TWiederkäuen im Luftstrom: Wie Gellerts ihre Kühe in Balje vor Hitzestress schützen
Im Stall von Familie Gellert in Balje laufen die Ventilatoren auf Hochtouren, um die hitzeempfindlichen Kühe abzukühlen. Foto: Klempow
Im Stall in Balje laufen die Ventilatoren mit voller Leistung. Den Kühen soll es gutgehen, und das kann sich bei Hitze schnell ändern. Drei Buchstaben spielen dabei eine Rolle.
Balje. Am Morgen kann die Wärme den Milchkühen im Baljer Stall noch nicht viel anhaben. Draußen weht ein lauer Wind, drinnen laufen die Ventilatoren. Der Stall ist luftig konstruiert, dennoch braucht es die großen Lüfter und einen ständigen Luftstrom. Kühe reagieren empfindlich auf die Sommerhitze.
Jannes Wilkens vom Beratungsring Nordkehdingen hat ein Messgerät dabei. Damit kann er den Temperatur-Feuchtigkeitsindex (THI, englisch für Temperature Humidity Index) in der Stallluft messen. „Je feuchtwärmer es ist, desto mehr Probleme haben die Kühe“, sagt Landwirt Henning Gellert. Wilkens nennt ein Beispiel: „Wenn es 26 Grad warm ist, ist es bei niedriger Luftfeuchte kein Problem, aber bei hoher Luftfeuchte merken die Kühe das.“
Ventilatoren gegen den Hitzestress
Wilkens zeigt auf eine Tabelle. Die weist ab etwa 27 Grad „leichten Hitzestress“ für Kühe aus. Steigt die Temperatur wie für Sonnabend vorausgesagt auf 34 Grad, genügt schon eine geringe Luftfeuchte von 10 Prozent für die nächste Stufe: „Hitzestress“.

Kühe und Hitze im Blick: Jannes Wilkens vom Beratungsring Nordkehdingen (links) und Henning Gellert in Gellerts Stall in Balje-Hörne. Foto: Klempow
In Gellerts Stall läuft die Lüftungsanlage automatisch und THI-gesteuert. Ein Luftfeuchtigkeitsmesser ist mit einem Temperaturfühler gekoppelt. Um die Kühe wirklich abzukühlen, braucht es eine bestimmte Windgeschwindigkeit. Im besten Fall zwei Meter pro Sekunde.
Schatten auf den Liegeflächen
Kühe schwitzen wenig. Wenn sie vermehrt stehen statt zu liegen, ist das ein Zeichen für Hitzestress. „Im Stehen können sie mehr Wärme abstrahlen“, so Gellert. Sie trinken dann mehr, kühlen das Maul im Wasser, sie fressen weniger und käuen weniger wieder - „das können wir von den Sensoren ablesen“, sagt der Landwirt. Auch Hecheln sei ein Zeichen von großem Hitzestress, ergänzt Wilkens.
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Der Beratungsring gibt Empfehlungen für die Milchviehhalter: Lüfter sollten auf höchster Stufe und rund um die Uhr laufen, die Sonneneinstrahlung im Stall sollte kontrolliert und im Zweifelsfall über Rollos geregelt werden. Vor allem, um Schatten auf den Liegeflächen zu gewährleisten.
Abkühlung für kleine Kraftwerke
Kälberiglus sollten möglichst nicht in der prallen Sonne stehen. Ausreichend frisches Wasser für Kälber und Kühe ist zwar selbstverständlich - bei Hitze aber steigt der Wasserbedarf enorm. Pro Milchkuh rechnet Gellert mit bis zu 150 Litern täglich - bei Hitze können es bis zu 250 Liter sein.
Den Tieren soll es gutgehen - das hat Priorität bei Gellerts. „Aber wir leben davon, dass wir Milch produzieren. Auch deshalb wollen wir den Kühen so wenig Stress wie möglich zumuten“, sagt Henning Gellert. Die Kühe seien Hochleistungssportler, wie kleine Kraftwerke, die rund um die Uhr laufen.
Stress reduziert die Milchleistung
Stress wirkt sich bei ihnen sofort aus. Die letzten warmen Tage haben sich schon bemerkbar gemacht. Bis zu ein dreiviertel Kilo weniger Milch haben die Kühe auf dem Hof durchschnittlich gegeben. 42 Kilogramm pro Kuh und Tag ist der übliche Wert. 360 Kühe werden gemolken.
Krankheit oder auch Stress klingen lange nach: Hochleistungskühe erreichen danach ihr Leistungsniveau nicht mehr. Noch mehr: Hat eine hochtragende Kuh Hitzestress, wirkt sich das auf die Qualität der Milch für das Kalb aus, auf das Gewicht des Neugeborenen und die spätere Milchleistung des Nachwuchses aus - und das sogar bis in die dritte Generation.
PV-Anlage fängt die Sonne ab
„Wir versuchen, mit den modernen Ställen die Weide in den Stall zu holen, die Bedingungen zu kontrollieren und dauerhaftes Wohlbefinden zu schaffen“, beschreibt Gellert. Der Stall bietet schon mal ausreichend Schatten für alle, dazu Liegeflächen, sauberes Futter und ständig frisches Wasser.
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Die Photovoltaik-Anlage auf dem Dach schützt die Dachplatten vor der direkten Sonneneinstrahlung. Das wirkt sich positiv auf die Stalltemperatur aus. Die Holstein-Schwarzbunten fressen und liegen noch ganz entspannt, obwohl die Sonne immer kräftiger wird.
Alle zwölf Meter hängt ein Ventilator über den Kühen und schickt den Luftstrom genau justiert über die Liegeflächen und zu den Kühen am Fressgitter. Wilkens misst die Stärke: 2,3 Meter pro Sekunde - das passt.

Im Stall von Familie Gellert in Balje laufen die Ventilatoren mit passender Windgeschwindigkeit, um die hitzeempfindlichen Kühe abzukühlen. Foto: Klempow
Was für die Kühe gut ist, gilt aber nicht für die Kälber. Henning Gellert zeigt auf einen blauen Luftschlauch mit Löchern an der Decke im Kälberstall. Der sorgt nur für ein bisschen Kühlung am Boden, als „Luftsee“, nicht als Luftstrom. Der könnte Erkältungen oder gar Lungenentzündungen bei den Kälbern verursachen.

Im Stall von Familie Gellert in Balje sorgt der Lüftungsschlauch im Kälberstall für einen kühlen „Luftsee“ am Boden. Foto: Klempow
Eine Kuhdusche mit feinem Nebel zur Abkühlung - das gibt es andernorts auch. Aber sobald die Luftfeuchte schon hoch ist, ist das keine gute Idee, sagt Wilkens mit Verweis auf den THI.
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