09.06.2019, 10:25
Keine Gesundheitsgefährdung nach Synthopol-Störfall

BUXTEHUDE. Nach dem Störfall-Alarm bei der Chemiefabrik Synthopol am Alten Postweg gibt die Feuerwehr Entwarnung: Auch ein hinzugezogenes Spezialteam konnte keine Gesundheitsgefährdung in der Umgebung feststellen.


Weil am Sonnabend gegen 15 Uhr ein Reaktionsbehälter überhitzte und der Druck bedenklich anstieg, riefen Mitarbeiter die Feuerwehr. Eine Acrylharz-Lösungsmittel-Mischung entwich, deren Geruch sich in einem Radius von einigen hundert Metern ausbreitete. In der näheren Umgebung ging ein klebriger Tröpfchenregen nieder.

Drei Augenzeugen, die sich auf dem etwa 300 Meter entfernten Hof einer Autowerkstatt aufhielten, berichten, dass sie gegen 15 Uhr ein sehr lautes, anhaltendes Zischen hörten. Anschließend beobachteten sie eine Fontäne, die aus einem Rohr auf dem Dach von Synthopol schoss. Kurz darauf sei eine schneeflockenartige Substanz auf sie herabgerieselt. Ihre Haare verklebten, auch auf Brillengläsern, Windschutzscheiben und Autolack rieselten Klebstofftropfen.

Rebecca Tautz ist auf dem Hof der Kfz-Werkstatt ihres Vaters Joachim Tarnowski in den Tröpchenregen geraten und zeigt ihre verklebten Haarsträhnen. Auf der Seitenscheibe des Autos sind die durchsichtigen, klebrigen Acrylharz-Tropfen zu erkennen.

Um akute Gefahr abzuwenden, wurde das geräumt, die Anlagen wurden heruntergefahren und auf Kühlung gestellt. Etwa 100 Einsatzkräfte von Zug I und II der Buxtehuder Feuerwehr, THW, Umweltgruppe Süd und Umweltdienst des Landkreises waren im Einsatz. Sie sperrten die Umgebung ab, besprachen mit Mitarbeitern der Firma Synthopol das weitere Vorgehen auf dem Werksgelände. Feuerwehrleute unter Atemschutz überwachten die Temperatur der Anlagen. Mit dem Umweltzug schätze die Einsatzleitung anhand von Karten und Ausbreitungskeule den Ausbreitungsraum ab und richtete drei Messpunkte ein. Spezialisierte Kollegen der Berufsfeuerwehr Hamburg wurden hinzugezogen, die durch weitere Messungen mit einem Infrarotspektrometer eine Luftstoffanalyse in einem Radius von mehreren Kilometern vornahmen. Seit Beginn der Messungen habe keine akute Gesundheitsgefahr bestanden, berichtete Kai Eccarius vom Umweltzug gegen 18 Uhr.

Die Ursache erklärt Hubert Starzonek, einer der Synthopol-Geschäftsführer, so: Durch eine Überreaktion bei der Herstellung von Acrylharz für Industrieklebstoff ist im Reaktionsbehälter in Anlage drei bedenklich hoher Druck entstanden. Die Mitarbeiter, die sich in der Anlage drei aufhielten, bemerkten das und riefen die Feuerwehr. Der Druck im Behälter brachte eine als Sicherung dienende Berstscheibe zum Platzen, so dass die heiße Flüssigkeit über eine Sicherheitsleitung in einen Auffangtank entlastet wurde. Auch der geriet unter so hohen Druck, dass eine weitere Berstscheibe platzte. Ein Teil des Gemischs aus Acrylharz und Lösungsmittel schoss durch ein Entlastungsrohr am Dach heraus. Wie Starzonek berichtet, hat Synthopol nach dem schweren Explosionsunfall im Jahr 2000 das gesamte Sicherheitskonzept verändert. Die Vorkehrung zur Druckentlastung habe plangemäß funktioniert. Unterstützt von der Feuerwehr wurden Gase und Restflüssigkeit aus dem Auffangtank mit Unterdruck abgesaugt, in den Hochofen abgeleitet und verbrannt. Was im Detail schief gelaufen sei, werde die genauere Untersuchung der Prüfprotokolle ergeben.

Joachim Tarnowski auf dem Hof seiner Kfz-Werkstatt. Im Hintergrund ist der große Schornstein von Synthopol zu sehen. Aus einem kleinen Rohr neben diesem Schornstein auf dem Dach sah er eine Fontäne schießen.

Als das Gemisch entwich, stand allerdings etwa 300 Meter entfernt auf dem Gelände der Autowerkstatt Tarnowski eine ganze Familie im klebrigen Regen: Joachim Tarnowski, seine Tochter Rebecca Tautz, deren Mann David und das dreijährige Enkelkind verbrachten den Nachmittag gemeinsam auf dem Hof. „Ich war gerade dabei, ein Lenkrad abzuschrubben, als ich ein ganz, ganz lautes Zischen hörte“, berichtet Rebecca Tarnowski. An einer Stelle, die den Bick auf das Fabrikdach freigibt, beobachtete die Familie, wie aus einem Rohr im Dach eine Fontäne schoss. Kurz darauf seien Flocken auf sie niedergegangen. „es sah aus wie Schnee, teilweise bildeten sich auch Fäden wie Spinnweben“, berichtet Joachim Tarnowski. Sie flüchteten in die Werkstatt und riefen sofort bei Synthopol an. „Der Mitarbeiter am Telefon meinte, dass könne nicht von ihnen kommen und sagte, wir sollten uns am Dienstag nach Pfingsten melden“, sagt Joachim Tarnowski. Alle Fahrzeuge auf dem Hof sind auf Lack und Fensterscheiben mit klebstoffartigen Tropen bedeckt, ebenso die Fensterscheiben am Nachbarhaus. Auch Höfe und Gärten sind voller Acrylharz. „Meine Haare sind völlig verklebt“, klagte Rebecca Tautz. Die Strähnen ständen von alleine vom Kopf ab.

Der Industrieklebstoff härtet durch UW-Auswirkung aus. Wer etwas davon abbekommen hat, soll Körper und Haare normal mit Wasser und Seife oder Shampoo waschen, aber auf keinen Fall Lösungsmittel benutzen. Betroffene, die Schäden zu beklagen haben, können sich ab sofort und auch über Pfingsten telefonisch bei Synthopol (04161 - 70 71 0) melden, versichert Geschäftsführer Hubert Starzonek: „Wir werden alles Weitere ab Dienstag zügig in die Wege leiten.“

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