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TNach über 40 Jahren: Geht auch die süße Legende in Zeven in Rente?

Sie kennen das geheime Rezept der Himmelstorte – Martina und Theo Müller. Nun verabschieden sie sich aus ihrer Backstube und nehmen ein Stück süßer Legende mit in den Ruhestand.

Sie kennen das geheime Rezept der Himmelstorte – Martina und Theo Müller. Nun verabschieden sie sich aus ihrer Backstube und nehmen ein Stück süßer Legende mit in den Ruhestand. Foto: Willing

Letzte Runde Sahne und Zimt, dann ist Schluss: Martina und Theo Müller verabschieden sich aus ihrer Backstube. Mit ihrem Ruhestand endet eine traditionsreiche Erfolgsgeschichte.

Von Pia Willing Montag, 25.05.2026, 14:25 Uhr

Zeven. Um drei Uhr morgens ist es still in Zeven. Die Straßen sind leer, die Schaufenster dunkel. Nur in der Backstube der Konditorei Müller brennt schon Licht.

Theo Müller steht seit Jahrzehnten zu dieser Uhrzeit am Arbeitstisch. Der 68-Jährige rollt Teig aus, greift nach einem Metallring und sticht runde Böden aus. Mit einem kleinen Rad rollt er Löcher in den Teig, streicht verquirltes Ei darüber, streut gemahlene Haselnüsse, Hagelzucker und Zimtzucker darauf – jeder Handgriff sitzt. Dann wandern die Böden in den Ofen. Es ist der Anfang einer Torte, die in Zeven längst Legendenstatus hat: die Himmelstorte.

Während die ersten Bleche backen, werden nebenbei Brot und Brötchen für den Tag vorbereitet. Frühstück gibt es für den gelernten Konditor erst gegen acht Uhr – bevor die nächsten Laibe aus dem Ofen kommen. „Das Schönste an meinem Beruf ist, dass ich die Leute glücklich mache“, sagt er. Die positive Rückmeldung der Kunden sei für ihn noch immer der größte Lohn seiner Arbeit.

Wenn die Augen tränen und der Teig noch warm ist

Ein paar Stunden später übernimmt seine Frau, Martina Müller. Bis halb zehn stellt die 66-Jährige Vanilleschnitten, Sahnetorten und andere Feingebäcke fertig. Dann kommen die Böden für die Himmelstorte aus dem Ofen – und plötzlich brennen die Augen. Der Grund ist ein altes Triebmittel: Hirschhornsalz. Vielleicht das erste kleine Geheimnis der Himmelstorte. Es sorgt für den typisch lockeren, luftigen Teig – und bringt selbst erfahrene Konditoren manchmal zum Weinen.

Die Böden sind das Herz der Himmelstorte

Schnell muss es jetzt gehen. Noch warm werden die Böden ein zweites Mal ausgestochen. „Wenn sie kalt sind, sind sie kross wie ein Keks“, erklärt Martina Müller. Dann würden sie beim Schneiden zerbrechen. Die Böden werden vom Blech genommen, mit einem Tortenteiler markiert, geschnitten und zum Abkühlen beiseitegelegt. Ungeschnitten könnten sie später nicht auf die Torte – „sonst drückt man sie beim Servieren kaputt“.

Das Herz der Himmelstorte sind die Böden. Zwei davon bleiben ganz, der obere wird geschnitten. Um den Unteren legt Martina Müller einen Tortenring und füllt eine dicke Schicht geschlagene Sahne darauf. Mehr Geheimnis steckt darin nicht. „Die Sahne ist nur gesüßt“, sagt sie. Der besondere Geschmack entsteht anders: Die Torten werden immer einen Tag vorher eingesetzt. So kann der Zimt aus den Böden in die Sahne ziehen. Die zunächst krossen Böden werden dabei weich – und zergehen später auf der Zunge.

Die Arbeit ist eingespielt. Seit Jahrzehnten. Martina Müller kümmert sich um die feine Konditorei und die Sahnefüllungen, ihr Mann um Brot, Brötchen und Gebäck. Jeden Abend schreibt sie ihm einen Backzettel für den nächsten Tag. Trotzdem hat jeder seine Rezepte im Kopf. Sonntags entstehen allein etwa 20 Torten. In einer normalen Woche insgesamt rund 40. Am Wochenende verbraucht Martina Müller bis zu 50 Liter Sahne.

Über 20.000 Himmelstorten, mit viel Liebe gebacken

Und die Himmelstorte? Die haben die Müllers im Laufe der Jahre unzählige Male gebacken. Rund zehn pro Woche – über vierzig Jahre hinweg. Insgesamt mehr als 20.000 Stück. „Und nicht einmal ist eine schiefgegangen“, sagt Martina Müller und lächelt.

Die Konditorei Müller gehört dem Ehepaar seit 1990. Doch gearbeitet haben sie hier schon früher – seit 1986. Für Martina Müller ist die Backstube mehr als nur ein Arbeitsplatz. Sie nennt sie ihre „Trauminsel“.

Die Himmelstorte hat Zeven weit über die Stadtgrenzen hinaus bekannt gemacht. Menschen reisen extra an, um sie zu probieren. Selbst Reiseführer erwähnen die Spezialität. Schon 1843 tauchte das Rezept der Himmelstorte erstmals in den Geschäftsbüchern der Familie Müller auf.

Die Himmelstorte bewahrt ihr geheimes Rezept – vorerst

Über die Jahrzehnte wurde es von Generation zu Generation weitergegeben und kaum verändert. Früher wurde die Torte mit saurer Sahne gefüllt, heute mit süßer – eine Neuerung aus der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg.

Doch jetzt endet diese Geschichte. Am 28. Juni gehen Martina und Theo Müller in den Ruhestand. Die Entscheidung sei nicht leicht gewesen. Die Arbeit in der Backstube ist körperlich anstrengend, sagen sie. Irgendwann müsse man einen Schnitt machen. „Wenn man die Kunden hört, wäre es sowieso immer zu früh“, sagt Martina Müller.

Ganz aufhören wollen sie trotzdem nicht. Privat wird weitergebacken. Und das Rezept der Himmelstorte? Das bleibt vorerst geheim. Vielleicht, so sagen die Müllers, wird es irgendwann einmal ein Rezeptbuch geben – viele Kunden wünschen sich das.

Bis dahin bleibt die Himmelstorte vor allem eines: eine süße Erinnerung. An frühe Morgen in der Backstube, an Zimtduft in der Luft – und an zwei Konditoren, die über Jahrzehnte hinweg mehr als 20.000 Stück Himmelstorte gebacken haben.

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