TLeben mit Rückschlägen: „Gesellschaft hat mich für behindert erklärt“
Am liebsten erkundet Anne Christoph ihre neue zweite Heimat Estland auf dem Liegerad – durch stille Wälder, über endlose Wiesen und entlang der Küste. Foto: Privat
Anne Christoph pendelt jedes Jahr mit ihrem Mann zwischen Norddeutschland und Saaremaa – ein Leben, das nach Rückschlägen neu geordnet werden musste. Wie sie ihr eigenes Tempo fand.
Bülstedt. Draußen prasselt der Nieselregen auf die Straßen von Bülstedt (Kreis Rotenburg) – drinnen, in der kleinen Küche des alten Bauernhauses, heizt „Rosa“ richtig ein. Die schwarz-rote Küchenhexe knistert und dampft, während Anne Christoph, 63, das Holz auflegt. Für sie und ihren Mann Felix Pfeiffer, 62, ist die Küche das Herz ihres Heimes – warm, behaglich und einladend. Seit 31 Jahren sind sie ein Paar, seit 28 Jahren verheiratet.
Im vergangenen Jahr begannen sie, ihr Leben in zwei Welten aufzuteilen: Die winterliche Hälfte des Jahres verbringen sie weiterhin in Bülstedt, die andere in Möldri auf Saaremaa, einer kleinen estnischen Insel im Baltikum. Doch die Liebe zu Estland reicht weiter zurück: 2014 packten sie das erste Mal ihre sieben Sachen in ein altes Wohnmobil und bereisten das Baltikum. Danach wuchs mit jedem Sommerurlaub auf Saaremaa der Wunsch, eines Tages dort zu leben. „Heute sagen unsere Freunde in Estland, ich wäre in meinem früheren Leben einmal Estin gewesen“, scherzt Anne Christoph und lacht.
Herausforderungen und der entscheidende Wendepunkt
Dieser Traum war nicht leicht zu verwirklichen. Anne Christoph wurde in den 60er Jahren mit einem verkürzten Arm geboren, eine Folge der Contergan-Katastrophe. „Die Einschränkung habe ich als kleines Kind nie gespürt. Die Gesellschaft hat mich jedoch für behindert erklärt“, sagt sie. Ihr wurde vieles nicht zugetraut, sie wurde zunehmend bevormundet, ein Musiktherapie-Studium blieb ihr verwehrt. Doch Anne Christoph gab nicht auf. Mit der Unterstützung ihrer Familie kämpfte sie sich durch und gründete 1997 zusammen mit ihrem Mann den heilpädagogischen Reiterhof „Fylgia“ in Bülstedt – ein Ort, an dem Kinder, Pferde und Menschen zusammenwachsen sollen.
Aus heutiger Sicht hat sie sich oft zu viel zugemutet: Autofahren, Reiten, Liegerad fahren, Musikinstrumente spielen – alles gleichzeitig. Die Folge ist ein arthrosebedingt schmerzender Arm, weshalb sie mittlerweile häufig auf die Unterstützung ihres Mannes angewiesen ist.
Ein einschneidendes Ereignis 2012 brachte dann Klarheit: „Ich möchte nicht mein Leben lang im Hamsterrad laufen.“ Die daraufhin folgenden Urlaube und die Teil-Auswanderung nach Estland mussten sorgfältig geplant werden, und der Hof mit seinen Ponys musste zuverlässig versorgt sein – doch mit jedem Sommer, den das Ehepaar in Möldri verbrachte, wuchs die Erfahrung und Eingespieltheit des Ersatz-Hofteams.
Ein Zuhause zwischen Natur und nordischer Ruhe
2019 kaufte das Ehepaar ein Grundstück auf Saaremaa und baute darauf ein traditionelles estnisches Blockhaus – direkt am Meer, genau wie Anne Christoph es sich immer vorgestellt hatte. „Mehr Norden geht immer“, sagt sie mit funkelnden Augen. Hier gefallen ihr die Ruhe und die Ehrlichkeit der Menschen.
Die Mentalität des Ruhrgebiets, wo Anne Christoph aufwuchs – laut, rau, hektisch, wie sie selbst sagt – ist für sie längst Vergangenheit. Am meisten vermisse sie die Gelassenheit der Insel, wenn sie wieder in Deutschland sind: „Die ersten Wochen sind wir immer noch im Inseltempo, da ticken die Uhren langsamer“, sagt die 63-Jährige.
Ehrenamtliches Engagement in einer Bürgerinitiative
Möldri ist winzig: zwölf feste Bewohner, acht Grundstücke, vier Kilometer lang. Einsam fühlt sich Anne Christoph trotzdem nie. Die Frührentnerin lernt die Sprache, hilft Freunden beim Verkauf von Manufakturprodukten und interessiert sich für die Folkmusik Estlands.
Früher war die Insel ein Geheimtipp, heute ärgert sie sich über rücksichtslose Luxuscamper, die alles verwüsten. Auch in Bülstedt setzt sie sich für Nachhaltigkeit ein und zeigt in Vorträgen, wie man Estland mit Respekt für Kultur und Geschichte bereisen kann. Ehrenamtlich engagiert sie sich in der Bürgerinitiative und organisiert einmal im Jahr ein Liegerad-Treffen – Aufgaben, die sie erfüllen.
„Esten tauschen, verschenken, teilen. Sie interessieren sich füreinander, feiern ihre Kultur, ohne andere auszuschließen. Hier fühle ich mich mit meiner Einschränkung einfach angenommen, wie ich bin“, sagt Anne Christoph.
Trotzdem bleibe Bülstedt ihr Zuhause, wegen der Familie und des 100 Jahre alten Hofes, den sie liebevoll renoviert haben. Die Ponys sind mittlerweile dauerhaft in anderen Stallungen untergebracht. Ein Stück Möldri nehmen sie jedes Jahr über den Winter mit nach Deutschland: Pflanzen, Setzlinge, Kürbisse, Zucchini – die Früchte des Sommers begleiten sie bis ins Frühjahr. Im April geht es wieder zurück nach Estland, zu „Rosetta“, dem Gegenstück zu „Rosa“. Und dort, am Meer, beginnt für das Ehepaar der wahre Norden ihres Lebens.
Copyright © 2026 TAGEBLATT | Weiterverwendung und -verbreitung nur mit Genehmigung.