TStadt oder Land? Er pendelt 120 Kilometer für Assel
Seine Heimat ist in Assel: Student Jonas Gerß. Foto: Gerß
Für seinen Heimatort Assel nimmt Jonas Gerß jeden Freitag 120 Kilometer Fahrweg auf sich. Dass zwischen Stadt und Land andere Lebenswelten liegen, erlebt er täglich.
Assel. Junge Menschen stehen in der TAGEBLATT-Reihe „So tickt die Jugend“ im Fokus. Es geht darum, welche Perspektiven sie auf das Leben haben, was Politik mit ihnen macht und wie sie Heimat definieren. In diesem Teil geht es um einen Gegensatz, den viele Menschen erleben: Stadt und Land.
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Der 23-jährige Jonas Gerß studiert unter der Woche in Bremen und kommt am Wochenende in seinen Heimatort Assel zurück. Zwischen den beiden Orten liegen nicht nur 120 Kilometer, sondern auch unterschiedliche Lebensrealitäten.
Feiern mit den Eltern: Im Dorf kommen Generationen zusammen
Wenn Jonas Gerß montags nach Bremen fährt, schlüpft er wieder in sein Studentenleben. Der Asseler studiert in der Hansestadt Geografie, lebt unter der Woche in einer kleinen Wohnung. Zwischen Hausarbeiten und Pauken in der Bibliothek verbringt er seinen Alltag in der Großstadt.

Lieben ihren Heimatort (von links): Jannis Beckmann, Jonas Gerß, Finja Kailuweit und Ole Schmidt vom SV Assel. Foto: P. Meyer
Bei der Wahl seiner Universität habe er allerdings bewusst darauf geachtet, regelmäßig nach Hause pendeln zu können. „München wäre nichts für mich gewesen“, sagt er. Das wäre zu weit weg. An den Wochenenden geht es für ihn nämlich zurück in seine Heimat, nach Assel.
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In Bremen ist das Leben anonymer und spontaner, vieles ist näher dran und besser zu erreichen. In Assel kennt man sich, kann auf Hilfe aus dem Dorf zählen, wenn mal etwas gebraucht wird. Vereine wie der Schützenverein Assel, in dem auch Jonas Gerß Mitglied ist, sorgen dafür, dass etwas los ist im Ort. Und für Zusammenhalt - auch zwischen den Generationen.
Sein Herz schlägt für die Gemeinschaft
Im Verein herrsche ein Miteinander auf Augenhöhe, ohne falsche Fallhöhe, erklärt Jonas Gerß. Eine solche Verbindung zwischen den Generationen sei in Bremen eher ungewöhnlich. „Wenn ich in Bremen erzähle, dass wir mit unseren Eltern feiern gehen, ist das für viele merkwürdig“, erklärt der Student. In Assel sei das Dorfleben einfach stärker durchmischt.
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Diesen Unterschied hat auch Schützenkollege Ole Schmidt erlebt, der Projektmanagement studiert. Zwischen seinem 6. und 14. Lebensjahr hat der 26-Jährige mit seinen Eltern in Stade gelebt. „Dort hatte ich nur mit Menschen aus meinem eigenen Jahrgang zu tun“, erklärt Schmidt. Das sei in städtischen Regionen eben anders. Seitdem er in seinen Heimatort zurückgekehrt sei, wisse er die Gemeinschaft mehr zu schätzen.
Führerschein ist Pflicht auf dem Land
Die etwa zweistündige Fahrt von Bremen nach Assel nimmt Jonas Gerß gerne auf sich. Von Freitag bis Sonntag wohnt er bei seinen Eltern, nimmt am Dorfleben teil und verbringt Zeit mit seinen Freunden. In der Stadt sei das Gefüge anders, hier lebe jeder in seinem eigenen kleinen Mikrokosmos.
„Ich glaube nicht, dass meine Nachbarn unter mir meinen Nachnamen kennen“, sagt er über das Leben in Bremen. Doch natürlich habe auch das Stadtleben seine Vorteile: Infrastruktur und Nahverkehr zum Beispiel.
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Während Gerß in Bremen bequem mit dem Bus oder der Bahn von A nach B kommen kann, hinkt Assel beim ÖPNV hinterher. „Bis zur nächsten Bushaltestelle muss ich über einen Kilometer weit laufen“, erklärt Jonas Gerß. Während seine Studentenkumpel in Bremen darüber diskutieren, dass man heutzutage eigentlich gar kein Auto mehr brauche, weiß Gerß: Ohne Auto ist man auf dem Land aufgeschmissen.
„Ohne den Lappen geht nichts“
Auch Ole Schmidt sagt: „Führerschein zu machen, ist hier ein echtes Upgrade.“ Jeder, den er kenne, habe dafür gespart. Junge Menschen unter 25 ohne einen Lappen gebe es in Assel quasi nicht.
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Und auch die Nahversorgung sei nichts, womit Assel punkten könnte. Der letzte Bäcker hat vor gut einem halben Jahr dichtgemacht. Einkaufen sei in Bremen praktischer. Doch es gibt Hoffnung für Assel: Bis Ende 2029 soll ein Edeka-Markt in den Ort kommen. „Das sollte man nicht unterschätzen, das wird für junge Menschen viel verändern“, glaubt Jonas Gerß.
Heimat: Für Gerß und Schmidt ein Ort, an dem der Schlüssel steckt
Als Vorteile vom Dorfleben sehen Jonas Gerß und Ole Schmidt die Nähe zu Freunden und Familie, das Netzwerk, das sie hier haben und die kurzen Wege. Dass sie auch in Zukunft in der Region bleiben wollen, steht für sie fest - wenn alles passt. Dann käme auch ein Hausbau infrage. Da würde das Netzwerk auf dem Dorf sehr weiterhelfen, erklärt Ole Schmidt: „Jeder kennt wen, der einem weiterhelfen würde.“
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Etwas, das auch in ihre Entscheidung für ihren Heimatort Assel hineinspielt: „Dass man hier noch den Schlüssel stecken lassen kann“, so die beiden jungen Männer. Seinen späteren Kindern wolle er einmal ermöglichen, einfach nach draußen gehen zu können, erklärt Jonas Gerß: „Zu Freunden oder auf den Bolzplatz.“ So wie er es als Kind auch gerne gemacht hat.
„Ich will meine Kinder nicht erst durch die Großstadt schicken müssen“, sagt Jonas Gerß.
TAGEBLATT-Serie: So tickt die Jugend
Wie politisch sind junge Menschen im Landkreis Stade? Wie heimatverbunden sind sie - wollen sie bleiben oder zieht es sie weg? Was müssen Vereine tun, um sie zu begeistern? Wie und wo verbringen sie ihre Freizeit? Wie feiern junge Menschen in der Region? Auf Fragen wie diese gibt es in den nächsten Wochen und Monaten Antworten in der TAGEBLATT-Serie „So tickt die Jugend“.
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