TUm 3 Uhr morgens geht’s los: Ehrenamtliche retten Kitze in Ahlerstedt
Helferin Lena Tsilikis mit einem geretteten Rehkitz. Foto: Wildtierrettung Auetal
Rehkitze sind perfekt getarnt. Doch ihnen fehlt der Fluchtinstinkt. Damit sie der Mahd nicht zum Opfer fallen, stehen die Helfer der Wildtierrettung Auetal mitten in der Nacht auf.
Ahlerstedt. Es ist halb vier morgens in der Gemeinde Ahlerstedt. Noch ist es draußen dunkel an einem Mittwoch im Juni. Jörg Haufschild und Heino Klintworth sind schon seit einer halben Stunde auf den Beinen.
Jörg Haufschild (links) und Heino Klintworth suchen frühmorgens mit Hilfe von Drohnen nach Kitzen. Foto: P. Meyer
Mit der Technik im Kofferraum geht es für den Hollenbecker Hegeringleiter und seinen Stellvertreter regelmäßig in die Wiesen der Gemeinde, um dort nach Rehkitzen zu suchen. Die Helfer der Wildtierrettung Auetal müssen so früh loslegen - denn in ein paar Stunden rollen schwere Mähmaschinen über das nasse Grün.
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In ihren ersten Lebenswochen besitzen Rehkitze keinen Fluchtinstinkt, im hohen Gras sind sie gut getarnt. Droht Gefahr durch Mähmaschinen, ducken sie sich nur, statt wegzulaufen. Dieses natürliche Verhalten ist oft Grund für den Tod junger Kitze. Das Engagement von ehrenamtlichen Vereinen wie der Wildtierrettung Auetal bewahrt viele davon vor diesem Schicksal.
„Wie ein zweiter Vollzeitjob“
Rund 3000 Hektar durchkämmt die Wildtierrettung Auetal zwischen Mai und Juni insgesamt. Welchen Aufwand diese freiwillige Arbeit bedeutet, wird erst auf den zweiten Blick sichtbar. „Das ist schon wie ein zweiter Vollzeitjob“, sagt Jörg Haufschild. Von Anfang Mai bis Mitte Juni hat er bereits mehr als 130 Stunden seiner Freizeit in die Rehkitzrettung gesteckt.

Alle blauen und roten Flächen gehören zum Suchgebiet der Wildtierrettung Auetal. Foto: P. Meyer
Der 37-Jährige fährt nicht nur selbst regelmäßig raus, um die Felder systematisch mit Drohnen zu befliegen. Jörg Haufschild ist auch zuständig für die Einteilung der Flächen und die Koordination der rund 70 Helferinnen und Helfer im Vorwege. Landwirte aus der Gemeinde Ahlerstedt oder aus Wohlerst kontaktieren Haufschild und teilen ihm mit, wann sie ihre Flächen mähen wollen. Er nimmt diese dann in das System auf und plant die Einsätze.

Jörg Haufschild (rechts) und Heino Klintworth befliegen früh morgens die Wiesen mit Hilfe von Drohnen. Foto: P. Meyer
In der Region ist die Wildtierrettung Auetal einer der größten Vereine. Dabei sind die ehrenamtlichen Helfer auf Spenden angewiesen: Eine Drohne kostet mehr als 10.000 Euro. Davon besitzt der Verein drei Stück, eine ist aus privater Hand im Einsatz. Vor Ort fliegen die hochmodernen, wasserdichten Drohnen in einer Höhe von 70 Metern über je eine Fläche und machen Wärmebilder. Sieben Meter pro Sekunde legen sie zurück.

Die Rehkitze haben zu Beginn keinen Fluchtinstinkt und ducken sich bei Gefahr ins hohe Gras. Foto: Wildtierrettung Auetal
Der Einsatz ist eng getaktet, denn nicht nur der Morgen drängt, die Wärmebildkameras sind auch auf kühle Temperaturen angewiesen. Während bereits das nächste Feld beflogen wird, werten Jörg Haufschild und Heino Klintworth die Ergebnisse aus. Einen kleinen weißen Punkt erkennen sie als Rehkitz und markieren diese Stelle. „Manchmal ist auch ein Hase dabei“, sagt Heino Klintworth.
Über eine App können die Helferinnen und Helfer dann sehen, wo die Drohnen ein Kitz entdeckt haben und es dort in eine der blauen Kisten packen. Die wird an den Rand der Wiese gebracht. Dort bleibt das Kitz, bis die Mahd vorbei ist und die Landwirte es wieder befreien.
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„Wir machen das für den Tierschutz“, sagt Jörg Haufschild. „Damit die Kitze nicht tot- oder angemäht werden.“ Und sie tun es, um den viel gefürchteten Botulismus bei Nutztieren zu verhindern. Diese lebensgefährliche Vergiftung entsteht, wenn ein Kadaver in die Silage gerät. „Das hat schon ganze Kuhställe getötet“, erklärt Jörg Haufschild. Umso dankbarer seien auch die Landwirte den Ehrenamtlichen.

Einige der Helferinnen und Helfer der Wildtierrettung Auetal. Foto: P. Meyer
Stefanie Langen, die selbst hilft, weiß, wie entscheidend die Wildtierrettung ist: „Das ist so eine wichtige Arbeit“, sagt Langen, deren Mann einen landwirtschaftlichen Betrieb führt. Früher, als es noch keine Drohnen gab, sei die Arbeit noch aufwendiger gewesen. „Da sind die Jäger am Abend vorher mit Hunden durch die Wiese gelaufen“, erzählt sie. Andere hätten Stöcker mit Plastiktüten aufgestellt, um das Wild abzuschrecken. So effizient wie die Drohnen sei aber keine der Methoden.

Die Helferinnen Stefanie Langen (von links) sowie Sandra und Lena Tsilikis suchen den genauen Standort des von der Drohne gefundenen Rehkitzes. Foto: P. Meyer
Auch Sandra und Lena Tsilikis, ein Mutter-Tochter-Duo, engagiert sich freiwillig vor der Arbeit. Sie sind seit Beginn an dabei, seit die Wildtierrettung Auetal 2022 gegründet wurde. 193 Kitze retteten die Helfer im ersten Jahr - bislang Rekord. „Es macht Spaß mit der Gruppe. Hier ist immer gute Laune“, sagt Sandra Tsilikis. „Vor allem, wenn man auch noch einem Kitz helfen kann“, ergänzt Tochter Lena.

In den blauen Kisten werden die gefundenen Rehkitze vorübergehend in Sicherheit gebracht. Foto: Wildtierrettung Auetal
Und wenn mal kein Kitz gefunden wird oder sie schon so groß sind, dass sie von alleine fliehen, lohne sich der Einsatz trotzdem. „Dann war man immerhin schon an der frischen Luft und hat sich bewegt“, sagt Sandra Tsilikis.
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Die Drohne sendet ein Livebild: Hier hat Jörg Haufschild ein Rehkitz entdeckt. Foto: P. Meyer
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