27.12.2019, 18:00
Jahresrückblick: Das Tierleid im Versuchslabor

MIENENBÜTTEL. Mitte Oktober rütteln die Undercover-Recherchen der Soko Tierschutz über die schrecklichen Tierquälereien im Tierversuchslabor des LPT in Mienenbüttel die Menschen auf und lösen eine unglaubliche Welle des Protests gegen das Horrorlabor aus.

Es gibt Momente, die einem ein Leben lang in Erinnerung bleiben. So wie fast jeder noch heute weiß, was er gerade getan hat, als ihn die Nachricht über die einstürzenden Türme des World Trade Centers erreichte. Für mich war so ein Moment am Sonnabend, 12. Oktober, gegen 19 Uhr. Es wurde für mich der Moment des Jahres 2019 und ein Moment, den ich nie mehr vergessen werde. Ich saß in der Künstlergarderobe im Theater im Hinterhof in Buxtehude, wartete auf die Pianistin Andrea Benecke, mit der ich ein kleines Interview machen wollte, als mir der Blick auf mein Handy schlagartig die Tränen in die Augen trieb: Die Soko Tierschutz hatte gerade auf Facebook ihren ersten Bericht und die entsetzlichen Fotos über die Vorgänge im Labor für Pharmakologie und Toxikologie (LPT) in Mienenbüttel gepostet.

Die schrecklichen Bilder der verblutenden, sterbenden Beagle und der verzweifelt schreienden Affen machten mir schlagartig jede gebotene journalistische Distanz, jede Professionalität, zunichte. Ich konnte mich kaum konzentrieren auf mein Gespräch mit der sympathischen Pianistin, auf ihre herrliche Musik. Rauschende Klangkaskaden, wildromantischer Chopin – irgendwie ging das alles gar nicht mehr in diesem Moment.

Erleichterung nach vielen Jahren

Denn ich wusste: Was die Soko da gerade gepostet hat, wird einen großen Stein ins Rollen bringen, und ich werde mich mit dem Schrecklichen, mit den Bildern, die ich kaum ertragen kann, sehr intensiv beschäftigen müssen. Und doch war da zugleich auch ein ganz kleiner Funken Erleichterung, ein Gefühl, zu wissen, dass nach all den Jahren, in denen nie jemand dem LPT etwas nachweisen konnte, nun endlich etwas passieren wird.

Dass es im LPT nicht tierschutzgerecht zugeht, dass die Tiere dort auch nicht gut behandelt werden, das haben Tierschützer vor Ort wie Lobby pro Tier schon lange vermutet. Doch alle Recherchen und auch entsprechende Berichte früherer Mitarbeiter waren stets abgeprallt am hermetisch abgeriegelten Hochsicherheitstrakt LPT, an der Arroganz des Geschäftsführers Jost Leuschner, der Presseanfragen so gut wie immer ignorierte und selbst Neu Wulmstorfs Bürgermeister Wolf Rosenzweig, auf dessen Bitte um einen Besuch im LPT, mit maßloser Arroganz abfertigte.

Nun also kam die Bestätigung dessen, was viele befürchtet, allerdings in diesem schrecklichen Ausmaß nicht für möglich gehalten hätten. Zwei Tage später konnte ich mit dem Soko-Mitarbeiter „Lukas“, den die Tierschützer undercover als Tierpflegehelfer vier Monate lang ins LPT eingeschleust hatten, ein telefonisches Interview führen.

Auch dieses Gespräch mit „Lukas“ wird mich lange begleiten. Die Schilderungen des Soko-Mannes zu ordnen und niederzuschreiben, der selbst emotional noch spürbar unter dem Eindruck des in den vier Monaten erlebten Schreckens stand, gehört mit zum Schwersten, das ich in meiner journalistischen Laufbahn tun musste.

Große Anteilnahme und Demonstrationen

Doch was in den folgenden Tagen und Wochen geschah, hat mich die immer wieder erforderliche Beschäftigung mit den Bildern und den Schilderungen ertragen lassen. Nach den Enthüllungen der Soko erhob sich eine unglaubliche Protestbewegung in der Bevölkerung. Nicht nur die bekannten Tierschützer und Gruppierungen, sondern Tausende von Menschen in der Region, in Deutschland, in Europa waren erschüttert und wurden aktiv.

Bereits am Sonnabend darauf gab es am Hauptsitz des LPT in Neugraben die größte Tierschutz-Demo, die die Hansestadt je gesehen hatte: Mehr als 7000 Menschen demonstrierten friedlich gegen das Horrorlabor und für die sofortige Schließung der Einrichtung, 1000 Menschen zogen am Abend zur Mahnwache vor das Labor in Mienenbüttel. Von den Medien mit dem Material der Soko konfrontiert, reagieren der Landkreis Harburg und die Landesaufsichtsbehörde Laves und stellen Strafanzeige gegen das Labor. Am Sonnabend, 16. November, folgt die nächste Demo, diesmal in der Hamburger City mit 15 000 Teilnehmern.

An allen drei Standorten des LPT in Mienenbüttel, Neugraben und Wankendorf rufen die Menschen Mahnwachen ins Leben. Die Betroffenheit über die Bilder aus dem Innenleben der Versuchsanstalt ist groß. Rund um die Uhr versammeln sich dort seither engagierte Bürger zu einer Mahnwache, um ein Zeichen zu setzen, für die geschundenen Tiere. Nach und nach kommen nun auch ehemalige Mitarbeiter des LPT aus der Deckung und berichten öffentlich von manipulierten Studien und Vertuschungen bei den Versuchen. Als erster und einziger kündigt der Pharmakonzern Merck an, die Zusammenarbeit mit LPT zu beenden und seine letzten Studien in Mienenbüttel vorzeitig abzubrechen. Spät, aus Sicht der meisten Beobachter viel zu spät, rücken Polizei und Behörden am Montag, 25. November, endlich zur Großrazzia an allen drei Standorten aus, bei der sie das Material, das sie dort noch vorfinden, beschlagnahmen.

Noch immer ermitteln Staatsanwaltschaft und Behörden, doch bei Lobby pro Tier und allen Tierfreunden wächst die Hoffnung, dass die schrecklichen Bilder und Berichte zumindest ein Gutes nach sich ziehen werden: Dass das LPT an all seinen Standorten für immer die Pforten schließen muss und Geschäftsführer Jost Leuschner für alle Zeiten die Betriebserlaubnis entzogen wird.

Mein Moment 2019

Redakteurin Claudia Michaelis schreibt seit mehr als zehn Jahren über das LPT. Die Bilder und Berichte über die Tierquälerei wurden ihr Moment 2019. Ihr schrecklichster. Aber auch ihr hoffnungsvollster.

Alle Artikel zum Jahresrückblick gibt es unter: www.tageblatt.de/specials/jahresrueckblick

Leserbrief
Kommentare



Weitere Topthemen aus der Region:
  • 31.12.2019,
    Jahresrückblick: Drei Schwangerschaften beim BSV
    Mehr
  • 31.12.2019,
    Jahresrückblick: Ein Unglück als Ventil für Hass und Hetze
    Mehr
  • 31.12.2019,
    Jahresrückblick: Die pure Freude auf dem Platz
    Mehr
  • 31.12.2019,
    Jahresrückblick: B 3 neu rasant geplant
    Mehr
  • 30.12.2019,
    Jahresrückblick: Politik dreht Ehrenrunde in Sachen Grundschule
    Mehr
  • 30.12.2019,
    Jahresrückblick: Jubel und Fremdschämen
    Mehr
  • 30.12.2019,
    Jahresrückblick: Plötzlich im Mittelpunkt
    Mehr
  • 29.12.2019,
    Jahresrückblick: Sturm im Wasserglas im Norden
    Mehr
  • 29.12.2019,
    Jahresrückblick: Der große Moment des Harm Wiebusch
    Mehr
  • 29.12.2019,
    Jahresrückblick: Protest gegen Elbvertiefung
    Mehr