31.12.2019, 12:00
Jahresrückblick: Die pure Freude auf dem Platz

Der Drochterser Regionalliga-Fußballer Hassan El-Saleh feiert am 6. Oktober sein Comeback auf dem Platz. Nach fast einem Jahr Leidenszeit, nach einem Kreuzbandriss, einer OP, unzähligen Stunden in der individuellen Reha. Trotz des langen Ausfalls hat ihm sein Verein einen Vertrag gegeben.

Und er strahlt an diesem Sonntag, als er von D/A-Trainer Lars Uder gegen den VfB Oldenburg den Einsatzbefehl erhält. Es läuft die 75. Spielminute. Es steht 4:0 für D/A. Die Kehdinger schießen sich gerade aus einer wochenlangen Ergebniskrise und den VfB Oldenburg mit aller Macht aus dem Stadion. Da ruft Uder den Namen Hassan in den gut 70 Meter entfernten Pulk von sich warmlaufenden Ersatzspielern. El-Saleh lässt sich nicht lange bitten, sprintet vorbei an der Oldenburger Bank und der Haupttribüne zur Coaching-Zone der Drochterser. Die Menschen applaudieren.

El-Salehs Lächeln, seine leuchtenden Augen sind bis in die letzte Reihe deutlich zu erkennen. Eine Leidenszeit geht zu Ende. Fast ein Jahr lang hat der Mann nicht unter Wettkampfbedingungen Fußball gespielt. Lars Uder nimmt Stürmer Alexander Neumann vom Platz, El-Saleh beackert für die Schlussviertelstunde die rechte Seite des Platzes. Fast wie in alten Zeiten. Ein wenig fehlt die Spritzigkeit. Aber die kommt wieder. Der 22-Jährige hat das 6:0 auf dem Fuß. Aber das wäre des Guten zu viel gewesen. D/A gewinnt 5:1. El-Saleh ist wieder da.

El-Saleh hat eine Menge verpasst, seitdem er sich bei einem Training in Assel Ende Oktober 2018 das Kreuzband gerissen hatte. Beim 5:4-Sieg nach dem legendären Elfmeterschießen gegen den Drittligisten Eintracht Braunschweig im Viertelfinale des Landespokals steht er aus sportlichen Gründen nicht auf dem Platz. Beim 2:1-Triumph gegen Zweitligaaufsteiger VfL Osnabrück in der Vorschlussrunde des Wettbewerbs muss El-Saleh wegen seiner schweren Verletzung passen.

0:5 gegen Schalke

Den Finalsieg gegen den SV Meppen, den dritten Drittligisten in Folge, verfolgt er auf der Tribüne. D/A gewinnt zum dritten Mal in vier Jahren den Landespokal und qualifiziert sich für den DFB-Pokal. Die Drochterser dürfen nach Gladbach und Bayern München diesmal gegen Schalke 04 ran. Mit 0:5 hat der Regionalligist das Nachsehen. Aber eine Party feiert der Verein trotzdem.

Seitdem Hassan El-Saleh wieder im Kader steht, hat die SV Drochtersen/Assel acht von zehn Spielen gewonnen und ist mittlerweile ins obere Tabellendrittel geklettert. Und im Winter werden noch mehr Leistungsträger der Kehdinger nach schweren Verletzungen zurückerwartet. Stürmer Jasper Gooßen zählt nach seinem Kreuzbandriss die Tage bis zum nächsten Heimspiel gegen den Heider SV Ende Februar. Der ebenfalls kreuzbandgeschädigte Till Hermandung werde keine lange Anlaufzeit benötigen und sich im Winter mit vollem Einsatz zurückmelden, schätzt Coach Lars Uder. Nur hinter der Rückkehr von Sven Zöpfgen steht nach dem zweiten Kreuzbandriss noch ein Fragezeichen.

Gefühlt erwischte es D/A in puncto Verletzungen in diesem und im vergangenen Jahr heftig. Trainer Lars Uder leidet durchaus mit seinen Schützlingen. Er selbst musste seine aktive Karriere schließlich wegen eines Wadenbeinbruchs beenden. Aber Statistiken der Berufsgenossenschaft stützen seine These, dass das Jahr, was die Ausfälle anging, „normal verlief“.

Top-Leistung nach Feierabend

 

Da liege D/A im Schnitt aller erfassten Mannschaften der ersten bis vierten Liga. „Nahezu jeder Spieler ist zwei Mal pro Jahr raus“, sagt Uder. Das zeige ihm, dass D/A nicht falsch trainiere. Was allerdings renommierten Fachleuten imponiere, sei die Tatsache, dass die Drochterser Fußballer dazu in der Lage seien, nach Feierabend und an den Wochenenden Top-Leistungen abzuliefern. Trotz der Doppelbelastung aus Sport und Beruf.

D/A verpasste seinen schwer verletzten Spielern in diesem Jahr trotz der ungewissen Zukunft neue Verträge für künftige Spielzeiten. In einer Ellenbogengesellschaft ist das eher selten. Sicherlich beteiligt sich die Berufsgenossenschaft finanziell an den Kosten, aber nur zwei Drittel der Spieler mit Kreuzbandrissen setzen laut Statistik ihre Karriere nach der Genesung in alter Stärke fort. Ein Restrisiko bleibt also.

„Wir wollen diese Spieler, weil sie die Qualität und die Mentalität haben, die wir benötigen“, sagt Uder. Und weil sie D/A und dessen Werte verkörperten. Und weil sie so sind wie Hassan El-Saleh. Dieser bescheidene Strahlemann, der so viel Herz und Leidenschaft zeigt, und der sich in dieser 75. Minute gegen den VfB Oldenburg wie ein kleines Kind über sein Comeback freute.

Mein Moment 2019

Daniel Berlin begleitet die SV Drochtersen/Assel seit dem Aufstieg in die Regionalliga. So viele schwer verletzte Spieler wie 2019 hatte D/A gefühlt noch nie. 

Alle Artikel zum Jahresrückblick gibt es unter: www.tageblatt.de/specials/jahresrueckblick

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