TKutterhäfen: Zwischen Postkartenidylle und Existenzangst
Magisch: Die Kutterhäfen an der Wurster Küste – hier in Dorum-Neufeld – sind nicht nur Wirtschaftsstandorte, sondern auch unter touristischen Aspekten wichtige Faktoren. Foto: Leuschner
An den idyllischen Sielhäfen zwischen traditionellem Handwerk und Tourismusflair ringen Kutterfischer um ihre Zukunft. Sie stehen vor gewaltigen Herausforderungen. Verbotsdebatten und Nachwuchsmangel sorgen für Unruhe.
Landkreis Cuxhaven. Wremen, Dorum-Neufeld und Spieka-Neufeld haben etwas Magisches. Es sind die Sielhäfen dieser kleinen Orte an der Wurster Küste, Anlegestellen für bunte Kutter, die die Menschen anziehen. Ihre maritime Strahlkraft zieht nicht nur Einheimische an, sondern Jahr für Jahr auch Tausende (Übernachtungs-)Gäste.
Zahl der Kutterfischer an der Nordsee geht immer weiter zurück
Doch die Zahl der Kutterfischer in der Region schrumpft seit Jahrzehnten. Nachwuchs ist kaum in Sicht. Immer wieder machen die Fischer auf ihre schwierige Lage aufmerksam. Auch mit drastischen Zeichen wie Kreuzen vor den Häfen, die den drohenden Untergang ihres Berufsstandes symbolisieren sollen.
Wissenschaftler der Hochschule Emden/Leer beschäftigen sich längst mit dem „Kutter der Zukunft“, der Kutterfischern an der Nordseeküste Perspektiven aufzeigen soll. Auch Forscher des Thünen-Instituts in Bremerhaven haben den Berufsstand im Blick.
„Hat die Krabbenfischerei an unserer Küste eine Zukunft?“
Und seit Kurzem gibt es die „Informations- und Koordinierungsstelle Transformation Fischerei“. Unter der Leitung des ehemaligen SPD-Bundestagsabgeordneten Daniel Schneider soll sie die deutsche Küstenfischerei in Nord- und Ostsee beim Wandel zu einem umweltschonenderen, zukunftsfähigen und wirtschaftlich tragfähigen Sektor unterstützen.

Mit schwarzen Kreuzen machen Fischer auf ihre schwierige Lage aufmerksam, falls das Fangverbot mit Grundschleppnetzen ab 2030 kommen und die Fanggebiete vor ihrer „Haustür“ beschränkt werden sollten. Foto: Leuschner
Und trotzdem ist die Frage „Hat die Krabbenfischerei an unserer Küste eine Zukunft?“ noch lange nicht ausdiskutiert. Das wurde gerade einmal mehr bei einer Veranstaltung des Wremer Heimatkreises, der „Männer vom Morgenstern“ und des örtlichen Verkehrsvereins im Gästezentrum Wremen deutlich.
Von 2018 bis 2024: sieben schlechte Jahre nacheinander
Mehr als 80 Interessierte – darunter Kutterfischer, viele Bürger und Kommunalpolitiker – debattierten mit drei Wissenschaftlern des Thünen-Instituts über einen kleinen, aber über den fischwirtschaftlichen Aspekt hinaus immens bedeutsamen Berufsstand für die Region.
Die Problemlage ist vielschichtig. Extrem schwankende und nicht kalkulierbare Krabbenfangmengen sind da nur ein Faktor.
„Wir hatten seit 2018 ein schlechtes Jahr nach dem anderen in der Krabbenfischerei“, berichtete Dr. Tobias Lasner, der sich als Soziologe am Thünen-Institut mit den ökonomischen Aspekten der Fischerei beschäftigt. Als Bundesforschungseinrichtung gehört das Institut zum Geschäftsbereich des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft und forscht an der Schnittstelle von Wissenschaft, Politik und Gesellschaft zur nachhaltigen Ressourcennutzung.
Wende kommt 2025: Bestes Krabbenjahr seit 2010
Im Frühjahr 2025 sei das Thünen-Institut damit beauftragt worden, die Wirtschaftlichkeit der Flotte zu ermitteln, um eine Prämie für eine teilweise Stilllegung ebendieser berechnen zu können. „Es hieß“, so Lasner, „ohne diese Prämie würde die Fischerei kein weiteres schlechtes Jahr überleben.“
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Niemand hatte damit gerechnet, dass die Krabben-Anlandungen just in jenem Jahr in die Höhe schnellen würden. „Was den Fang betrifft, war 2025 das beste Jahr seit 2010“, bilanziert Lasner.
„Nordseegarnele wird aus biologischer Sicht nicht aussterben“
Das Auf und Ab ist typisch, bestätigte Meeresbiologin und Nordseegarnelen-Expertin Dr. Kim Hühnerlage. Wirklich erklären könne sie die extremen Bestandsschwankungen nicht. Allerdings sei die Zahl der Fressfeinde wie Quallen und Wittlinge im vergangenen Jahr geringer gewesen als in den Jahren davor.
Bei allen Unwägbarkeiten ist sich Hühnerlage in einem Punkt sicher: „Die Nordseegarnele stirbt nicht und wird aus biologischer Sicht auch nicht aussterben.“
Das mindert die Sorgen der Fischer aber nicht. Denn der schwankende Fang ist nicht ihre größte Befürchtung.
Gebietsschließungen und Verbot von Grundschleppnetzen drohen
„Was uns Sorgen bereitet, sind die drohenden Gebietsschließungen und das Verbot der Grundschleppnetzfischerei“, sagt Stephan Hellberg. Der Kutterfischer aus Dorum fischt nicht nur seit 40 Jahren, er vertritt auch die Belange seines Berufsstandes als Vorstandsmitglied im Landesfischereiverband.

Charmante Atmosphäre, ernstes Gesprächsthema: Mehr als 80 Bürgerinnen und Bürger hat es zum „Herdfeuerabend“ ins Gästezentrum Wremen gezogen, um über die Probleme der Krabbenfischer und deren Zukunft zu debattieren. Foto: Leuschner
An der Schließung von Fanggebieten im Wattenmeer führt kein Weg vorbei, ist Hellbergs Berufskollege Jens Tants überzeugt. Sollte es Spieka-Neufeld treffen, dann dürften die Fischer diesen Bereich zwar noch befahren, aber nichts entnehmen. „Wenn es ganz schlimm läuft, gibt es an der Wurster Küste nur noch einen Hafen. Dann werden Betriebe umgelegt, das wird großes Problem werden.“
Fischer ärgern sich über Naturschutzverbände
Was der Wremer Fischer Maik Bartel und seine Berufskollegen nicht nachvollziehen können: Das Thünen-Institut hat im Jahr 2023 eine Studie zu den Auswirkungen der Krabbenfischerei auf den Meeresraum veröffentlicht. Innerhalb weniger Stunden habe der WWF (World Wildlife Fonds) dieser wissenschaftlichen Untersuchung widersprochen.
Das bestätigt auch Dr. Hermann Neumann, Meeresbiologe am Thünen-Institut und Mitarbeiter an der besagten Studie, die unter dem Forschungsprojekt-Titel CRANIMPACT veröffentlicht wurde.
Auswirkungen der Garnelenfischerei auf das Wattenmeer
Dafür hatten Wissenschaftler über vier Jahre die Auswirkungen der Garnelenfischerei auf die vorherrschenden Lebensraumtypen in den Wattenmeer-Nationalparks der norddeutschen Bundesländer erforscht. Dabei wurden sowohl die kurzfristigen Auswirkungen als auch die chronischen Veränderungen durch anhaltenden Fischereidruck untersucht.
Dabei fanden die Forscher heraus, „dass die Krabbenfischerei im hochdynamischen, von starken natürlichen Schwankungen beeinflussten Wattenmeer einen durchaus messbaren, aber im Vergleich zu anderen Faktoren, wie der Zusammensetzung des Sediments, geringeren Einfluss auf die Artgemeinschaften des Meeresbodens ausübt“.
Eine wissenschaftliche Studie und ihre Folgen
„In der Tat“, resümiert Neumann, „kann man sagen, dass unsere Arbeit nicht richtig anerkannt wurde. Fünf Minuten, nachdem wir die Studie veröffentlicht haben, hat der WWF Gegendarstellung gebracht, die völlig unwissenschaftlich war.“
Dabei seien es gerade Naturschutzverbände, die so viel Wert auf Wissenschaft legen würden. „Jetzt haben wir diese wissenschaftliche Evidenz mit Fakten.“ Aber genau diese Gruppen, die vorher so viel Wert darauf gelegt hätten, würden sie nun nicht anerkennen.
Für die Kutterfischer von der Wurster Küste hat die Studie des Thünen-Instituts deshalb eine immens hohe Bedeutung, weil sie ihnen als wissenschaftlicher Beleg dafür dient, dass sie mit ihren vergleichsweise leichten Grundschleppnetzen nicht der Zweig in der Fischerei sind, der Meeresräume nachhaltig schädigt.
„Ohne den Boden zu berühren, kann man keine Krabbe fangen“
Sollte dem Forschungsprojekt CRANIMPACT zu wenig Wert bei dem im Raum stehenden Verbot der Grundnetzfischerei für die Krabbenfischer ab 2030 beigemessen werden, sieht Hellberg schwarz: „Ohne den Boden zu berühren, kann man keine Krabbe fangen. Wenn das Verbot kommt, wird die Wurster Küste vom Bildschirm der Fischerei verschwinden.“
So düster wollen aber eigentlich weder die Fischer selbst noch die Wissenschaftler des Thünen-Instituts in die Zukunft blicken. „Ich glaub‘ immer noch, dass die Fischerei Zukunft hat und weitergehen wird“, sagt der Wremer Fischer Maik Bartel. Und Hellberg sich weiter für die Belange seines Verbandes einsetzen – „nicht für mich, aber für die nächsten Generationen“.
Meeresbiologe Neumann ist überzeugt, dass weder die Krabben aussterben noch die Krabbenfischerei. „Weil wir Menschen und die Krabben unglaublich anpassungsfähig sind.“
Fischereiberuf in Zahlen
Der Fischerberuf ist insgesamt stark rückläufig. Waren es 1970 bundesweit über alle Fischereisektoren noch 7000 Fischer, sind es jetzt laut Thünen-Institut noch 1000. Die Krabbenfischerei zählt dabei noch rund 150 Berufsangehörige.Der Durchschnittsfischer war 2023 rein statistisch gesehen 54,4 Jahre alt. Bei einem Drittel aller Fischer betrug das Alter zwischen 55 und 65 Jahren.
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