Strom erzeugen mit jeder Klospülung
Geld stinkt nicht, sagte schon Kaiser Vespasian, der Steuern auf öffentliche Toiletten erhob. Der Abwasserzweckverband macht im Klärwerk in Steinkirchen aus Faulgas Strom. Auch das bringt Geld, denn es spart hohe Energiekosten.
Was andere in die Toilette spülen, spült beim Abwasserzweckverband Altes Land und Geestrand (AZV) Geld in die Kasse: Mehr als eine Million Euro hat der AZV in den vergangenen zehn Jahren in Form von selbst erzeugtem Strom eingespielt. Der kommt aus dem mit Gas aus dem Faulturm in Steinkirchen-Wetterndorf betriebenen Blockheizkraftwerk (BHKW).
Niels Großkreutz (Techniker), Phillip Fricke (Kaufmännischer Leiter), Tobias Terne (Vorsitzender) und Gernot Witte (Geschäftsführer) des AZV (v. li.).
Wie Gernot Witte, Diplom-Ingenieur und Leiter des Klärwerks erläutert, hat der AZV seit der Fertigstellung des BHKW auf dem Klärwerksgelände im Jahr 2007 etwa sechs Millionen Kilowattstunden Strom erzeugt. Mit eingerechnet ist dabei auch Strom, der vom eigenen Dach kommt: aus der Photovoltaikanlage. Die Energie daraus hat je nach Wetterlage einen Anteil von bis zu zehn Prozent. Insgesamt kann der AZV mit dieser Kombi 58 bis 68 Prozent des benötigten Stroms selbst erzeugen.
Viel Strom wird für die Pumpen gebraucht, die das Abwasser der etwa 36 000 Einwohner im Einzugsgebiet, also den Samtgemeinden Horneburg und Lühe und aus der Gemeinde Jork bis nach Wetterndorf befördern. Vom entferntesten Punkt des Netzes in Moorende muss das Abwasser über 13 Pumpwerke zum Klärwerk transportiert werden. Insgesamt gehören zum AZV-Netz mit 155 Kilometern Freigefällekanal und 45 Kilometern Druckrohrleitungen 850 Kleinpumpwerke und 77 Pumpwerke.
Ein ausgetüfteltes Konzept sorgt dafür, die Stromkosten möglichst niedrig zu halten: Der Faulturm mit dem Blockheizkraftwerk auf dem Gelände wurde 2007 errichtet. Insgesamt fallen im AZV-Gebiet jährlich etwa 2000 Tonnen Klärschlamm an. Gäbe es das BHKW nicht, müsste das Faulgas mit einer steten Flamme abgefackelt werden. Die Druckbelüftung der Belebungsanlage wurde 2011/2012 erneuert – sie ist der größte Stromverbraucher im Klärwerk und sorgt dafür, dass nützliche Mikroorganismen, die das Abwasser biologisch reinigen, genügend Sauerstoff bekommen. 2013 bis 2015 wurden Teile der Lüftungstechnik, Zu- und Ablaufpumpen erneuert. Die Photovoltaikanlage ging 2014 in Betrieb. Insgesamt wird der Verbrauch seit 2012 im Rahmen eines Energiekonzepts durch Sparmaßnahmen minimiert. Neben Strom wird im auf dem AZV-Gelände auch Wärme erzeugt; sie beheizt nicht nur die eigenen Büros, das Labor und die Kläranlage, sondern auch das Gebäude des benachbarten Bauhofs. Der AZV investiert in Unterhaltung und Ausbau der Anlagen pro Jahr durchschnittlich etwa zwei Millionen Euro.
Seit der Faulturm und das Blockheizkraftwerk in Wetterndorf im Jahr 2007 gebaut wurden, haben sich die allgemeinen Strompreise übrigens verdoppelt. Die Abwassergebühren im AZV-Gebiet sind dagegen kaum angestiegen: 2002, als der AZV begann mit der Hamburger Stadtentwässerung zu kooperieren, lag die Gebühr bei 2,49 Euro pro Kubikmeter, heute liegt sie bei 2,50 Euro.
1967 wurde der AZV Altes Land und Geestrand gegründet. Sein 50-jähriges Jubiläum soll am 18. Juni mit einem Tag der offenen Tür gefeiert werden (eine ausführliche Ankündigung folgt zeitnah). Seit 2002 kooperieren der AZV und die Hamburger Stadtentwässerung (HSE) in einem gemeinsamen Gremium, dem Abwasserverband untere Elbe (AVUE).
Die HSE als Verbandsmitglied führt lediglich die Aufgaben des AZV durch, so dass Synergieeffekte genutzt werden können – sowohl in der Verwaltung als auch durch das bei der HSE vorhandene Know-how. Der AZV behält dabei aber die Entscheidungshoheit bei Investitionen und das Satzungsrecht.
Mitgliedsgemeinden sind der Flecken Horneburg sowie Agathenburg, Bliedersdorf, Dollern, Nottensdorf, Grünendeich, Guderhandviertel, Hollern-Twielenfleth, Mittelnkirchen, Neuenkrichen, Steinkirchen und Jork.
Vorsitzender der Verbandsversammlung des AZV ist Tobias Terne aus Horneburg – turnusmäßig wechselt der Vorsitz alle fünf Jahre, zuvor hatte ihn Gerd Lefers aus Jork inne.