Wehmut beim Ball und in der Küche
Heute können sie in vertrauter Runde scherzen und frotzeln. Auch wenn sich immer wieder Wehmut ins Gespräch schleicht: „Hauptsache, wir dürfen nächstes Jahr wieder schälen“, sagt Bernd Peters, der heute die Senioren unterstützt.
Da klingt die Sorge mit, was wohl nächstes Jahr sein wird. Ähnlich geht es in der Küche zu: Im großen Keller dampfen 120 Kilo Grünkohl, in der Kipp-Pfanne kocht der Speck. Dennoch kann kaum eine der Frauen ausklammern, dass der Schipperball im nächsten Jahr ein anderer sein wird.

Das Team der Kohlkocherinnen bringt abends 120 Grünkohlportionen auf den Tisch. Foto: Schifferverein
Solche Mengen, 120 Essen, gemeinsam zu kochen, Kaffee zu trinken, Hand in Hand zu arbeiten und den Ball noch mal in Einzelheiten nachzubereiten - wo soll das gehen? „Wir sind alle ein bisschen wehmütig“, sagt Petra Bockelmann. Das war auch tags zuvor beim Ball schon so. Viele hatten Tränen in den Augen, als Präsident Rausche Wirtin Karin Meier verabschiedete.
Die Hintertür schwingt auf. Chris Thielker schiebt für den zweiten Trupp das Sammelschiff „Christoph“ herein. „We proudly present the Speck“, sagt er. Auch für ihn persönlich schwingt viel Wehmut mit. Hochzeiten, Silberhochzeiten, so viele Familienfeiern wurden auf Meiers schönem Kuppelsaal gefeiert. „Ich kenne die Familie von klein auf“, sagt er und blickt sich in der großen Küche um.

Nachschub: Chris Thielker rollt Sammelschiff Christoph in die Küche. Foto: Klempow
Fest für das ganze Dorf
Wehmut, Frohsinn und Hoffnung liegen nah beieinander an diesem Wochenende: Der Schipperball war mit mehr als 200 Gästen bestens besucht. „Daran sieht man, es soll weitergehen“, so Thielker. Das sieht Präsident Rausche ebenso. Der Vorstand will nach Lösungen suchen. „Schipperball ist schließlich für das ganze Dorf“, sagt Rausche.
Die naheliegende Herausforderung ist für ihn und seinen Sammeltrupp erst mal eine andere: Sie sind im Verzug, die Geselligkeit greift um sich und es stehen noch ein paar Häuser und einige Kurze an. Trotzdem wollen sie pünktlich beim Grünkohlessen sein. Traditionell klappt das doch.

Rune und Theve Schlesselmann überreichen die Speck-Spende stilecht in Fischerhemden. Foto: Klempow

Prost und fröhlichen Schipperball - unzählige Male wird angestoßen. Foto: Klempow

Daniel Sommerfeld und Chris Thielker (rechts) liefern in der Gaststätte Meier Nachschub an. Foto: Klempow

Petra Bockelmann öffnet die Kipppfanne, in der schon der Speck kocht. Foto: Klempow

Im Saal von Meiers Gasthaus in Gräpel wurde vielleicht zum letzten Mal ein Schipperball gefeiert. Wirtin Karin Meier hört auf. Foto: Klempow