3 Tipps vom Experten zum Umgang mit Schulden

LANDKREIS. Die Schuldnerberatung der Diakonie im Landkreis Stade hat gut zu tun: Immerhin ist hier fast jeder zehnte Erwachsene überschuldet. Schuldnerberater Arndt Becker berichtet, was er in solchen Fällen rät und weshalb er auch mobil unterwegs ist.


In diesem Artikel:

  1. Mit den Schulden leben
  2. Schulden zurückzahlen
  3. Privatinsolvenz beantragen

 „Ich hätte viel früher kommen müssen“: Diesen Satz hört Arndt Becker bei seiner Arbeit am allerhäufigsten. Seit November 2018 ist er als mobiler Schuldner- und Sozialberater unterwegs, auch und gerade in entlegeneren Teilen der Kirchenkreise Buxtehude und Stade. Becker verstärkt das Team der Schuldnerberatung des Diakonieverbands in den beiden Städten, indem er Menschen, die aus ganz verschiedenen Gründen nicht mobil sind oder sich die Busfahrkarte nicht leisten können,  zu Hause oder ganz nach Wunsch auch auf neutralem Boden berät, zum Beispiel im nächsten Gemeindehaus. Der Diakonieverband hat dabei besonders die Armut im ländlichen Raum im Blick.

Überschuldung in Deutschland nimmt zu

Laut Creditreform-Schuldner-Atlas 2018 ist die Überschuldung von Privatpersonen in Deutschland nun schon im fünften Jahr in Folge angestiegen. Zum Stichtag 1. Oktober 2018 wurde für Deutschland eine Überschuldungsquote von 10,04 Prozent gemessen. Das entspricht 6,9 Millionen Bürgern über 18 Jahre. Damit sind nicht solche gemeint, die Schulden haben, sondern lediglich die, deren Vermögen ihre Schulden nicht  deckt und die nachhaltig nicht in der Lage sind, ihre Rechnungen zu zahlen. „Davon ist die volle Bandbreite von ganz jung bis ganz alt betroffen“, berichtet Schuldnerberater Arndt Becker.

Oft gehe es mit dem eigentlich viel zu teuren Handyvertrag los. Auch Internetkäufe oder Möbel auf Pump für die erste eigene Wohnung können junge Leute in die Überschuldung führen. Die sogenannte „unwirtschaftliche Lebensführung“ ist aber nicht der häufigste Grund für Überschuldung, weiß Becker: „Wenn etwas passiert, etwa durch Krankheit oder Scheidung, kann alles schnell zusammenbrechen.“

Laut Creditreform-Schuldner-Atlas liegt der Landkreis Stade mit einer Überschuldung von 9,30 Prozent der Bevölkerung über 18 Jahren leicht unter dem bundesweiten Durchschnitt von 10,04 Prozent. Grafik: Creditreform
 

Frauen seltener überschuldet als Männer

Männer sind häufiger überschuldet als Frauen, aber alte Menschen und Frauen sind laut Schuldner-Atlas 2018 der Creditreform zunehmend betroffen. Der Landkreis Stade liegt mit einer Überschuldung von 9,30 Prozent der Bevölkerung über 18 Jahren leicht unter dem bundesweiten Durchschnitt von 10,04 Prozent, aber weit über dem Nachbarlandkreis  Harburg mit nur 7,94 Prozent. In Hamburg liegt die Quote bei 10,62 Prozent. Bundesweites Schlusslicht ist die strukturschwache Stadt Bremerhaven mit 21,22 Prozent. 

Bei seinen Besuchen vor Ort, oft auch in strukturschwachen ländlichen Gegenden im Kreis Stade, begegnen Arndt Becker immer wieder Elend und Armut. Es sei bitter, wenn jemand Mitte des Monats nur noch ein Toastbrot im Schrank und drei Euro im Portemonnaie habe und von ihm wissen wolle, wovon er bis zum Ende des Monats leben soll. Oft fühlten Menschen große Scham über ihre Verschuldung, und das führe auch zu Verdrängung. „Wir können aber allen helfen – wenn sie nur wollen“, sagt Arndt Becker. Er nennt drei Hauptwege, einen guten Umgang mit Schulden zu finden.

Das rät der Experte - 3 Tipps

1. Mit den Schulden leben

Aber wer kann das? „Eigentlich jeder“, sagt Arndt Becker. Gerade älteren Menschen rate er durchaus dazu. 1200 Euro Selbstbehalt – das definiere der Gesetzgeber als sogenannte „bescheidene Lebensführung“ – stehen jedem zu. Es gibt auch ein Pfändungsschutzkonto, auf dem dieser Selbstbehalt geschützt ist. Becker nimmt den Menschen die Angst. Vor dem Postboten, aber auch vor Inkassounternehmen, denn: „Die können zwar unangenehm auftreten, dürfen ihnen aber nichts tun.“ Pfänden darf nur der Gerichtsvollzieher.

Alle zwei Jahre müssen Überschuldete dort allerdings Vermögensauskunft geben. „Schulden müssen nicht mit Schuldgefühlen belegt sein“, sagt Arndt Becker. Er erlebe, dass Menschen unbedingt nur für ihr Gewissen wenigstens eine kleine Summe jeden Monat abzahlen wollen. „Aber wenn jemand kaum genug zum Überleben hat, rate ich ab. Der Schuldenberg wird ja nicht kleiner, sondern wächst wegen der Zinsen trotzdem weiter

2. Schulden zurückzahlen

Das kann auch bei Überschuldeten eine Option sein. Zunächst muss geschaut werden, wie viele Schulden überhaupt da sind. Manchmal klappt es, einen Vergleich auszuhandeln. „Wir führen Vergleichsverhandlungen mit den Gläubigern. Wenn sie überzeugt werden, dass das letztlich mehr für Sie bringt, verzichten sie auf einen Teil ihrer Forderungen“, erläutert Arndt Becker. Aber aufgepasst: Alle Gläubiger müssen gleich behandelt werden – egal, ob nette Nachbarin oder böses Inkassounternehmen. „Wenn der Vergleich klappt, gibt das den Menschen meist ein gutes Gefühl“, weiß Becker.

3. Privatinsolvenz beantragen

Sollten die Gläubiger einen Vergleich ablehnen – es reicht schon, wenn ein einziger nicht einverstanden ist – kann auch Antrag auf Privatinsolvenz gestellt werden. „Das ist wie ein Eimer, in den ich alle Schulden werfen kann“, erklärt Arndt Becker. Die Schuldnerberatung hilft, den Antrag zu stellen. Darin wird der gesamte Besitz aufgelistet, nichts darf vergessen werden – von der Lebensversicherung bis zum Silberlöffel.

Das Verfahren dauert sechs Jahre, während denen dem Antragsteller ein Selbstbehalt unter der Pfändungsgrenze zusteht. Während dieser Zeit kümmert sich ein Insolvenzverwalter um die Finanzen und behält auch die Lebensführung im Blick, beispielsweise Bemühungen, eine Arbeit zu finden. Nach einer ein- bis zweijährigen Insolvenzphase folgt eine „Wohlverhaltensphase“ in der keine neuen Schulden gemacht werden dürfen. Danach ist der Antragsteller schuldenfrei. 

Schuldnerberater Arndt Becker und sein Diakoniemobil. Foto: Richter
 

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