Zähl Pixel
Hannoveraner-Zucht

TImmer am „Mettwoch“: Was die Pferdezüchter in Großenwörden beschnacken

Schnacken bei Kaffee und Mettbrötchen. Mittwochs ist „Mettwoch“ auf der Deckstelle Großenwörden.

Schnacken bei Kaffee und Mettbrötchen. Mittwochs ist „Mettwoch“ auf der Deckstelle Großenwörden. Foto: Klempow

Tausende Pferdeleben haben hier begonnen. Inzwischen ist es still auf der Deckstelle Großenwörden, zu Hause ist die Hannoveraner-Zucht hier aber immer noch. Vor allem am „Mettwoch“.

author
Von Grit Klempow
Donnerstag, 18.06.2026, 17:50 Uhr

Großenwörden. Auf der Diele des Fachwerkhauses in Großenwörden ist es still. Licht fällt durch die geöffnete Grootdör auf Metall an der Wand. Ein H mit zwei Pferdeköpfen - das Zeichen, das alle hier stolz macht. Hier ist die Hannoveraner-Zucht zu Hause.

Auch sie sind hier zu Hause. Die Züchter aus Großenwörden, Hüll oder Burweg und Hammah. Gerade erst haben sie im Pferdezuchtverein Stade-Altes Land das 125-jährige Bestehen der Deckstelle Großenwörden gefeiert. Jetzt trudelt einer nach der anderen ein. Es ist Mittwoch, nein, es ist „Mettwoch“.

Mettbrötchen für den Zusammenhalt

In der Saison treffen sie sich hier auf einen Kaffee und ein Mettbrötchen. Der Kaffee läuft im Büro von Michael Grund durch. Der Deckstellenvorsteher hat den „Mettwoch-Treff“ eingeführt. Das stärkt den Zusammenhalt. Die Brötchen mitzubringen haben sie vor Jahren dem Tierarzt verordnet. Es hat auch heute geklappt. Brötchen, Mett und eine Schale mit frisch gewürfelten Zwiebeln zum Stippen stehen auf dem Tisch, draußen auf dem Hof.

Mettbrötchen kommen beim Treff der Pferdezüchter auf den Tisch.

Mettbrötchen kommen beim Treff der Pferdezüchter auf den Tisch. Foto: Klempow

Dass hier morgens schon richtig Betrieb war, ist lange her. Jahrzehntelang brachte das Landgestüt Celle seine Hengste zu den Stationen aufs Land, damit die Bauern gute und zuverlässige Pferde züchten konnten. Für die Landwirtschaft, ganz früher auch für die Armee.

Und nebenan die Kneipe

Die Hengste reisten mit dem Zug an, wurden in Himmelpforten ausgeladen und nach Großenwörden geritten. So gut wie jeder Landwirt kam in der Saison mit mindestens einer Stute zur Deckstelle. Wie gut, dass gleich nebenan schon immer die Kneipe war.

Klaus Jarck hat diese Zeiten noch erlebt. Schon als Kind ritt er die Stuten vom Hof bis zur Deckstelle. Natürlich ohne Sattel. Auf dem Hof der Deckstelle war richtig was los. „Die Wirtin hat immer gesagt, wer hier kein Bier trinkt, der kriegt auch kein Fohlen“, sagt der 88-Jährige, grinst verschmitzt.

Warten und anstoßen

Damals, da waren an der Reling die Stuten in Reihe angebunden, erzählt Richard Jungclaus. Züchter brachten die Stuten zu Fuß, mit dem Fahrrad oder die Stuten liefen neben dem Trecker. Gedeckt wurde „um söben, um neun und denn wieder um 11 und abends“, erzählt Heinrich Hagenah. Da hieß es immer wieder warten - und anzustoßen.

Klaus Jarck hat als Kind die Stuten noch ohne Sattel zur Deckstelle geritten. Der von ihm gezogene Hannoveraner-Hengst Don Juan ist 1997 zum Hengst des Jahres gekürt worden.

Klaus Jarck hat als Kind die Stuten noch ohne Sattel zur Deckstelle geritten. Der von ihm gezogene Hannoveraner-Hengst Don Juan ist 1997 zum Hengst des Jahres gekürt worden. Foto: Schmädjens

Die Gaststätte ist geblieben, aber auf der Deckstelle hat sich viel geändert. Das zeigt auch der Arbeitsalltag von Michael Grund. Als er hier 1997 anfing, gab es noch einen Hengst auf der Station. Später holte er gleich morgens den Karton voller Frischsamen aus der Deckstelle Oberndorf für die aktuellen Besamungen am Vormittag.

Frischsamen vom Dobrock

„Heutzutage sitze ich morgens von 7 bis 10 Uhr im Büro, fahre los, gucke Fohlen und Pferde an, mache Zuchtberatung im Land und nachmittags kommt der Frischsamen am Dobrock über unser Eigentransportsystem an. Dann geht ab 15 Uhr die Besamung los.“

„De Hengstekierl is wedder dor“, heißt es in Großenwörden, wenn Grund für ein Vierteljahr wieder im Dorf Station bezieht. Dann bleibt zu Hause zwar viel liegen, aber er sieht auch die Ergebnisse. „Wenn die Fohlen kommen, dann ist man glücklich, freut sich, was man in Zusammenarbeit mit dem Züchter geschaffen hat. Das entschädigt für sehr viel.“

Sozialbörse mit Tierarzt

Fohlen, trächtige Stuten, Zuchtlinien oder Kaufanfragen - der „Mettwoch“ ist der richtige Tag, um all das zu beschnacken. Wer kommt, der kommt. „Für manche ist das hier eine Sozialbörse“, sagt Tierarzt Florian Ortgies. „Der Zusammenhalt ist hier noch sehr groß. Dass sich alle helfen, ist nicht mehr selbstverständlich.“

Wie anderes auch nicht mehr. Früher gehörte die Zucht der Pferde auf jedem Hof dazu. Heute schauen die jungen Betriebsleiter auf die Bilanz. Aber Geld ist mit der Zucht nicht zu machen, sind sich die Züchter einig. Warum bleiben sie trotzdem dabei?

Fohlengeburt und Glücksgefühl

„Leidenschaft“, sagen Heide Peters aus Hammah und Hinke Nimmert aus Großenwörden zusammen. „Heute züchtet man für den Verkauf und Du lernst auf der ganzen Welt Leute kennen“, sagt Heide Peters. Für Helmut Schütt aus Burweg ist es kaum denkbar, in einem Frühjahr nicht auf ein Fohlen zu warten: „Es ist ein großes Glücksgefühl, ein Fohlen das erste Mal über die Weide laufen zu sehen.“

Für die Züchter mit nur zwei, drei Stuten wird es aber schwieriger, sagt Schütt. Große Pferdebetriebe arbeiten mit Embryotransfer. Damit gibt es gleich vier, fünf Fohlen aus einer guten Stute. Eine Vervielfältigung. „Aber der kleine Landwirt mit dem guten Pferd, der wird abgehängt.“

Sie sind stolz. Jeder hat schon besondere Pferde gezüchtet. Spring-Asse oder Dressur-Cracks. Ein gekörter Junghengst oder gar ein „Hengst des Jahres“ - das lässt das Herz höher schlagen. 1997 wurde Don Juan Hengst des Jahres im Hannoveraner Verband - bei Klaus Jarck auf dem Hof ist er 1975 zur Welt gekommen. Ein Ausnahmepferd, ein Großenwördener Deckstellen-Original. Bewegende Erinnerungen.

Der Morgen wird zum Vormittag, die Runde räumt ab und bricht auf. Nächsten Mittwoch wieder „Mettwoch“? Selbstverständlich. Da, wo die Hannoveraner zu Hause sind.

Copyright © 2026 TAGEBLATT | Weiterverwendung und -verbreitung nur mit Genehmigung.

Die Redaktion empfiehlt
Weitere Artikel