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Gesundheitsrisiko

TSchwere Infektion nach Piercing: So gefährlich ist der Körperschmuck

Ob Ohr, Zunge, Lippe oder Nase: Piercings erfreuen sich nach wie vor großer Beliebtheit. Der Metallschmuck stellt jedoch auch ein Risiko dar.

Ob Ohr, Zunge, Lippe oder Nase: Piercings erfreuen sich nach wie vor großer Beliebtheit. Der Metallschmuck stellt jedoch auch ein Risiko dar. Foto: dpa/Möller

Dass Piercings nicht ganz ungefährlich sind, erlebten jetzt zwei Freundinnen aus Cuxhaven, die in einer Bremerhavener Klinik behandelt werden mussten. Ein Experte erklärt, welche Risiken bestehen.

Von Christian Mangels Montag, 18.08.2025, 05:50 Uhr

Cuxhaven. Haben Hygienemängel in einem Tattoo- und Piercingstudio im Kreis Cuxhaven für einen unfreiwilligen Krankenhausaufenthalt von mehreren Gepiercten gesorgt? Nach Informationen unserer Redaktion mussten mindestens vier Personen, darunter zwei Freundinnen aus Cuxhaven, nach dem Stechen eines sogenannten Helix-Piercings im Klinikum Reinkenheide in Bremerhaven behandelt werden. Sie alle haben sich mit dem Bakterium Pseudomonas aeruginosa infiziert.

Das Gesundheitsamt des Landkreises Cuxhaven hat sich eingeschaltet, wie die Pressestelle bestätigte. „Der Fachbereich Infektionsschutz des Bereiches Gesundheit wurde im Rahmen seiner Zuständigkeit tätig und führte - wie in solchen Fällen üblich - eine anlassbezogene Überprüfung und Begehung durch“, sagt Simone Starke, Sprecherin des Landkreises. Zurzeit werde geprüft, ob weitere Schritte erforderlich sind. Hierfür sei die Kreisverwaltung in Kontakt mit anderen Behörden.

Anlassbezogene Kontrollen in Tattoo- und Piercingstudios führe der Bereich Gesundheit des Landkreises Cuxhaven immer unmittelbar durch, informiert die Kreis-Sprecherin. Zusätzlich würden routinemäßige Kontrollen durchgeführt. „Auch bei routinemäßigen Kontrollen können Auflagen gemacht werden, die vom Betreiber umzusetzen und einzuhalten sind.“

Dr. med. Dirk Korbmacher-Roschkowski ist leitender Oberarzt der Klinik für Hals-Nasen-Ohrenheilkunde, Kopf- und Halschirurgie im Klinikum Bremerhaven-Reinkenheide. Foto: Antje Schimanke

Dr. med. Dirk Korbmacher-Roschkowski ist leitender Oberarzt der Klinik für Hals-Nasen-Ohrenheilkunde, Kopf- und Halschirurgie im Klinikum Bremerhaven-Reinkenheide. Foto: Antje Schimanke Foto: Antje Schimanke

Welche Risiken und Probleme können beim Piercen auftreten? Dr. med. Dirk Korbmacher-Roschkowski, leitender Oberarzt der Klinik für Hals-Nasen-Ohrenheilkunde, Kopf- und Halschirurgie im Klinikum Bremerhaven-Reinkenheide, klärt auf.

Welche Risiken bestehen aus medizinischer Sicht grundsätzlich bei Piercings?

Das größte Risiko bei Piercings ist, dass Erreger eintreten und sich die Wunde entzündet. Es ist wichtig zu wissen, dass ein Piercing nicht nur ein Modeaccessoire ist, sondern immer einen Eingriff in den Körper darstellt. Man kann es im Grunde mit einer kleinen Operation vergleichen. Es können die gleichen Komplikationen auftreten. Etwas zugespitzt könnte man auch sagen, dass ein Piercing eine Körperverletzung ist, für die man seine Einwilligung gegeben hat.

Können beim Piercing an der Helix, dem wulstartig verdickten Rand der Ohrmuschel, spezielle Komplikationen auftreten?

Alle Knorpel-Piercings, also auch die Piercings an der Nase oder der Helix, sind Hochrisiko-Piercings. Warum? Weil Knorpel ein sogenanntes bradytrophes Gewebe ist. Das heißt, dass der Knorpel selbst keine eigene Durchblutung aufweist. Der Knorpel braucht die Knorpelhaut, das sogenannte Perichondrium, um mit Nährstoffen versorgt zu werden. Auch das Immunsystem und die Immunreaktion kommen aus dieser Knorpelhaut. Wenn ich am Ohrknorpel ein Piercing steche und dort dringt ein Bakterium in die Wunde hinein, dann hat der Knorpel am Ohr oder auch an der Nase ein höheres Risiko für eine Infektion, weil das Immunsystem dort schwer angreifen kann.

Worauf sollten Piercing-Interessierte im Vorfeld eines Piercings achten? Und: Welche Voraussetzungen sollte ein seriöses Piercing-Studio erfüllen?

Das grundsätzliche Problem ist, dass keine einheitlichen Standards für Piercing-Studios existieren. Es gibt zwar Bemühungen von Privatorganisationen und Vereinen, Hygiene-Zertifikate anzubieten. Aber das ist alles nicht öffentlich reguliert und der Beruf des Piercers ist kein regulärer Ausbildungsberuf. Ein Studio kann noch so schick, noch so stylish eingerichtet sein: Wenn die Oberflächen nicht abgewischt und die Hände nicht richtig desinfiziert werden, dann kann es zu Problemen kommen. Mein Tipp: Wenn ich in ein Piercing-Studio komme und es ist in irgendeiner Form dreckig, dann sollte ich ganz schnell umdrehen.

Was sind die wichtigsten Aspekte, um Piercing-Entzündungen vorzubeugen?

Das Allerwichtigste ist natürlich das saubere Stechen und dass wirklich hygienisch gearbeitet wird. Außerdem muss einem klar sein, dass man mit dem Piercing eine Verantwortung eingeht: Das ist ein Eingriff in den Körper und man muss unbedingt die Heilungszeit abwarten. Das sind nicht nur ein paar Tage, sondern Wochen und manchmal - abhängig von der Körperregion - mehrere Monate. Bei einem Ohrknorpel-Piercing sind wir bei Heilungszeiten von bis zu einem Jahr. In dieser Zeit muss die Stelle sauber gehalten und mit entsprechenden Desinfektionslösungen gereinigt werden.

Wann sollte man zum Arzt gehen?

Wenn es eine kleine Rötung an der Einstichstelle gibt, muss sie zumeist einfach nur gereinigt werden. Die Rötung geht dann in der Regel von allein zurück. Wenn man aber sieht, dass um das Piercing - ich spreche jetzt als Hals-Nasen-Ohrenarzt -, also am Ohr, an der Lippe oder an der Nase, eine deutliche Schwellung und Rötung auftritt oder Eiter austritt, dann ist es ein Muss, sofort beim Arzt vorstellig zu werden. Es gibt Studien, die sagen, dass bei einer fortschreitenden Entzündung innerhalb der ersten 48 Stunden eine Therapie eingeleitet werden sollte.

In Cuxhaven haben sich mindestens vier Personen in einem Piercing-Studio mit dem Bakterium Pseudomonas aeruginosa infiziert. Was können Sie uns zu diesem Bakterium sagen?

Pseudomonas aeruginosa ist einer der häufigsten Erreger von bakteriellen Infektionen, die durch Piercings verursacht werden können. Es handelt sich um einen ubiquitär vorkommenden Keim, der häufig in feuchten Umgebungen vorkommt und gewisse Antibiotika-Resistenzen aufweist. Er produziert eine Schleimhülle und kann dadurch in Feuchtgebieten überleben. Deshalb kommen die Antibiotika dort nur schlecht durch. Aber wir verfügen über spezifische Antibiotika, um diese Bakterien zu behandeln.

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