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True Crime

TUnheimliche Begegnung eines Paars aus dem Kreis Stade: War es der Göhrde-Mörder?

Private Fotos von Kurt-Werner Wichmann.

Private Fotos von Kurt-Werner Wichmann. Foto: Döscher

Ein Paar aus dem Kreis Stade berichtet von einem Picknick, das zum Alptraum wurde. Sie vermuten, dass sie um 1989 dem Serienmörder Kurt-Peter Wichmann begegnet sind - und einem Mittäter.

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Von Anping Richter
Montag, 27.04.2026, 07:19 Uhr

Stade. An die Jahreszeit können sie sich noch genau erinnern: Es muss Anfang September gewesen sein, als das Ehepaar - die Namen sind der Redaktion bekannt - den Picknickkorb einpackte, um in die Heide zu fahren. Der Polizei haben sie von ihrem unheimlichen Erlebnis dort nie erzählt. Doch einige enge Freunde und ihr heute erwachsener Sohn kennen die Geschichte und ihren Satz dazu, der nicht einfach so dahergesagt war: „Wahrscheinlich sind wir dem Göhrde-Mörder knapp entkommen.“

Sohn überzeugt Eltern, sich bei Ermittlern zu melden

Als das ehrenamtliche Ermittlerteam, das bis heute Spuren des Göhrde-Mörders Klaus-Werner Wichmann verfolgt, kürzlich zu einem True-Crime-Abend in Stade bat, um aufzuklären und auch im Landkreis Stade nach Hinweisen zu suchen, saß der Sohn im Publikum - und riet seinen Eltern, sich zu melden.

So kamen sie in Kontakt mit dem ehrenamtlichen Ermittler und ehemaligen Hamburger LKA-Chef Reinhard Chedor. Auf ein erstes Treffen mit dem Paar folgte ein zweites, bei dem das TAGEBLATT dabei sein durfte.

„1989 haben wir geheiratet. Es war nicht lange danach, entweder 1990 oder 1991“, berichten die beiden, die damals 35 und 40 Jahre alt waren. Sie wollten an diesem schönen Tag in die Lüneburger Heide. Um die Mittagszeit hielten sie zwischen Wesel und Undeloh an, um zu picknicken.

Sie hatten alles dabei, berichtet er: Picknickkorb, Kühlbox, Wolldecke und einen Alukoffer mit Klapptisch und Stühlen. Er begann, auf einer nahen Lichtung alles aufzubauen. Sie musste mal und schlug sich oberhalb der Lichtung ins Gebüsch.

Zum Glück. Denn kurz darauf bemerkte er, dass etwa 15 bis 18 Meter von ihm entfernt plötzlich zwei Männer standen: „Schulter an Schulter. Sie standen mit dem Rücken zu mir und redeten leise miteinander.“ Ihm sei sofort mulmig zumute gewesen: „Obwohl sie uns sicher gesehen hatten, suchten sie keinen Augenkontakt. Dabei war es total einsam, kein Ort, wo zwei Männer beim Spazierengehen sich so verhalten.“

Ihre Intuition sagte: Alarmstufe dunkelrot

Ihm sei sofort klar gewesen, dass sie so schnell wie möglich weg mussten. In diesem Moment kam seine Frau zurück aus dem dichteren Wald weiter oben. Sie erfasste die Situation mit einem Blick: Die bedrohlich wirkenden Männer, die Angst ihres Mannes, der hektisch die Sachen packte. „So ein Gefühl hatte ich noch nie. Ein Alarmgefühl. Alarmstufe dunkelrot“, sagt sie.

Intuitiv griff sie zu einer List. Sie rief laut die Namen ihrer beiden besten Freunde - und dann: „Hier sind wir!“ Darauf suchten die beiden Männer sofort das Weite. „Beobachtet haben sie uns vorher nicht, sonst hätten sie ja gewusst, dass wir nicht zu viert waren. Die haben gedacht, da kommen noch mehr aus dem Wald. Vier waren ihnen zwei zu viel. Sonst wären wir hundertprozentig dran gewesen“, sagt sie.

Die Zeichnung hat die Frau angefertigt, die mit ihrem Ehemann im Wald bei Lüneburg eine unheimliche Begegnung mit zwei Männern hatte. Einer von ihnen könnte Wichmann gewesen sein.

Die Zeichnung hat die Frau angefertigt, die mit ihrem Ehemann im Wald bei Lüneburg eine unheimliche Begegnung mit zwei Männern hatte. Einer von ihnen könnte Wichmann gewesen sein. Foto: Richter

Ihr Mann denkt, dass die Männer an ihrem an der Straße geparkten Auto vorbeigefahren sind, ein gutes Stück weiter entfernt außer Sichtweite geparkt haben und dann zu ihnen gingen. Sie zeichnet aus dem Kopf eine Skizze des Geschehens mit Wald, Lichtung und Straße. „Die gehen wieder zurück zu ihrem Auto, mindestens 500 Meter entfernt. Das ist nicht normal“, sagt Reinhard Chedor.

„Als du mir die Fotos von Wichmann auf mein Handy geschickt hast, habe ich sie weggemacht. Bei mir kam ein komisches Gefühl hoch. Dabei habe ich die beiden nur von hinten gesehen“, sagt die Frau zu Chedor. Ihr Mann fügt hinzu: „Ich habe die Gesichter der beiden Männer nur für Sekundenbruchteile gesehen. Aber vom Gefühl her könnte er einer der beiden gewesen sein.“

Bei Wichmann spricht vieles für einen Mittäter

Dann fragt sie: „Was ist eigentlich mit dem mutmaßlichen Mittäter aus der Göhrde, lebt der noch?“ Chedor antwortet: „Ja. Aber er verweigert die Aussage. Als wir Birgit geborgen haben, dachte die Polizei: Jetzt bricht er ein. Das war dann aber nicht so.“ Für den habe es nicht genug Anhaltspunkte gegeben. Laut Chedor spricht bei einigen Vorfällen aber vieles dafür, dass es einen zweiten Täter gegeben haben muss. Im Umfeld der Göhrde-Morde hätten Zeugen zwei Männer beobachtet, von denen einer Wichmann gewesen sein könnte.

Das, was das Ehepaar damals erlebte, erzählte es der Polizei nicht. Dafür schien ihnen nicht genug passiert zu sein. Die Folgen des Erlebten wiegen trotzdem schwer. „Das hat wirklich etwas mit uns gemacht. Wir sind nie wieder picknicken und auch nie mehr alleine in den Wald gegangen“, sagt er mit feuchten Augen. „Einmal haben wir Glück gehabt. Das soll man nicht herausfordern“, sagt sie und greift nach seiner Hand. Aber dass Reinhard Chedor sie ernst genommen und ihnen geglaubt hat, fühle sich nach all den Jahren gut an, sagen die beiden. Mit ihm wollen sie demnächst noch einmal die Strecke von damals abfahren und den Ort des Geschehens aufsuchen.

Mit diesem Passbild wurde einmal nach Kurt-Werner Wichmann gefahndet.Foto: privat

Mit diesem Passbild wurde einmal nach Kurt-Werner Wichmann gefahndet. Foto: privat Foto: privat

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