TZevener Großvater in New York? Enkel lüftet das Familien-Tabu
Der Zevener Schmied Otto Wohlberg galt innerhalb der Familie von Beginn an als Elfriedes Vater. Foto: privat
Nach dem Tod seiner Mutter deckt Werner Fromm ein verborgenes Familiengeheimnis auf. Die Spuren führen ihn von einem kleinen Ort bis über den Atlantik - zu einem besonderen Opa.
Zeven. Werner Fromm (68) lebt heute in Ostfriesland. Doch hinter ihm liegt eine Geschichte, die ihn lange Zeit nicht losließ: die Geschichte seines Großvaters Otto Wohlberg. Jahrzehntelang wurde über ihn geschwiegen, vor allem von seiner Mutter Elfriede.
Elfriede - ein Leben hinter dem Tresen
Elfriede wurde 1924 in Hemel geboren, einem kleinen Dorf bei Zeven. Unehelich, ein schweres Schicksal in jener Zeit. Der Vater: ein Schmied aus Zeven. Die Mutter: die Tochter eines Gastwirts und Musikers. Elfriede wuchs in der Kneipe auf - zwischen Flaschenbier und Korn, Gästen und Gesprächen.
Die Waldschänke, früher auch „Gasthaus am Walde“, das erste Haus in Hemel mit einem Schornstein, war ihre Heimat. Geborgenheit aber fand sie dort kaum. Als ihre Mutter das Kind zurückließ, waren es die Großeltern, die Elfriede ein Stück Wärme und Liebe schenkten, so gut es unter den Umständen möglich war.
„Meine Mutter ist hinterm Tresen geboren, hat dort gelebt und dort ihr Leben beendet“, sagt ihr Sohn Werner Fromm. Elfriede durfte ihre Mutter nie „Mama“ nennen. Sie wurde versteckt, Besucher bekamen sie oft gar nicht zu Gesicht. Schon früh musste sie lernen, den Alltag mitzutragen - viel zu früh erwachsen werden, um der Schwere jener Zeit standzuhalten.

Werner Fromm (68) lebt heute in Ostfriesland. Seine Wurzeln liegen aber in Hemel, einem kleinen Dorf bei Zeven und führen ihn bis in die USA. Foto: Privat
Otto Wohlberg: Ein Vater, den sie nie kannte
Anfang der 1920er-Jahre, Elfriedes Mutter war noch sehr jung, soll sie vom Zevener Schmied Otto Wohlberg zum Tanzen aufgefordert worden sein. Wenig später war sie schwanger. Zwar wurde nie offen darüber gesprochen, doch in der Familie galt Otto Wohlberg als der Vater.
Mit zunehmendem Alter wurden Elfriedes Fragen an ihre Mutter drängender. Irgendwann ließ sich die Wahrheit nicht mehr verbergen: Ihr Vater hatte sich nach Amerika abgesetzt und sie würde ihm vermutlich nie begegnen. Für Elfriede war das Kapitel damit beendet.
Laut Aussage einer Cousine Otto Wohlbergs im Jahr 2005 vertrat er zu dieser Zeit seines Lebens die Überzeugung, einer Ehefrau könne man das eigene Elternhaus nicht zumuten. Mit der Auswanderung entzog er sich seinen Vaterpflichten gegenüber seiner im Juli 1924 geborenen Tochter Elfriede.

Als uneheliches Kind wird Elfriede 1924 im kleinen Dorf Hemel geboren - ein schwieriger Start. Foto: Privat
Fromms Kindheit zwischen Fragen und Fürsorge
„Als Kind merkt man irgendwann: Auf der einen Seite gibt es Oma und Opa, auf der anderen Seite nur eine Oma“, erinnert sich Fromm. „Und irgendwann fragt man: Wer war denn dein Vater?“
Der Nachname war bekannt und wurde von ihr nicht verschwiegen. Doch sobald es um ihren Vater ging, wich sie aus. „Dor will ick nix von weten“, war alles, was sie sagte. Den vollständigen Namen, Otto Wohlberg, sprach sie nie aus. Es war, als hätte es ihn nie gegeben.
Trotzdem tat Elfriede alles für ihren Sohn. „Ihr war immer wichtig, dass wir genug zu essen und zu trinken hatten.“ Die Gaststätte war nicht nur Arbeitsort, sondern auch eine Art Versorgungszentrum für die Familie. An Bratkartoffeln und Grützwurst mangelte es nie, wie der 68-Jährige schmunzelnd erzählt. „Ich konnte das irgendwann nicht mehr sehen.“ Auch Süßigkeiten gab es reichlich.

„Elfriede lebte und starb in ihrer Gaststätte, dort, wo sie sich wahrscheinlich am wohlsten gefühlt hat“, sagt ihr Sohn Werner Fromm. Foto: Privat
Stilles Erbe: Beginn der Recherche
Im September 2005 besuchte Fromm das Auswanderermuseum in Bremerhaven. Er wollte der Herkunft seiner Familie auf den Grund gehen, ohne seiner Mutter etwas zu sagen. „Sie hätte es nicht gewollt.“ Am selben Tag, dem 16. September, starb Elfriede.
Als hätte sie geahnt, dass sich etwas in Bewegung setzte, das sie ihr Leben lang zu vermeiden versucht hatte. Elfriede durfte somit Zeit ihres Lebens ihren Vater nicht kennenlernen.
Nach dem Tod seiner Mutter begann Fromm weiterzuforschen. Zögerlich erst, dann immer entschlossener. Der Wunsch, zu verstehen, ließ ihn nicht mehr los. „Meine Mutter war ein wandelndes Ahnenbuch, nur wenn es um ihren Vater ging, schwieg sie.“
Der Zufall, der alles veränderte
Im Januar 2008 las Werner Fromm einen Artikel im Ostfriesischen Kurier. Darin: ein Link zu einer Online-Friedhofssuche in den USA. Neugierig klickte er und fand den Namen Greta Wohlberg. Sie war die erste Ehefrau seines Großvaters, beerdigt in New Jersey.
„Das war der Moment, in dem es wirklich losging.“ Der Ostfriese schrieb unzählige E-Mails an Menschen im Ort, in der Hoffnung, jemand könne Otto Wohlberg gekannt haben. „Ich habe fast Stalking betrieben, so verrückt war ich nach der Recherche.“
Tatsächlich meldete sich ein bislang unbekannter Onkel und bestätigte, was Otto Wohlberg kurz vor seinem Tod 1968 gesagt hatte: dass er eine Tochter in Deutschland habe. Damals hatte man ihm nicht geglaubt. Man hielt ihn bereits für verwirrt.
Familie auf der anderen Seite der Welt
Otto Wohlberg war 1926 nach Amerika ausgewandert - mit seiner Schwester und einer Freundin, die später seine Frau wurde. Am 11. Dezember verließ er mit der SS Berlin deutschen Boden in Richtung New York.
Das Ehepaar baute sich ein Leben auf: Als Schlachter konnte er sich zusammen mit seiner Frau in der Bronx eine kleine Wohnung leisten. Mit der Zeit brach der Kontakt zur Familie nach Deutschland jedoch ab.
Otto Wohlberg war in den USA schnell integriert. So sehr, dass man ihm noch vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs die amerikanische Staatsbürgerschaft verlieh. Eine Rolle dürfte dabei auch seine Mitgliedschaft im „Zevener Club of New York“ gespielt haben.
Der bereits 1867 gegründete Verein diente Auswanderern aus dem Raum Zeven als erste Anlaufstelle in der neuen Heimat. Hier sprach man Plattdeutsch, pflegte alte Traditionen und half einander beim Ankommen. Bis zu seinem Tod hielt Otto Wohlberg dem Club die Treue. Er lebte zuletzt in Poughkeepsie, New York.
Eine vorsichtige Begegnung
Vor drei Jahren reiste Fromm schließlich in die USA. Er besuchte das Grab seines Großvaters und war ihm dabei so nah wie nie zuvor. Auch Teile der Familie traf er. Die Begegnungen waren zurückhaltend, nicht besonders innig. Aber sie schlossen eine Lücke.
Über Facebook hält der gebürtige Hemeler bis heute den Kontakt zu seinen Verwandten in Amerika. Die Sprache ist immer noch ein Hindernis. „In der Schule war Hochdeutsch meine erste Fremdsprache“, sagt Fromm schmunzelnd. „Ostfriesisches Platt die zweite - und Englisch? Das sind eher rudimentäre Kenntnisse.“
In diesem Herbst kommt die amerikanische Familie zum Gegenbesuch: Werner Fromms Neffe reist mit seiner Familie nach Deutschland - zu dessen Mutter nach Rotenburg.
Geschichten, die Elfriede nie erzählte
„Sie wollte nie, dass ich nach ihm suche“, sagt er über seine Mutter. Doch gerade weil so vieles ungesagt blieb, begann er zu schreiben.
19 Jahre lang sammelte Werner Fromm Geschichten, Fakten, Bilder. Sein Ziel: zum 100. Geburtstag seiner Mutter, 2024, ein Buch mit dem Titel „Elfriede“ zu veröffentlichen. Ein stilles Vermächtnis. Eine späte Antwort auf die Fragen, die er Elfriede nie gestellt hat.
Heute lebt Werner Fromm in Upgant-Schott, Ostfriesland. Sein Bruder ist in Hemel geblieben, die Schwester nach Rotenburg gezogen. „Meine Wurzeln sind und bleiben in Hemel“, sagt er.