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Interview

TTote kompostieren? „Gibt Möglichkeiten, die sich in Grauzonen bewegen“

Tim Osterndorrf ist Geschäftsführer in sechster Generation des Bestattungsunternehmens Hadeler.

Tim Osterndorrf ist Geschäftsführer in sechster Generation des Bestattungsunternehmens Hadeler. Foto: Hornbostel

Tim Osterndorff führt ein Bestattungsunternehmen in sechster Generation. Ein Interview über die beliebtesten Bestattungformen, Herausforderungen in der Branche und was diese so besonders macht.

Von Feenke Hornbostel 24.05.2026, 10:00 Uhr

Herr Osterndorff, Sie beschäftigen sich viel mit dem Thema Tod. Ist das für Sie auch eine Belastung?

Tim Osterndorff: Ein großes Thema, das mich persönlich belastet, ist der Tod nicht. Mir wurden jedoch die Augen geöffnet, als mein Vater schwer krank wurde – das hat etwas mit mir gemacht. Vielleicht liegt es auch daran, dass ich älter werde.

Die Einschläge aus dem Umfeld kommen langsam. Aber wir sind ja auch da, um zu helfen, und wollen niemandem etwas Schlechtes – ganz im Gegenteil. Klar, wir verkaufen etwas, aber ich sehe es vor allem so, dass wir den Angehörigen in schweren Situationen beistehen. Und das macht mir Freude.

Wie haben sich die Kosten für Bestattungen in den letzten Jahren entwickelt?

Es ist alles teurer geworden, und das spüren wir auch. Särge und Urnen kosten viel Geld. Wir versuchen, diese Kosten niedrig zu halten, weil wir eher Dienstleister als Verkäufer von Bestattungswaren sind. Was für mich persönlich am meisten Zeit und Geld kostet, ist das Personal und die gesamte Durchführung der Bestattung: von der Überführung über die Versorgung des Verstorbenen bis hin zur Trauerfeier. Diese Abläufe werden immer individueller, was enormen Aufwand bedeutet.

Statt mit einem Auto zum Friedhof zu fahren, sind es oft drei oder vier – und das sind keine kleinen Fahrzeuge, sondern größere Autos. In der Meisterschule habe ich ein erschreckendes Beispiel erlebt: Ein Kollege sagte damals, er wolle unbedingt der größte Bestatter werden. Klar, jeder kann das Ziel Geld scheffeln haben. Ich sehe das anders – ich will der beste Bestatter sein und die bestmögliche Leistung zu möglichst erschwinglichen Konditionen erbringen.

Was ist momentan die beliebteste Bestattungsform?

Wir sind jetzt bei etwa 90 Prozent Feuerbestattungen. Und diese Feuerbestattungen unterteilen sich dann noch mal in Friedwald, Seebestattung, Friedhof und Kolumbarium. Und dann gibt es auch noch andere Möglichkeiten, die sich eher in Grauzonen bewegen. Da muss man dann immer sehen, dass man rechtlich sauber bleibt.

Was sind das für Möglichkeiten?

Es gibt neue Bestattungsformen, wie unter anderem die Reerdigung. Das ist ein Start-up, das in den letzten Jahren ziemlich viral ging und auch durch die Medien Aufmerksamkeit erhielt. Wir hatten bisher eine Anfrage dafür, aber aufgrund der Kosten und der Durchführbarkeit ist das bislang nicht umgesetzt worden.

Was genau ist das denn überhaupt?

Eine Reerdigung ist ganz einfach ausgedrückt das Kompostieren eines Leichnams. Dabei wird der Körper in einer Art Kokon gebettet und für etwa 40 Tage in einem Prozess mit Wärme und anderen Methoden kompostiert. Am Ende bleibt Erde übrig.

Laut Bestattungsgesetz gilt diese Erde weiterhin als menschlich, und man darf sie nicht nach Hause mitnehmen. Das bedeutet, die Erde muss auf dem Friedhof beigesetzt werden – man kann also nicht einfach einen Blumentopf damit füllen und zu Hause einen Apfelbaum pflanzen.

Gibt es auch bestimmte, multikulturelle Anforderungen?

Es wird mittlerweile immer mehr. Wir sind inzwischen in einer sehr bunten Gesellschaft angekommen. Das ist einerseits spannend, andererseits muss man – auch nach 15 Jahren Erfahrung – lernen, dass man aufeinander Rücksicht nimmt und auf beiderseitigem Einvernehmen handelt. Gerade bei Tamilen, Muslimen oder Orthodoxen gibt es große Unterschiede. Ich hätte nie gedacht, dass ich muslimische Bestattungen durchführen würde, aber im letzten Jahr haben wir das dreimal gemacht.

Gibt es Aufgaben, die inzwischen von künstlicher Intelligenz übernommen werden?

Teils, teils. Man muss die Digitalisierung und die Tools, die wir haben, als Zusatzwerkzeug sehen, nicht als Ersatz. Auch mir passiert es manchmal, dass ich auf dem Schlauch stehe – zum Beispiel, wenn wir mit Angehörigen eine Traueranzeige besprechen und ihnen alles, was sie im Internet gefunden haben, nicht gefällt.

Dann gebe ich gerne mein Handy und eine KI-App in die Hand, frage, was sie sich vorstellen, und lass die KI einen Vorschlag machen. So funktioniert es auch bei Bildbearbeitung oder Gestaltung. Wichtig ist nur, dass das Tool gut eingesetzt wird, denn KI ist noch fehlerhaft.

Was kann KI in Ihrem Beruf niemals übernehmen?

Die Menschlichkeit, die Nähe. Die meisten Trauergespräche verlaufen so, dass die Angehörigen tief in Trauer sind, aber zwischendurch auch mal lachen. Diese persönliche Nähe, diese Menschlichkeit – das ist unser Steckenpferd und macht unsere Arbeit feiner und menschlicher. KI kann das niemals ersetzen. Sie kann Erleichterung bieten, aber nicht die persönliche Betreuung durch Menschen.

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Ich weiß nicht, wie es später mit telefonischer Psychotherapie aussieht und ob dort KI-Tools eingesetzt werden, aber persönlich würde ich mich unwohl fühlen, wenn ein Computer mir sagen würde, was bei mir nicht stimmt. Ähnlich erging es mir kürzlich bei meinem Zahnarzt: Ich wollte einen Termin verschieben, landete bei einem KI-Bot – eine Viertelstunde später war der Termin immer noch nicht geändert.

Also wird bei Hadeler niemals ein KI-Bot ans Telefon gehen?

Nein. Ich finde es wichtig, dass ein Mensch ans Telefon geht. Man könnte den Telefondienst an Zentralen abgeben, aber niemand kennt den Betrieb so gut wie wir, die täglich hier arbeiten. Nur wir kennen den Terminkalender, wissen, welche Namen beratungsintensiv sind und wann wir einen einstündigen Slot für Beratung frei haben. Reicht das nicht, müssen gleich Termine verschoben werden – das kann keine Telefonzentrale leisten. Alles muss aus einer Hand kommen.

Wie stellen Sie sich den Beruf des Bestatters in zehn Jahren vor?

Ich kann es derzeit nicht genau sagen, aber das Thema wird auf jeden Fall individueller werden. Ich glaube, dass wir als Menschen immer mehr gefragt sein werden, weil viele Institutionen – Behörden, Versicherungen und so weiter – nach und nach den Service herunterfahren. Wir müssen das auffangen, damit alles ineinandergreift und reibungslos funktioniert. Bei einer Bestattung beginnt das schon bei den Familienpapieren.

Für mich bleibt das zentrale Thema die Menschlichkeit und ein reibungsloser Ablauf. Ich denke auch, dass sich Bestattungsformen in den nächsten Jahren etwas lockern könnten – vielleicht dürfen Urnen öfter mit nach Hause, auch wenn ich das nicht in jeder Situation gutheiße. Die traditionellen Bestattungsformen auf Friedhöfen werden Bestand haben, aber die Nachfrage dort wird vermutlich weiter sinken. Friedwald und Seebestattung sind bereits stark gefragt, freie Flächen auf Friedhöfen werden immer mehr.

Eine weitere Filiale in Wulsdorf ist derzeit im Bau. Ist die Nachfrage nach Bestattungsunternehmen so groß?

Uns geht es vor allem darum, näher an den Menschen zu sein. Die Präsenz an der Weserstraße/Ecke Lindenallee ist einfach eine andere. Über die Jahre haben wir einen Anstieg an Aufträgen bemerkt, und in den letzten neun Jahren habe ich das statistisch ausgewertet.

Die Nachfrage ist gestiegen, auch weil es zeitweise immer weniger Bestatter gab – bis wir nur noch vier waren. Außerdem steigt die Zahl der Sterbefälle, da die Babyboomer-Generation nach und nach verstirbt – diese demografische Kurve wirkt sich jetzt aus.

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