31.12.2019, 15:00
Jahresrückblick: Ein Unglück als Ventil für Hass und Hetze

Ein Polizist erschießt bei einem Einsatz in einer Asylbewerberunterkunft in Bützfleth einen 19-Jährigen. „Alles richtig gemacht“, „Einer weniger“, schreiben Menschen auf der Facebook-Seite des TAGEBLATT. Kommentare, die betroffen machen.

Es war ein trauriger Samstag im August: Ein Beamter der Stader Polizei erschießt bei einem Einsatz in einer Asylbewerberunterkunft einen jungen Mann. Die Hintergründe sind unklar. Von einem Angriff mit einer Hantelstange ist die Rede. Hat der 19-Jährige das Leben des Beamten bedroht? Oder hat der Polizist zu schnell die Waffe gezückt? Die Staatsanwaltschaft ermittelt.

Für mich ist es als Journalist, aber auch als Stader Bürger völlig klar, dass ich das Ergebnis abwarte. Im Netz voreilige Schlüsse als Fakt zu verkaufen, käme mir als letztes in den Sinn. Genau das aber machen User auf der Facebook-Seite des TAGEBLATT. Klar ist nur: Ein junger Mann ist gestorben. Ein junger Mann aus Afghanistan. Das ist wichtig, denn daran entzündet sich der Hass bei vielen Kommentierenden.

Ein Großteil der Facebook-User ist sich sofort nach dem Vorfall sicher: Der Polizist hat alles richtig gemacht. Es war Notwehr. „Der Flüchtling“ hätte es wissen müssen. Selbst Schuld, wenn er mit einer Hantel auf einen Polizisten losgeht. Das weiß doch jedes Kind. Wer auch nur sein Mitleid für den 19-Jährigen ausdrückt, sich gar erdreistet, das Handeln des Beamten zu hinterfragen, wird übel angefeindet. „Warst du dabei?“, fragen die Hetzer reflexartig. Nein, das war keiner der Kommentierenden. Aber thematisiert wird das nur bei denen, die die tödlichen Schüsse hinterfragen. Welch eine Doppelmoral.

„Zensur!“ - „Einschränkung der Meinungsfreiheit!“ - „Lügenpresse!“

Offener Rassismus, pietätlose Scherze und Gossensprache: Das gibt es nicht nur auf unserer Facebook-Seite, damit kämpfen die meisten Medienhäuser im Netz. Aber es hat nach dem Fall Bützfleth eine neue Dimension angenommen. Die Kommentare sind teilweise so niveaulos und rassistisch, dass wir mehrere löschen müssen. Das stachelt einige Krakeler erst recht an.

Sie schwingen die ganz schweren Keulen: „Zensur!“ „Einschränkung der Meinungsfreiheit!“ „Lügenpresse!“ Dabei verstehen die wütenden Nutzer nicht, dass es nichts mit Meinungsfreiheit zu tun hat, rassistisches und hasserfülltes Gedankengut rauszuposaunen. Es gibt Grenzen der Meinungsfreiheit – dann, wenn die Würde anderer angegriffen wird.

Hass, Häme und Hetze sind keine Zeugnisse von Mut zur unbequemen Wahrheit. Ein Mensch ist gestorben, es spielt keine Rolle, wo er geboren ist und was er bisher getan hat. Wer eine solche Nachricht mit „gut so“ kommentiert, überschreitet eine Grenze.

Für die Redaktion ist noch am selben Tag klar: So kann es nicht weitergehen. Wir haben unsere Lehren aus dem Fall Bützfleth gezogen. Wir haben offenbar einigen Usern das Gefühl gegeben, bei uns könne menschenunwürdiger Nonsens verbreitet werden. Schluss damit, solche „Fans“ brauchen wir nicht. Wir verbannen sie seitdem konsequent aus unserer Community. Für Rassismus und Hetze gibt es bei uns keinen Platz.

Mein Moment 2019

Alexander Schulz hat sich an schwierige Kommentare im Netz gewöhnt, die drastischen Äußerungen nach dem Vorfall in Bützfleth haben ihn jedoch überrascht.

Alle Artikel zum Jahresrückblick gibt es unter: www.tageblatt.de/specials/jahresrueckblick

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