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Horneburg

TKrebs-Diagnose: Wie ein Ohrwurm dieser Buxtehuderin half, weiterzukämpfen

Karin Kremling hilft Krebspatienten, durch ihre Singangebote wieder aktiv zu werden.

Karin Kremling hilft Krebspatienten, durch ihre Singangebote wieder aktiv zu werden. Foto: Buchmann

Die moderne Medizin macht viele Krebsarten gut behandelbar. Trotzdem trifft die Diagnose Betroffene oft wie ein Schock. Wie geht man mit der Krankheit um? Ein Weg: Singen in Horneburg.

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Von Steffen Buchmann
12.10.2026, 11:50 Uhr

Horneburg. Im Juni 2020 bekam Karin Kremling die Diagnose: Lungenkrebs. Metastasen hatten sich ausgebreitet, ein 12,5 Zentimeter großer Tumor haftete an ihrer Luftröhre. Geraucht hatte sie nie. Die Genesungsaussichten waren gering, die Ärzte gaben ihr ein Jahr.

Sechs Jahre und etliche Therapien später hat sich die 60-Jährige wieder ins Leben zurückgekämpft, auch dank großer Fortschritte in der Medizin. „Krebs heißt nicht sterben“, sagt Kremling. Eine Botschaft, die sie anderen Menschen mit auf den Weg gibt - über die Musik.

Karin Kremling ist studierte Diplom-Musiktherapeutin, spezialisiert auf Demenzkranke in Pflegeheimen und Sterbebegleitung. Seit 2001 lebt die gebürtige Schwäbin in Buxtehude. Die Musik begleitet sie täglich, ob zu Hause oder bei der Arbeit.

Wie hilft singen bei Krebs?

In Buxtehude leitete sie mit ihrem damaligen Ehemann bis 2018 die Canto-Kreise, seit 2022 leitet sie eigenständig Singgruppen wie die Singgruppe für Krebspatienten im Mehrgenerationenhaus Horneburg. Das gemeinsame Singen setzt Kremling ein, um Menschen zu erreichen und etwas bei ihnen zu bewirken.

Aber wie hilft Singen jemandem, der eine Krebsdiagnose erhalten hat? „Es geht darum, was die Musik bewirkt und was sich dahinter entwickelt“, erklärt Kremling. Musiktherapie bringe Menschen dazu, „selbst ins Tun zu kommen“ und eine Schwelle zu überwinden.

Gerade beim Singen seien ihre Patienten scheu; sagen anfangs, sie könnten nicht singen oder ein Instrument spielen. Viele hätten schlechte Erfahrungen etwa in der Schulzeit gemacht. Außerdem sei der Stuhlkreis verpöhnt, weiß Kremling. In der Singgruppe für Krebspatienten, die sie über die Krebsberatung Stade anbietet, gehe es darum, ein positives Gemeinschaftserlebnis zu schaffen und dass die Teilnehmer „Selbstwirksamkeit erleben“.

„Es ist wichtig, wieder aktiv zu werden und nicht zu erstarren“, sagt Kremling. Zudem müsse man lernen, Hilfe von anderen anzunehmen. Sie selbst sei von Anfang an sehr offen mit ihrer Krankheit umgegangen. Über eine Selbsthilfegruppe auf Facebook beschaffte sie sich Informationen und kam mit anderen Betroffenen in den Austausch. „Es ist gut, Wissen zu haben“, sagt Kremling.

Musik half durch schwere Zeiten

Die Musik gab ihr in dieser schweren Zeit Halt. In der Klinik habe sie immer eine Gitarre dabei gehabt. Als sie später wegen Knochenmetastasen im Rollstuhl saß und in ein Pflegeheim kam, gab es dort ein Klavier. Sie habe oft nachts wach im Bett gelegen und nicht schlafen können. „Es ist gut, wenn man ein beruhigendes Lied im Kopf hat, einen sicheren Ort“, sagt Kremling. Das helfe der chronisch Kranken heute noch, etwa beim Liegen „in der Röhre“ bei einem MRT.

Die Musik hat der Diplom-Musiktherapeutin geholfen, ihre eigene Krebserkrankung durchzustehen.

Die Musik hat der Diplom-Musiktherapeutin geholfen, ihre eigene Krebserkrankung durchzustehen. Foto: Buchmann

Ob das Singen wirkt, liege sehr an der Person selbst. Auch der Zeitpunkt der Therapie sei entscheidend, weiß Kremling. Jeder Patient entscheidet selbst, ob er in Ruhe gelassen werden oder sich öffnen will. Beim gemeinsamen Singen hat Kremling etwas beobachtet: Der Herzschlag passt sich aneinander an. „Man schwingt sich ein.“

Ihr Ziel: Menschen Ohrwürmer mitgeben

Doch in den Singgruppen muss Karin Kremling auch kulturelle Hürden überwinden. Die Deutschen seien gehemmt beim Singen von Volksliedern, „wir haben nach dem Zweiten Weltkrieg das Singen verlernt“. Deshalb setzt die Musiktherapeutin auf ein Repertoire mit neuen, deutschen Liedern und auch Lieder aus verschiedenen Kulturen in diversen Sprachen.

„Es ist ein stückweit egal, was man singt“, sagt Kremling. Viel mehr gehe es um das Gefühl und die Energie, etwas gemeinsam zu tun. In der Krebs-Singgruppe sei zudem nicht nur Platz für ernste Botschaften, es gebe auch das Bedürfnis nach spaßigen Liedern. Es könne zudem immer vorkommen, dass jemand getriggert wird. „Tränen sind definitiv erlaubt“, sagt Kremling. Durch ihre Arbeit will Karin Kremling den Menschen eine besondere Sache mit auf den Weg geben: Ohrwürmer. „Die kann man niemandem nehmen.“

Informationen zur Krebs-Singgruppe

Die Singgruppe für Krebspatient*innen trifft sich einmal im Monat (donnerstags von 17 bis 18.30 Uhr) im Mehrgenerationenhaus Horneburg. Das nächste Treffen findet am 22. Oktober 2026 statt. Die Teilnahme ist kostenfrei.

Die Krebsberatung Stade e.V. bietet kostenlose Beratung und Unterstützung für Betroffene und Angehörige über Beratungsstellen in Stade, Buxtehude und Harsefeld an. Die Hauptberatungsstelle in Stade ist täglich besetzt. Infos unter 04141/67744 oder www.krebsberatung-stade-buxtehude.de.

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