26.12.2019, 12:00
Jahresrückblick: Alle Passagiere überleben

Am Pfingstwochenende kollidiert ein historischer Lotsenschoner auf der Elbe vor Stadersand mit einem Containerschiff. TAGEBLATT-Reporter Daniel Beneke ist zufällig live dabei, beobachtet den Unfall und die spektakuläre Rettungsaktion.

Gedanklich befinde ich mich an diesem Sonnabend vor Pfingsten bereits auf dem Heimweg, als das Unglück seinen Lauf nimmt. Am frühen Nachmittag ist ein kleines Segelboot auf der schleswig-holsteinischen Seite der Elbe auf einen Leitdamm aufgelaufen. Einsatzkräfte von freiwilliger Feuerwehr und Deutscher Lebensrettungsgesellschaft (DLRG) eilen dem Havaristen zur Hilfe. Doch die Freiwilligen müssen nicht eingreifen.

Der Skipper ist unverletzt und guter Dinge, bei auflaufendem Wasser wieder frei zu kommen. Die Rettungsboote machen sich wieder auf den Rückweg gen Stadersand. Ihr Einsatz ist beendet. Ich stehe mit dem stellvertretenden Stadtbrandmeister Wilfried Sprekels und dem Stader Ortsbrandmeister Stephan Woitera am Anleger. Wir sehen den historischen Lotsenschoner „Elbe No. 5“, der einen Schlingerkurs fährt, und das Containerschiff „Astrosprinter“, das dem frisch restaurierten Holzschiff immer näher kommt. Im Hauptfahrwasser der Elbe gerät der Lotsenschoner vor das Containerschiff. „Das darf doch nicht wahr sein“, ruft Stephan Woitera.

Der intuitive Griff nach der Kamera

Intuitiv greife ich meine Kamera – und halte drauf. Erst später erkenne ich auf der Vergrößerung der Aufnahmen: Bei der Kollision wird der Lotsenschoner unter Wasser gedrückt. Dass, wie sich erst später herausstellt, niemand über Bord geht, grenzt an ein Wunder. In diesem Moment realisiere ich noch gar nicht, was sich da vor meinen Augen abspielt. Wilfried Sprekels und Stephan Woitera reagieren sofort, delegieren die Rettungsboote in Richtung des Lotsenschoners und fordern weitere Hilfe an.

Plötzlich geht alles ganz schnell. Nach wenigen Augenblicken erreicht das Hilfeleistungslöschboot „Henry Köpcke“ der Stader Feuerwehr den Havaristen. Der Segler hat einen Mastbruch erlitten, Wasser dringt ein. Feuerwehrleute steigen auf den Lotsenschoner, verschaffen sich einen Überblick über die Verletzten. Die Wasserretter der DLRG nehmen das Schiff mit ihren Rettungsbooten an den Haken und schleppen es zum Anleger in Stadersand.

Blick aus der Luft auf die Schwingemündung und den Anleger Stadersand: Der havarierte Lotsenschoner liegt an der Kaimauer. Wann er mit Kran und Ponton geborgen wird, ist unklar. Foto: Elsen

Die Feuerwehr- und Rettungsleitstelle löst derweil Großalarm aus. Beide Züge der Stader Feuerwehr, die Feuerwehr Grünendeich, die Werkfeuerwehr des Chemieunternehmens Dow sowie die DLRG-Ortsgruppen aus Stade, Buxtehude, Horneburg/Altes Land und Wedel rücken mit Booten und Fahrzeugen aus. Elf Rettungswagen vom hauptamtlichen Rettungsdienst und der ehrenamtlichen Rettungsdienstbereitschaft des Deutschen Roten Kreuzes, der Johanniter-Unfallhilfe und der Dow-Werkfeuerwehr eilen zum Anleger Stadersand.

Drei Notärzte aus den Landkreisen Stade und Rotenburg sowie die Besatzung des Rettungshubschraubers Christoph 29, stationiert beim Bundeswehrkrankenhaus in Hamburg, unterstützen sie bei der Betreuung der Verletzten. Vier organisatorische Leiter Rettungsdienst aus dem Team der Rettungsleitstelle und ein leitender Notarzt vom Stader Elbe Klinikum koordinieren die Versorgung der Schiffspassagiere. Die Wasserschutzpolizeistation wird kurzerhand zur Verletztensammelstelle umfunktioniert. Der Rettungshubschrauber überfliegt die Einsatzstelle, um aus der Luft etwaige über Bord gegangene Passagiere aufzuspüren.

Acht Verletzte

Mit den Kleinbooten der DLRG werden die Verletzten von Bord gebracht. 43 Menschen waren auf dem Segler: 28 Gäste und 15 Besatzungsmitglieder. Acht Verletzte müssen ärztlich behandelt werden, darunter zwei schwer verletzte Erwachsene und zwei leicht verletzte Kinder. Ein Schwerverletzter fliegt im Rettungshubschrauber in ein Krankenhaus in Altona, die beiden Kinder kommen in Rettungswagen ins Helios-Klinikum Mariahilf in Hamburg-Harburg. Für die übrigen fünf Verletzten geht es in Rettungswagen ins Stader Elbe Klinikum. Mit mehreren Pumpen versuchen die Einsatzkräfte, das Wasser aus dem Segelschiff zu bekommen.

Mit den Seilwinden der Einsatzfahrzeuge halten sie den Lotenschoner an der Wasseroberfläche. Weil 1200 Liter Treibstoff an Bord sind, rückt der Ölwehrzug der Kreisfeuerwehr an. Die Ehrenamtlichen verlegen vorsorglich Ölsperren rund um den Havaristen. Das Schiff kann nicht mehr gehalten werden, es läuft immer weiter voll. In den kommenden Tagen treten immer wieder Diesel und Öl aus. Feuerwehr, Technisches Hilfswerk und Spezialfirmen verhindern mit Ölsperren und Geotextil-Fleece eine Ausbreitung.

Es hätte auch Tote geben können

Als ich in der Redaktion meine Fotos von der Beinahe-Katastrophe ansehe, wird mir klar: Wären die Einsatzkräfte nicht gewissermaßen zufällig so schnell vor Ort gewesen, wäre der Segler im Hauptfahrwasser der Elbe binnen weniger Minuten untergegangen. „Dann hätte es auch Tote geben können“, sagt der stellvertretende Stadtbrandmeister, Wilfried Sprekels. Das hervorragende Zusammenspiel der Retter der verschiedenen Organisationen, die Ruhe und die Professionalität der Ehrenamtlichen haben mich beeindruckt.

Daran muss ich in den folgenden Tagen immer wieder denken, wenn ich in Stadersand bei dem Havaristen stehe. Beim Schreiben dieser Zeilen läuft mir auch ein halbes Jahr später noch ein eiskalter Schauer den Rücken hinunter. Einem spanischen Bergungsunternehmen gelingt es schließlich, den Lotsenschoner mit Hebekissen wieder aufzurichten, die Leckagen notdürftig abzudichten und das Wrack in eine dänische Werft zu schleppen. Dort lässt die Stiftung Hamburg Maritim als Eigner die „Elbe No. 5“ aufwendig sanieren.

„Hart Backbord“

Derweil beginnt auch die strafrechtliche Aufarbeitung des Unfalls. Auf der Bundeswasserstraße Elbe hat die Berufsschifffahrt stets Vorrang. Nach einigen Tagen taucht im Internet ein Video auf, das die Situation an Bord kurz vor der Havarie zeigt. Offenbar will der 82-jährige Kapitän vor dem Bug des Frachters vorbei. Er bemerkt wohl erst spät, dass es nicht passt. Die Wende misslingt.

Auf dem Video ist der Ausruf „Hart Backbord“ zu hören. Doch das Ruder, die Pinne, wird in die entgegengesetzte Richtung gedrückt. Eine Fehlentscheidung, denn das Fahrwasser links vom Frachter hätte ausreichend Tiefgang und Platz für ein Ausweichmanöver gehabt. Die Ermittlungen der Bundesstelle für Seeunfalluntersuchung sind noch nicht abgeschlossen.

Mein Moment 2019

Blick aus der Luft auf die Schwingemündung und den Anleger Stadersand: Der havarierte Lotsenschoner liegt an der Kaimauer. Wann er mit Kran und Ponton geborgen wird, ist unklar. Foto: Elsen
Wegen eines anderen Einsatzes auf dem Wasser war Blaulichtreporter Daniel Beneke während des Unfalls auf der Elbe am Anleger in Stadersand live dabei.

Alle Artikel zum Jahresrückblick gibt es unter: www.tageblatt.de/specials/jahresrueckblick

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