08.07.2016, 14:47
Udo Rathjens: DFB-Elf fehlt der klassische Stürmer
Leserbrief

STADE. Der Stader DFB-Stützpunkt-Trainer Udo Rathjens stellt der deutschen Nationalmannschaft trotz der Halbfinal-Niederlage ein gutes Zeugnis aus. Als einen Knackpunkt für das EM-Aus macht er jedoch den Ausfall des Mittelstürmer aus.

Udo Rathjens hat den Donnerstagabend mit seiner Frau auf dem Sofa verbracht. Doch was gemütlich klingt, war es keinesfalls. „Ich war total angespannt“, sagt der DFB-Stützpunkt-Trainer aus Stade. 90 Minuten Fußball. Deutschland gegen Frankreich im Halbfinale der Europameisterschaft. Und die Anspannung wurde größer, je näher der Schlusspfiff rückte – und damit die Gewissheit, dass Deutschland durch die 0:2-Niederlage den Einzug ins Endspiel verpasst.

„Ich war vor dem Spiel ganz optimistisch“, sagt Udo Rathjens. Die deutsche Mannschaft habe ein gutes Turnier gespielt, sich nach dem wackeligen Auftritt gegen die Ukraine immer weiter gesteigert und vor fünf Tagen sogar Italien in einem denkwürdigen Elfmeterschießen rausgekegelt. Und: „Frankreich war jetzt nicht die Übermannschaft“, sagt Rathjens, den das Ausscheiden noch am Tag danach beschäftigte.

Die Aufstellung

Los geht die Analyse des ehemaligen Trainers des VfL Stade bei der Aufstellung. Udo Rathjens hatte im Vorfeld der Partie gerätselt: Lässt Löw vorne Thomas Müller oder Mario Götze für den verletzten Mario Gomez spielen? Kommt Leroy Sané auf Außen zu seinem EM-Debüt? Wie defensiv stellt der Bundestrainer die Mannschaft ein?

Zwar bot der Bundestrainer mit Bastian Schweinsteiger („als reine Sechs“) und den beiden „Achtern“ Toni Kroos und Emre Can zwei recht defensive Spieler auf. „Schweinsteiger spielte zeitweise sogar zwischen den Innenverteidigern“, sagt Rathjens.

Aber: Mit Mesut Özil, Thomas Müller und Julian Draxler hatten die Deutschen ein Offensiv-Trio, bei dem Müller den Part als Sturmspitze übernahm. Özil und Draxler, so Rathjens, zogen immer dann nach innen, wenn ihre Hinterleute nachrückten. „Die Aufstellung war in Ordnung“, sagt er. Angesichts der Ausfälle hätte er das gleiche Personal gebracht.

Der Mittelstürmer

Was Rathjens jedoch aufstieß: „Mario Gomez hat im Zentrum gefehlt.“ Die EM habe gezeigt, dass der klassische Mittelstürmer aufgrund der defensiven und ergebnisorientierten Spielweise vieler Mannschaften gefragt war. Im Halbfinale am Donnerstagabend hätte Gomez Bälle festmachen, zweite Bälle verarbeiten und die Innenverteidiger binden können, sagt Rathjens.

Das ist seinem Ersatz, Thomas Müller, nicht gelungen. „Er ist nicht der Stoßstürmer, der Lücken reißt.“ Rathjens hätte sich gewünscht, dass der Bayern-Spieler häufiger das Eins-gegen-Eins gegen die französischen Verteidiger gesucht hätte, um den Ball dann für seine Mitspieler aufzulegen. Doch Müller blieb weiterhin sein erster Turniertreffer verwehrt.

„Er hatte viel Pech bei seinen Aktionen“, sagt Rathjens, „aber das ist so, wenn man sich zu sehr unter Druck setzt.“ Dabei wisse Löw, was er an Müller hat: Er könne Wege machen, und auch mal aus keiner Chance ein Tor, so Rathjens.

Zu Müllers Torflaute passt eine weitere Besonderheit, die Rathjens ausgemacht hat (siehe Abbildung): Deutschland erzielte im Turnierverlauf nur zwei Treffer durch Offensivspieler (Özil und Draxler). Die Franzosen waren gleich zehnmal erfolgreich, allen voran durch Doppeltorschütze Antoine Griezmann, der schon vor dem Endspiel sechs Treffer auf dem Konto hat.

Der Offensivdruck

Das erste Zeichen für ihre offensive Stärke haben die Franzosen laut Rathjens in der siebten Minute gesetzt, als Manuel Neuer einen Schuss von Griezmann parierte. „Wir haben uns vom Druck der Franzosen überraschen lassen.“ Danach aber habe es einen Bruch im Spiel des EM-Gastgebers gegeben. Die Deutschen kombinierten besser, verlagerten ihr Spiel besser auf die Außenpositionen.

Die Probleme: „Kimmichs und Hectors Flanken waren kaum gefährlich“, sagt Rathjens. Und: Vorne fehlte die Durchschlagskraft (siehe Gomez). Auch von Kroos und Özil hätte er sich mehr Drang zum Tor erhofft.

Das Handspiel

Immerhin: Die deutsche Defensive ließ insgesamt wenig zu. Kurz vor der Pause jedoch ging Frankreich durch Griezmanns Strafstoß in Führung. Voraus ging ein umstrittenes Handspiel von Bastian Schweinsteiger. „Ich kann nicht nachvollziehen, warum er seine Hände da oben hatte“, sagt Rathjens. Schweinsteigers Gegenspieler Patrice Evra sei kein Kopfball-Ungeheuer. „Normaler Körperkontakt hätte gereicht.“

Der zweite Gegentreffer

Das zweite Gegentor resultierte aus einer Fehlerkette. Zuerst hätte Höwedes klären müssen, dann Kimmich, dann Mustafi, und schließlich hätte Neuer anders zum Ball gehen müssen, findet Udo Rathjens. „Ein Knackpunkt war sicherlich auch der Ausfall von Boateng.“

Er hätte sich womöglich beim Gegentreffer anders verhalten, hätte aber auch mit seinen Querpässen im Spielaufbau und mit seiner Schnelligkeit viel leisten können. So aber habe eine völlig neu organisierte Hintermannschaft gegen eine starke französische Offensive zusammenfinden müssen.

Zur Person

Udo Rathjens ist seit 2002 DFB-Stützpunkt-Trainer in Stade und seit 28 Jahren Kreislehrwart. Dadurch ist der 61-Jährige für die Aus- und Fortbildung von Trainern im Kreis Stade zuständig. Außerdem trainiert Udo Rathjens die U11-Kreisauswahl.

Seine fußballerischen Anfänge hatte er beim MTV Estorf. Weitere Stationen waren Güldenstern Stade, der VfL Stade und Hedendorf/Neukloster. Mit den Stader Vereinen spielte der Stürmer sogar in der vierthöchsten Liga, der Verbandsliga.

Als Jugendspieler gehörte er zur Niedersachsenauswahl. Das erste Traineramt bekleidete Rathjens in Estorf, bevor er Güldenstern, Mulsum, Lühe, Bremervörde, Ahlerstedt/Ottendorf, Oldendorf und den VfL Stade coachte.

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