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Präventionstag

TSuizid eines Angehörigen: Zwei Betroffene aus dem Kreis Stade berichten

Astrid Richter.

Astrid Richter. Foto: privat

Eine Andacht zum Weltsuizidpräventionstag erinnert an Menschen, die durch Selbsttötung gestorben sind. Warum Kinder ganz besonders leiden.

Von Susanne Helfferich 25.08.2026, 16:47 Uhr

Drochtersen. Wie viele Menschen unmittelbar und mittelbar betroffen sind, zeigen aktuelle Zahlen des Statistischen Bundesamtes: Im Jahr 2024 starben in Deutschland 10.372 Menschen durch Suizid. Das waren 0,7 Prozent mehr als im Vorjahr und 7,1 Prozent mehr als im Durchschnitt der vorhergehenden zehn Jahre. Circa 71,5 Prozent der Verstorbenen waren Männer.

Hätte ich es verhindern können? Britta Schröder-Buttkewitz aus Krautsand kennt die Fragen, die nach einem Suizid im Raum stehen, aus ihrer Arbeit als Sterbeamme. Seit vielen Jahren begleitet die 57-Jährige Menschen in schweren Krisen, im Sterben und in der Trauer.

Betroffene suchen nach eigenen Versäumnissen

„Ich erlebe immer wieder, dass Angehörige nach einem Suizid nicht nur den Verlust eines geliebten Menschen tragen. Zusätzlich beginnen sie, nach einem eigenen Versäumnis zu suchen“, sagt sie.

Im Rückblick entstehe oft eine belastende Gedankenkette aus einzelnen Begegnungen, Gesprächen oder scheinbar unbedeutenden Momenten: Hätte ich genauer hinsehen müssen? Hätte ich die Gefahr erkennen können? Habe ich nicht genug getan?, so die Fragen, die sich Angehörige oder Freunde stellen.

Wie können Angehörige nach einem Suizid begleitet werden

„Dabei gibt es nicht die eine Ursache für einen Suizid“, erklärt Schröder-Buttkewitz. Menschen könnten an schweren psychischen Erkrankungen leiden. Andere erlebten ihre Lebenssituation als vollkommen ausweglos. Krankheit, Schmerzen, Einsamkeit, Trennung, Mobbing, Scham, Zukunftsängste oder eine akute persönliche Krise könnten eine Rolle spielen.

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Manchmal gebe es Warnzeichen oder Äußerungen, die in der Rückschau plötzlich eine andere Bedeutung erhielten. „So unterschiedlich die Lebensgeschichten sind, so wenig darf einem Angehörigen nachträglich die Verantwortung für die Entscheidung eines anderen Menschen auf die Schultern gelegt werden“, sagt die Sterbeamme, die auch ausgebildete Heilpraktikerin ist.

Zur Suizidprävention gehöre daher nicht nur die Frage, wie die Menschen erreicht werden könnten, die nicht mehr leben wollen. Ebenso wichtig sei die Frage, wie können die begleitet werden, die nach einem Suizid zurückbleiben, also weiterleben.

Kinder leiden besonders unter Suizid-Erfahrungen

Besonders schwer sei es für Kinder. Astrid Richter aus dem Drochterser Kirchenvorstand weiß das aus eigener Erfahrung. Sie war knapp zehn Jahre alt, als ihr Vater sich das Leben nahm. Lange glaubte sie, dass sie ihrem Vater hätte Halt geben, ihn vor seinem Tod bewahren müssen.

„Ich hätte das gar nicht hätte leisten können“, sagt sie heute. „Aber ich habe nicht vergessen, wie ich mich als Kind gefühlt habe.“

Heute weiß sie, dass mit betroffenen Kindern offen, rücksichtsvoll und empathisch gesprochen werden muss. „Sie brauchen Erwachsene, die ihnen geduldig und immer wieder vermitteln: Du warst nicht verantwortlich. Du hättest es nicht verhindern können.“

Angehörige tauschen sich in Selbsthilfegruppe aus

Yvonne Schöneberg leitet in Stade eine Selbsthilfegruppe für Angehörige um Suizid (AGUS). Sie selbst ist Betroffene. „Für mich war und ist es wichtig, mit anderen Betroffenen in den Austausch zu gehen“, zu fragen, wie andere Menschen die Zeit nach dem Suizid erlebt haben, was ihnen geholfen hat und wie sie mit möglichen Schuldgefühlen umgehen und den Verlust verarbeiten.

Yvonne Schöneberg.

Yvonne Schöneberg. Foto: privat

Die Gruppe ist ein geschützter Raum. Niemand ist verpflichtet, zu erzählen. Keiner müsse sich rechtfertigen oder erklären. Gerade dieses Verstandenwerden sei wichtig, weil Menschen aus dem persönlichen Umfeld häufig unsicher seien. Aus Angst, etwas Falsches zu sagen, ziehen sie sich zurück oder vermeiden das Thema, erklärt die Gruppenleiterin. Doch das Schweigen könne die Einsamkeit der Hinterbliebenen verstärken.

Zum dritten Mal wird eine Andacht für Angehörige angeboten

Auch Marion Keitsch aus Drochtersen hat einen Angehörigen durch Suizid verloren. Über Jahre fuhr sie zu Andachten für Suizidbetroffene nach Hamburg - bis sie der Drochterser Kirchengemeinde den Vorschlag machte, vor Ort eine solche Andacht anzubieten.

Die ausgebildete Seelsorgerin beschreibt, dass neben Traurigkeit oft auch Wut entstehe. Wut auf die Endgültigkeit des Todes. Auch manchmal Wut auf den Menschen, der gegangen ist; die Erfahrung, dass sich die Welt einfach weiter dreht, könne schmerzhaft sein.

In diesem Jahr wird auf Initiative von Marion Keitsch bereits zum dritten Mal eine solche Andacht in der St. Johannis- und Catharinen-Kirche Drochtersen angeboten. Die Veranstaltung am Donnerstag, 10. September, beginnt um 18 Uhr.

Britta Schröder-Buttkewitz begleitet als Sterbeamme die Andacht zum Weltsuizidpräventionstag.

Britta Schröder-Buttkewitz begleitet als Sterbeamme die Andacht zum Weltsuizidpräventionstag. Foto: Helfferich

Inhaltlich gestaltet wird sie gemeinsam mit Yvonne Schöneberg (AGUS Selbsthilfe), Sterbeamme Britta Schröder-Buttkewitz, Pastor Jan-Peter Schulze und weiteren Beteiligten, wie das Sterbeammennetz Kehdingen.

Pastor Jan-Peter Schulze.

Pastor Jan-Peter Schulze. Foto: Schulze

Hinweis der Redaktion: Suizidgedanken - wo Betroffene Hilfe bekommen: Bei akuten Notfällen und in Lebenskrisen helfen die nächste psychiatrische Klinik oder der Notarzt unter 112. Die Telefonseelsorge ist Tag und Nacht erreichbar unter 0800 1110111 / 0800 1110222 oder 116 123. Hilfe bei Suizidgedanken.

Astrid Richter.

Astrid Richter. Foto: privat

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