TWehrpflicht: Ja oder nein? In Stade gehen die Meinungen auseinander
Theresa Braun (links) und Clara Torborg sind für ein verpflichtendes Gesellschaftsjahr. Foto: Stehr
Kein Job wie jeder andere. Im Ernstfall auf Menschen schießen. Sie töten. Am VLG in Stade ist genau dies Thema. Dafür holten sich die Schüler Experten auf die Bühne.
Stade. „Der neue Wehrdienst betrifft unsere Zukunft, vor allem, wenn er zur Pflicht wird“, sagt Clara Torborg, Zwölftklässlerin am Vincent-Lübeck-Gymnasium (VLG). Gemeinsam mit Zehntklässlerin Theresa Braun und anderen Schülerinnen und Schülern hat sie eine Podiumsdiskussion zum Thema Wehrpflicht für alle Zehnt- und Elftklässler organisiert.
„Das ist kein Job wie jeder andere“
Auf der Bühne stehen Jugendoffizier Christopher Marschall, Dr. Christoph Rabbow, Landesvorsitzender des Philologenverbands und Lehrer am VLG, sowie Schülersprecher und Vorsitzender des Kreisschülerrats Hauke Ilsemann und Dr. Marc Wischnowsky, Superintendent im Kirchenkreis Stade.

Diskutierten über den Wehrdienst und die Einführung einer Wehrpflicht: Superintendent Dr. Marc Wischnowsky (links) und Jugendoffizier Christopher Marschall. Foto: Stehr
Kapitänleutnant Christopher Marschall ist seit 2009 bei der Bundeswehr. Bei der Marine nahm er unter anderem an mehreren NATO-Einsätzen teil und rettete 2015 und 2016 Menschen vor der libyschen Küste aus akuter Seenot. Angesichts der aktuellen geopolitischen Lage würde er sich eine Verpflichtung bei der Truppe heute länger überlegen, sich aber wieder dafür entscheiden. Er habe früh gelernt, Verantwortung zu übernehmen und könne dank seiner Ausbildung auch im Alltag „gut performen“.
Stärkung der Verteidigung
Beschlossen: Neuer Wehrdienst soll am 1. Januar starten
„Das ist kein Job wie jeder andere, und nicht jeder ist dafür geeignet“, sagt Christopher Marschall. Er betont, dass die Bundeswehr keine Leute gebrauchen könne, die auf den Job keine Lust haben. Wer zur Bundeswehr gehe, müsse bereit sein, Deutschlands Souveränität im Notfall unter Einsatz seines Lebens zu verteidigen. Und sich ernsthaft fragen, ob man damit leben könnte, womöglich auch Menschen zu töten.
Gut sei, wenn sich durch den neuen Wehrdienst alle jungen Menschen damit auseinandersetzen, welche Rolle sie in der Gesellschaft übernehmen wollen. „Wir leben in einem Land, in dem wir freie Bildung bekommen, unsere Meinung frei äußern und unsere Sexualität frei ausleben können“, sagt Christopher Marschall. In einem ungeschriebenen Gesellschaftsvertrag gehe es darum, dafür etwas zurückzugeben.
„Wir müssen wieder wehrfähig werden“
„Wir müssen wieder wehrfähig werden“, sagt Dr. Christoph Rabbow. Er wurde vor 40 Jahren in Hamburg zum Stabssoldaten ausgebildet. Eigentlich wollte er nicht zum Bund, habe aber in Zeiten des Kalten Krieges erkannt, wie wichtig die Bundeswehr zur Verteidigung von Freiheit und Demokratie ist.

Dr. Christoph Rabbow glaubt, dass Deutschland um eine Wehrpflicht nicht herumkommt. Foto: Stehr
Es sei wichtiger denn je, dass Deutschland sich verteidigen könne. Weil er nicht glaubt, dass freiwillig genug junge Menschen zur Bundeswehr streben, komme Deutschland nicht um eine Wehrpflicht herum.
Für Dr. Marc Wischnowsky ist eine Wehrpflicht ein Eingriff ins Persönlichkeitsrecht. Niemand sollte gezwungen werden, zur Bundeswehr zu gehen - auch wenn man den Dienst verweigern könne. Den Aufwand habe er damals auf sich genommen und 20 Monate Zivildienst geleistet.
„Lieber den Freiwilligendienst stärken“
Der Superintendent spricht sich für eine Stärkung des Freiwilligendienstes aus. Junge Leute - und durchaus auch ältere - könnten der Gesellschaft als Rettungssanitäter, im Katastrophenschutz oder in der Krankenpflege etwas zurückgeben.
Er empfinde es als Schieflage, dass Menschen im Freiwilligendienst nur ein geringes Taschengeld erhalten, während das Wehrdienstgrundgehalt bei mindestens 2600 Euro brutto pro Monat liege.
„Jugendliche werden zu wenig einbezogen“
„Die ganze Debatte wird doch hauptsächlich von alten weißen Männern geführt“, sagt Hauke Ilsemann. Jugendliche würden viel zu wenig in politische Prozesse einbezogen. Der jungen Generation sollte nach den Corona-Schulschließungen und den nicht aufgearbeiteten Folgen nicht noch eine zusätzliche Bürde in Form einer Wehrpflicht auferlegt werden.

Schülersprecher Hauke Ilsemann ist gegen die Einführung einer Wehrpflicht. Foto: Stehr
Er könne sich nicht vorstellen, im Schützengraben vor Warschau zu liegen und auf russische Soldaten zu schießen. „Das könnte ich mit meinem Gewissen nicht vereinbaren“, sagt der Schülersprecher.
„Ich will mit Krieg nichts zu tun haben“, meldet sich ein Schüler aus dem Publikum zu Wort. „Ich will auch nicht auf Menschen schießen, aber ich würde es tun, um meine und eure Sicherheit zu schützen“, antwortet Christoph Marschall.
Für ein verpflichtendes Gesellschaftsjahr
Clara Torborg könnte sich vorstellen, Wehrdienst zu leisten und spricht sich - genau wie Theresa Braun - für die Einführung eines verpflichtenden Gesellschaftsjahres aus. Diese Meinung teilt auch Dr. Christoph Rabbow. „Es ist wichtig, aus der eigenen Blase herauszukommen“, sagt er.

Bei einer spontanen Umfrage sprach sich die Mehrheit der Zehnt- und Elftklässler gegen die Einführung einer Wehrpflicht aus. Foto: Stehr
Zum Schluss stimmen 168 Zehnt- und Elftklässler noch über die Einführung der Wehrpflicht per Handy ab. 106 - gut 63 Prozent - sind gegen die Wehrpflicht, 62 dafür.
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