25.12.2019, 18:00
Jahresrückblick: Eine Zeitreise mit HSV-Legende Seeler

Hamburg-Korrespondent Martin Sonnleitner wollte den Stadtteil Langenhorn vorstellen – und traf sich mit einer Fußball-Legende: Uwe Seeler wohnt dort seit 1959, direkt neben den Trainingsplätzen des HSV. Seeler und Sonnleitner begaben sich auf eine Zeitreise.

Seit April 2018 bringt das TAGEBLATT eine fortlaufende Serie, in der regelmäßig jeweils einer der 104 Hamburger Stadtteile präsentiert wird. Jeweils ein Protagonist, meist ein Prominenter, führt durch sein Viertel. Viel Spannendes war dabei, vor allem sind es auch die kleinen Randnotizen, Anekdoten und Geschichten, die das Reporterherz höherschlagen lassen.

Los ging es im April 2018 mit dem Schauspieler Rolf Becker, der sein St. Georg zeigte. St. Pauli mit dem Theater-Impressario Corny Littmann war dabei, ehemalige oder aktuelle Spitzenpolitiker wie Christa Goetsch oder Metin Hakverdi präsentierten Ottensen beziehungsweise Wilhelmsburg, der Verleger Klaus Schümann erzählte über sein Heimatrevier Blankenese, Michel-Hauptpastor Alexander Röder gab Historisches und Aktuelles über die Neustadt zum Besten, auch berichteten die Barden Michy Reincke über Barmbek-Süd und Werner Pfeifer über Harburg, wo er im Binnenhafen über ein Wohnschiff verfügt.

Was für eine wahnsinnig faszinierende Stadt zwischen Wasser, Wäldern, Freaks und Werbern, Stars und Sternchen, Vergnügung und Pflicht. Doch eines prägt die Stadt: seine Liberalität. Niemand der Protagonisten nahm sich und sein Quartier besonders wichtig. Es waren Teile des Ganzen im Zeichen der Heterogenität und Pluralität.

Authentisch und bodenständig

Ein Sohn der Hansestadt stach hierbei besonders hervor: Uwe Seeler. Ich traf ihn im Mai mit dem Fotografen-Kollegen in der Ulzburger Straße in Langenhorn an der Grenze zu Norderstedt. Hier, gleich neben der Sportanlage des Hamburger SV, des Vereins, bei dem Seeler als Spieler zum Weltstar geworden war und die HSV-Profis lange Zeit trainiert hatten. Seeler war 1959 hergezogen, hatte mit Ehefrau Ilka ein Haus direkt neben den Trainingsplätzen gebaut.

Nun also Mai 2018, 11 Uhr. Seeler, mittlerweile 83 Jahre alt, hatte ins Tunici-Restaurant um die Ecke gebeten. Aufgeregt war ich als privater HSV-Fan (seit 1975) und HSV-Reporter (seit 1996) wenig. So kannte ich Seeler von vorherigen Recherchen und wusste vor allem um seine einzigartig authentische, bodenständige Art. „Ja, bitte“, pflegt er sich immer urhöflich am Telefon zu melden.

Wir erreichten ein wenig zu früh den Ort. Das Restaurant, ein angesagter Kroate, hatte noch geschlossen. Still sagte ich mir: Einem Seeler wird jede Tür offen stehen. Da kam „Uns Uwe“ mit einem Freund auch schon um die Ecke. Freundliches „Hallo“, dann wurde erstmal die Lage gecheckt. Seeler rüttelte einige Türen, da kam auch schon ein Mitarbeiter des Restaurants und öffnete uns die Hinterpforten. Bei Kaffee und Wasser plauderte Seeler dann aus dem Nähkästchen.

Treffen auf Augenhöhe

Eigentlich sollte Seeler zunächst durch den Stadtteil Rothenburgsort führen, wo sein Vater Erwin, ebenfalls ein bekannter Hamburger Fußballer herkam. Doch Sohn Uwe hat zum ehemaligen Hafenarbeiter-Bezirk im Hamburger Osten überhaupt keinen Bezug, wohnte dort nie und wuchs in Eppendorf auf. Dafür steht der Ehrenspielführer der deutschen Fußball-Nationalmannschaft, mit dem HSV 1960 Deutscher Meister und Vize-Weltmeister von 1966, auch heute zu seiner eher schlichten Herkunft. „Ich habe durch den Fußball die Welt kennengelernt. Das hätten mir meine Eltern nie ermöglichen können“, sagte er mir.

Das Highlight des Treffens auf Augenhöhe (was mich als ehemaligen Angreifer der west-hamburgischen Freizeitfußballmannschaft Hottentottenham besonders freute) folgte beim Weg zum anschließenden Foto-Shooting. Wir gingen zum ehemals legendären Platz 2, Seeler war 1947 hier zum ersten Mal als zwölfjähriger Steppke und Toptalent der Rothosen aufgetaucht. Schon 1928 hatte der HSV das morastige Riesengelände gekauft und Rasen gepflanzt. Welch‘ Zeitreise mit Uwe Seeler, als unser beider Blicke über den Platz streiften, wo er einst seine ersten Bälle kickte. Seelers Augen blitzten auf, als wolle er gleich wieder losrennen wie einst.

Dann gab er folgende Anekdote über seinen fünf Jahre älteren, früh verstorbenen Bruder Dieter zum Besten, der ebenfalls beim HSV kickte. Jedem Gegenspieler habe diese robuste Frohnatur angedroht, in die Parade zu grätschen, würde dieser auch nur in die Nähe des kleinen Bruders kommen. Uwe sollte einfach nur machen und Tore schießen, was er tat. Unser Lachen schallte über den altehrwürdigen Fußballplatz.

Mein Moment 2019

Hamburg-Korrespondent Martin Sonnleitner hat mehrere Stadtteile im Rahmen einer Serie auf den Hamburg-Seiten vorgestellt, unter anderem Langenhorn. Alle Artikel zum Jahresrückblick gibt es unter: www.tageblatt.de/specials/jahresrueckblick

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