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TPost-Chaos um Klinikbriefe: Patientin verfolgt Zustellerin

Ein Zusteller des Post-Konzerns DHL stellt mit einem elektrisch betriebenen Fahrzeug (Streetscooter) Post zu. (Symbolbild)

Ein Zusteller des Post-Konzerns DHL stellt mit einem elektrisch betriebenen Fahrzeug (Streetscooter) Post zu. (Symbolbild) Foto: picture alliance/dpa

Eine große Operation steht an, doch wichtige Arztpost bleibt aus. Eine Frau hofft verzweifelt auf Krankenhausunterlagen. Als sie ein Postauto sieht, greift sie zum Fahrrad.

Von Pia Willing 16.10.2026, 13:45 Uhr

Landkreis Rotenburg. Der Mund-Nasen-Schutz sitzt, die Handtasche steht auf dem Stuhl zwischen uns. Irmtraud Meyer ist extra in die Redaktion gekommen, weil sie nicht mehr weiterweiß. Händeschütteln? Lieber nicht. Die 64-Jährige ist vorsichtig.

Sie hat eine Herzklappeninsuffizienz, in einer Woche soll sie im Albertinen Krankenhaus in Hamburg operiert werden. Eigentlich sollte sie sich jetzt auf den Eingriff vorbereiten. Stattdessen wartet sie auf wichtige medizinische Unterlagen. Und auf Post, die einfach nicht ankommen will.

Wichtiger Klinikbefund fehlt kurz vor dem Eingriff

Seit Tagen fehlt Meyer der abschließende Befund aus dem Agaplesion Diakonieklinikum Rotenburg, wo sie eine Woche stationär behandelt worden war. Anschließend sollte das sogenannte Heart-Team gemeinsam mit Ärzten aus dem Albertinen Krankenhaus über das weitere Vorgehen beraten. Das Ergebnis der Konferenz ist für Meyer wichtig. Denn bislang weiß sie nicht genau, was bei ihrer bevorstehenden Operation geplant ist.

„Ich habe nur den Aufnahmetag, ansonsten keine Infos, ob ich zum Beispiel eine Rekonstruktion der Herzklappe bekomme“, sagt sie. Um an den Befund zu kommen, habe sie verschiedene Wege versucht. Eine Übermittlung per E-Mail sei aus Datenschutzgründen nicht möglich gewesen. Auch ihr Sohn habe den Bericht trotz Vollmacht nicht persönlich abholen können.

Die Frau aus Ippensen wartet auf wichtige Arztbriefe.

Die Frau aus Ippensen wartet auf wichtige Arztbriefe. Foto: cocoparisienne/Pixabay

Und es geht nicht nur um den Befund aus Rotenburg. Auch Briefe aus Hamburg mit Informationen zur OP-Vorbereitung seien bislang nicht bei ihr angekommen. Die Unterlagen seien erneut verschickt worden, nachdem Meyer nachgehakt hatte. Doch auch diesmal blieb ihr Briefkasten leer. Meyer schüttelt den Kopf und schlägt sich mit der flachen Hand auf die Oberschenkel. „Ich bin entsetzt, was da abgeht. Eher stirbt man vorher.“

Postauto fährt durchs Dorf: Warum wird nicht verteilt?

Meyer vermutet, dass sie nicht die Einzige ist, die vergeblich auf Briefe wartet. In einer WhatsApp-Gruppe der Dorfbewohner hätten sich mehr als zehn Menschen gemeldet, die ebenfalls keine Post bekommen hätten. Betroffen seien Klein und Groß Ippensen. Die Ortschaft Ippensen umfasst neben den beiden Dörfern auch Ippensen-Süd und zählt insgesamt nur rund 280 Einwohner. Wenn mehrere Nachbarn gleichzeitig vergeblich in ihre Briefkästen schauen, fällt das auf.

Auch Doris Detlefsen aus Groß Ippensen, 58 Jahre alt, wartet auf Briefe. Vor etwa anderthalb Wochen habe sie zuletzt Post aus ihrem Briefkasten genommen. Dabei habe die Zustell-App angekündigt, dass ein Brief eintreffen sollte. „Man kommt auch an keinen ran“, sagt sie. Inzwischen spiele sie sogar mit dem Gedanken, sich selbst an die Straße zu stellen, um den Zusteller abzufangen. Auch einen Brief in den gelben Postkasten am Straßenrand zu werfen, sei ihr mittlerweile zu unsicher. Schließlich wisse sie nicht einmal, ob dieser überhaupt noch geleert werde.

Einige bekommen Pakete, andere warten auf Post. (Symbolbild)

Einige bekommen Pakete, andere warten auf Post. (Symbolbild) Foto: Sebastian Christoph Gollnow/dpa

Ganz ohne Zustellung scheinen die beiden Orte allerdings nicht zu sein. Nach Angaben von Bewohnern sei ein Postauto vereinzelt mittags durch das Dorf gefahren, ohne an den Häusern anzuhalten. Manche Gewerbetreibende hätten hingegen Post erhalten, auch einige Pakete seien angekommen. Warum Briefe offenbar nicht überall zugestellt werden, können sich die Bewohner nicht erklären.

Kundenservice verweist auf Nachforschungsauftrag

Meyer hat sich inzwischen offiziell beschwert. Sie schrieb an den Kundenservice der Deutschen Post und meldete die Unregelmäßigkeiten bei der Bundesnetzagentur. Auch telefonisch versuchte sie, Antworten zu bekommen.

„Ich will Ihnen keine falsche Auskunft geben“, sagt die Mitarbeiterin am anderen Ende der Leitung.

„Ich will Ihnen keine falsche Auskunft geben“, sagt die Mitarbeiterin am anderen Ende der Leitung. Foto: Karl-Josef Hildenbrand/dpa/dpa-tmn

Auf Nachfrage der Redaktion verbindet eine freundliche KI-Stimme uns mit dem Kundenservice der Deutschen Post. Dort heißt es, für Briefe, deren Versand mehr als sieben Tage zurückliege, könne online ein Nachforschungsauftrag gestellt werden. „Ich will Ihnen keine falsche Auskunft geben“, sagt die Mitarbeiterin am anderen Ende der Leitung. Eine konkrete Erklärung für die mutmaßlich ausbleibende Zustellung in Ippensen hat sie nicht. Eine Beschwerde wegen möglicher Unregelmäßigkeiten könne sie jedoch weiterleiten.

Auch der Online-Post-Check der Deutschen Post liefert zunächst keine Erklärung. Für die Postleitzahl 27419 werden zum Zeitpunkt der Überprüfung keine Einschränkungen angezeigt. Stattdessen verweist das Unternehmen auf stärker gebündelte Zustellungen. Wie häufig Briefe zugestellt würden, hänge auch vom jeweiligen Sendungstyp ab.

Für Meyer ist das kein Trost. Sie wartet nicht auf Werbung oder eine Rechnung, die ein paar Tage später bezahlt werden kann. Sie wartet auf medizinische Informationen, die sie vor ihrer Herzoperation braucht.

28 Briefe nach einer Verfolgungsjagd

Noch am selben Tag, gegen 16 Uhr, sieht Meyer ein Postauto die Straße entlangfahren. Sie schnappt sich ihr Fahrrad und fährt hinterher. Bis zu einer Kreuzung verfolgt sie den Wagen, dann muss er anhalten. Meyer stellt sich der Zustellerin in den Weg und fordert eine Erklärung.

Deren Antwort laut Meyer: „Ich habe jetzt Feierabend.“

Die Zustellerin habe ihr erklärt, dass sie erst in der kommenden Woche wieder Post gebracht hätte. Für Meyer hätte das bedeutet, womöglich drei Wochen lang keine Briefe zu bekommen – wenn sie nicht selbst aktiv geworden wäre. Sie lässt nicht locker. Schließlich händigt die Zustellerin ihr 28 Briefe aus, die sich nach Meyers Angaben in den vergangenen zwei Wochen angesammelt hatten. Darunter sind der fehlende Befund aus Rotenburg und ein Brief aus Hamburg, in dem um eine Rückmeldung gebeten wird. Sie muss nun erst antworten, damit die Vorbereitungen endlich weitergehen können.

Die Erleichterung dürfte groß sein. Das Vertrauen in die Briefzustellung ist allerdings erschüttert. Inzwischen hat sie sich wieder einen Faxzugang eingerichtet. „Bei wichtigen Schreiben verlasse ich mich künftig lieber auf diesen Weg“, sagt sie.

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