30.12.2019, 14:00
Jahresrückblick: Jubel und Fremdschämen

Wochenlang war sie in der TV-Sendung „Germany’s Next Topmodel“ zu sehen, bekam viel Lob, aber auch Spott und Häme, gerade in den sozialen Netzwerken: Simone Hartseil aus Stade. Doch ihr Traum ging in Erfüllung: Sie wurde zu „Germany’s Next Topmodel 2019“ gekürt.

Ein Tag vor dem Finale von „Germany’s Next Topmodel“. Vor dem ISS Dome, einer Veranstaltungshalle in Düsseldorf, steht eine Horde Medienvertreter in der für Mai ungewöhnlichen Kälte, und ich mittendrin. Gleich soll es einen Blick hinter die Kulissen der Show geben. Doch erst einmal geht es durch die Sicherheitskontrolle (wie am Flughafen), dann heißt es Warten auf Heidi Klum in einem Gang irgendwo zwischen Hintereingang und dem Innenraum, in dem die Veranstaltung eigentlich stattfindet.

Ein Mitarbeiter von Prosieben wirft als „Pausenfüller“ mit Zahlen um sich, zum Beispiel, dass 90 Tonnen Licht- und Tontechnik verbaut wurden und 6000 Mitarbeiter am Show-Abend im Einsatz sind.

Schließlich taucht Klum auf und führt durch die Halle, in der kurz darauf auch die Tänzer von „Magic Mike“ – eine der Showeinlagen des Finales – zu proben beginnen. „Das sind Tänzer, keine Stripper“, wird uns eingeschärft, wobei nicht zu leugnen ist, dass sich die Herren beim Tanzen ausziehen. Auch eine kurze Pressekonferenz mit den Finalistinnen Simone, Sayana und Cäcilia steht auf dem Programm. Simone hat wieder einmal mit ihrer langwierigen Beinverletzung zu kämpfen, ist aber dennoch guter Dinge. „Ich möchte ins internationale Modelbusiness einsteigen“, sagt sie mit einem strahlenden Lächeln. Das war es aber auch schon wieder mit dem Termin, jetzt heißt es raus aus der Halle und auf die Bilder des offiziellen Fotografen warten, denn selbstständig zu fotografieren war nicht erlaubt.

Tags darauf: das große Finale

Beginn der Live-Show ist um 20.15 Uhr, um 18 Uhr sollen wir Medienvertreter aber schon da sein. Doch erst einmal heißt es wieder: warten vor dem ISS Dome und Sicherheitskontrolle. Drinnen angekommen werden wir zu unseren Plätzen gebracht, die nicht gerade als „arbeitsfreundlich“ bezeichnet werden können. Größere Laptops durften ohnehin nicht mitgebracht werden, und auch für kleinere Geräte gibt es weder Tische noch Steckdosen zum Aufladen. Man bedenke, die Show zieht sich über mehrere Stunden hin.

Freunde und Familie von Simone sind zur Unterstützung angereist, sie tragen passende T-Shirts und haben selbst gebastelte Plakate dabei. Doch die „Fan-Clubs“ der drei Finalistinnen sitzen auf der anderen Seite der Halle und werden abgeschirmt, Gespräche mit ihnen sind nicht möglich. Wir sollen möglichst bis Show-Beginn auf unseren Plätzen sitzen bleiben. Wer auf die Toilette gehen möchte, muss sich erst bei einigen Mitarbeitern durchfragen. Wer nach der Show Interesse an einem Interview mit der Siegerin hat, wird in die Runde gefragt. Ich melde mich, obwohl ich ja noch nicht wissen kann, dass Simone tatsächlich gewinnt – und mit Simone möchte ich ja sprechen. Aber nein, heißt es, wenn die Staderin den zweiten oder dritten Platz erreicht, ist kein Gespräch möglich.

Die Show beginnt

Manches ist ganz nett anzusehen, die Eröffnung zum Beispiel, bei der die Finalistinnen gemeinsam mit Artisten des Cirque du Soleil-Musicals „Paramour“ auftreten. Simone strahlt und es wird deutlich, wie gerne sie tanzt. Anderes bietet dagegen pures Fremdschämen: Über die Hochzeit einer ehemaligen Kandidatin live im Fernsehen können meine Sitznachbarn und ich nur den Kopf schütteln. Auch fragwürdig: Der erste Gang der Finalistinnen über den Laufsteg wird als „Girlpower-Walk“ betitelt. Die Models tragen opulente Kleider mit Aufschriften wie „One Love“, „Gott ist eine Frau“ und „The future is female“. Später – es sind nur noch Simone und Sayana als Finalistinnen übrig – werden die Models von den „Magic Mike“-Tänzern auf den Händen getragen und sollen sich, natürlich möglichst sexy, für die Kamera bewegen. Die Finalistinnen verkommen zu schön präsentierten Objekten. Tschüss „Girlpower“, hallo Doppelmoral. Als Simone schließlich zu „Germany’s Next Topmodel 2019“ gekürt wird, ist der Jubel groß. Ihre Familie und Freunde stürmen freudig die Bühne.

Für das Interview werden wir in einen Raum fast unter der Hallendecke gebracht – und stehen erst einmal im Dunkeln. Das Licht lässt sich nicht anschalten. Der Raum befindet sich hinter der Bühne, wäre das Licht während der Live-Show aus Versehen angeschaltet worden, hätte das blöd ausgesehen im Fernsehen. So die Begründung. Als Simone eintrifft, ist das Problem aber gelöst. Die Zeit zum Fragen reicht bei Weitem nicht für alle Journalisten, ich komme nicht mehr zum Zug. Eine Mitarbeiterin von Prosieben schickt uns zum Abschluss ein paar Treppen hinunter, ohne ein Wort der Verabschiedung werden wir entlassen in diese kalte Düsseldorfer Mai-Nacht. Es ist fast 24 Uhr, gerade noch rechtzeitig erreiche ich die letzte Straßenbahn. Immerhin.

Mein Moment 2019

Um das Finale von „Germany’s Next Topmodel“ zu begleiten, verbrachte Redakteurin Ina Frank zwei spannende, aber auch fragwürdige Tage in Düsseldorf.

Alle Artikel zum Jahresrückblick gibt es unter: www.tageblatt.de/specials/jahresrueckblick

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