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TSexueller Missbrauch: Wie Influencerin Florina für sich und andere kämpft

Influencerin Florina spricht über den sexuellen Kindesmissbrauch in der Familie, den sie selbst erlebt hat.

Influencerin Florina spricht über den sexuellen Kindesmissbrauch in der Familie, den sie selbst erlebt hat. Foto: mamamitdepressionen

Florina ist 31 Jahre, Mutter zweier Söhne und Influencerin. Ihr Thema ist sexueller Missbrauch in der Familie. Sie will ein Tabu brechen und spricht über ihre Geschichte.

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Von Susanne Helfferich
Freitag, 27.03.2026, 18:30 Uhr

Oldendorf-Himmelpforten. Heute lebt Florina im Nordwesten des Landkreises. Als Kind erfuhr sie sexuelle Gewalt und Machtmissbrauch durch die leibliche Mutter und den damaligen Stiefvater. Erst vor einem Jahr realisierte sie, was ihr als Kind angetan wurde. Heute spricht sie auf Social Media über ihre Geschichte. Gut 60.000 Menschen folgen ihr sowohl auf Instagram als auch auf Tiktok.

Sie war zehn Jahre alt, als sie und ihre vier jüngeren Geschwister wegen Kindeswohlgefährdung aus der Familie geholt und an Pflegefamilien vermittelt wurden. Bis zu diesem Zeitpunkt habe sich die Mutter kaum um die Kinder gekümmert, erzählt Florina. „Ich habe geschaut, dass es den Geschwistern gut geht; bin nachts aufgestanden, wenn sie Hunger hatten; habe Geschirr abgewaschen, und wenn die Eltern sich stritten, bin ich mit den Kleinen rausgegangen.“

Vor einem Jahr las sie erstmals ihre Akte

„Ich dachte, was bei uns in der Familie passiert, ist richtig, da Mutter und Vater das so sagten. Wir durften nicht mit anderen darüber sprechen, was wir zu Hause erlebten. Unsere Eltern drohten, sie würden alles mitkriegen“, erzählt die 31-Jährige. Lange Zeit konnte sie sich an solche Ereignisse nur bruchstückhaft erinnern. „Ich hatte Fetzen im Kopf, kurze Spots, konnte sie aber nicht einordnen.“

Etwa ein Jahr ist es her, dass Florina mit ihrem Pflegevater einen Teil ihrer Akte beim zuständigen Jugendamt außerhalb des Landkreises abholte. Eine Mitarbeiterin habe sie gefragt, ob sie wisse, was in der Akte steht: dass neben Vernachlässigung und Misshandlungen auch sexueller Missbrauch stattgefunden habe und dass sie die Akte nicht alleine lesen sollte. „Da habe ich erst realisiert, was mir angetan worden ist. Da fügte sich alles zusammen, was ich bis dahin komplett verdrängt hatte.“

Depressionen, Angst und traumatische Störungen

Jahrelang hatte sie unter Depressionen, einer Angststörung und einer posttraumatischen Belastungsstörung gelitten. Ein wenig konnte sie über Therapien kompensieren. „Doch als mir klar wurde, dass ich Betroffene sexuellen Missbrauchs bin, wurde mir der Boden unter den Füßen weggezogen.“

Heute weiß sie, dass ihre Mutter sie regelmäßig nachts weckte, sie in ein anderes Zimmer brachte, wo bereits der PC und eine Webcam standen. Auf dem Bildschirm ein fremder Mann, der sagte, was sie ausziehen und wo sie sich berühren sollte. „Ich wollte das nicht und hatte das auch gesagt. Doch meine Mutter schlug mich und drohte, beim nächsten Mal kämen mehr Männer dazu. Ich hab‘s dann irgendwann mitgemacht.“ Sogar die Mutter habe sie aktiv missbraucht: Florina erinnert sich, dass sie mit der Hand in sie eingedrungen ist.

Auch der Stiefvater habe sie missbraucht. Wenn die Mutter nicht da war, habe er sie gezwungen, pornografische Filme anzuschauen, und sie gefragt, ob ihr das gefalle, was dort zu sehen war.

Die Mutter wollte Florina zurückgewinnen

Als sie bereits bei ihrer Pflegefamilie lebte, habe die leibliche Mutter die regelmäßigen Mama-Treffen des Jugendamtes genutzt, um Florina zurückzugewinnen. „Sie hat mir irgendwas ins Ohr geflüstert. Das machte mir Angst, aber auch Freude.“ Denn sie habe sich immer Aufmerksamkeit gewünscht. Die bekam sie erst in der Pflegefamilie.

Vor einem Jahr entschied sich Florina, unter ihrem Account mamamitdepressionen sexualisierte Gewalt und Machtmissbrauch an Kindern öffentlich zu thematisieren. „Ich spreche heute mit anderen Betroffenen auf meinen Profilen auf Social Media, weil dieses Thema für viele nach wie vor ein Tabu ist - was es weder sein sollte noch sein darf.“ Schweigen schütze die Täter, nicht die Kinder.

Die Reaktionen im Netz seien zu 95 Prozent positiv. Viele Nutzerinnen berichteten von ähnlichen Erfahrungen. Einzelne Kommentare bezweifelten, dass Eltern so etwas tun. Und ihr wurde auch Gewalt angedroht. Dennoch macht sie weiter.

„Wir wollen endlich gesehen und gehört werden“

Mitte Februar demonstrierte Florina mit anderen Frauen vor dem Deutschen Bundestag in Berlin. 300 bis 400 Menschen seien vor Ort gewesen. „Unser Ziel ist, endlich gesehen und gehört zu werden.“ Die Initiative fordert, missbrauchten Kindern einen Schutzraum zu geben, ein Aufklärungsprogramm für Kinder und mehr Plätze für Traumatherapie zu schaffen.

Stattdessen werde noch immer weggesehen und tabuisiert. Betroffene würden allein gelassen. Bisher habe keines der Geschwisterkinder die Eltern angezeigt. Die junge Frau schließt eine Anzeige ihrerseits nicht aus.

Hier gibt es Hilfe

Mädchen und Jungen, Frauen und Männer, die in ihrer Kindheit sexuelle Übergriffe erlebt haben und Beratung und Unterstützung haben möchten, können sich in Stade an die Beratungsstelle gegen sexuellen Missbrauch (Tel. 04141 43646, beratungsstelle@stadt-stade.de) wenden.

Anonyme und kostenfreie Beratungen bieten auch das bundesweite Hilfeportal sexueller Missbrauch an (www.hilfe-portal-missbrauch.de) sowie das Hilfetelefon (0800-22 55 530).

Mitte Februar demonstrierte Florina (Zweite von rechts) mit anderen jungen Frauen vor dem Bundestag für besseren Schutz vor sexueller Gewalt.

Mitte Februar demonstrierte Florina (Zweite von rechts) mit anderen jungen Frauen vor dem Bundestag für besseren Schutz vor sexueller Gewalt. Foto: mamamitdepressionen

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