27.12.2019, 14:00
Jahresrückblick: Minderjährig – aber mündig

BUXTEHUDE. Schon sehr lange hat es keine Bewegung geschafft, so mobil zu machen wie „Fridays for Future“. Ihre Klimastreiks haben auch im Kreis Stade Tausende auf die Straße gebracht – und viele, die älter sind als sie, zum Nachdenken.

Für eine Lokaljournalistin ist es nichts Ungewöhnliches, Interviewpartner bereits aus anderen Zusammenhängen zu kennen. Aber dass ich sie aus dem Kindergarten oder vom Eltern-Kind-Turnen kenne, traf bisher nur auf die Eltern zu. Die Fridays-for-Future-Bewegung hat das verändert: Ich habe es mit den Kindern zu tun. Besser gesagt: Mit Menschen, die bis vor Kurzem noch Kinder waren. In der Innenstadt sehe ich sie Flyer verteilen. Sie sprechen in Megafone, skandieren Slogans, tragen Transparente. Organisieren Podiumsdiskussionen, präsentieren neueste wissenschaftliche Erkenntnisse zum Klimawandel und stellen in Einwohnerfragestunden politischer Gremien kritische Fragen.

Und sie managen ihre Presse- und Öffentlichkeitsarbeit. Die 16-jährige Marlene Kosin, Sprecherin der Buxtehuder Fridays-for-Future-Gruppe, zeigte sich erstaunt, als ich sie auf ihre Kindergartenzeit ansprach – natürlich erinnerte sie sich nicht an mich. Ich war erstaunt, als ich merkte, wie gut sie vorbereitet war und wie präzise und professionell sie auf meine Fragen antwortete. Das Wortlaut-Interview war praktisch auf Anhieb druckreif.

„Davon könnten sich einige ältere Interviewpartner gerne eine Scheibe abschneiden“, dachte ich und freute mich, dass es um die Bildung unserer Kinder offenbar nicht so schlecht steht, wie einige befürchten, die glauben, diese Klima-Demonstranten seien alle nur aufs Schwänzen aus.

Rechtlich sind es Kinder

Die Arbeit mit mündigen Bürgern, die nicht volljährig sind, hat aber auch Tücken. Wann mir das bewusst wurde, kann ich genau sagen: am Nachmittag des 24. September, bei einer Aktion während der Klimawoche, die auf die große Demo mit geschätzten 2500 Teilnehmern am 20. September folgte. 18 Aktivisten der Fridays-for-Future-Bewegung trugen symbolisch den Planeten Erde in einem Sarg durch Buxtehude und schließlich zu Grabe. Vor der Sparkasse hielten sie und skandierten im Chor: „Brecht die Macht der Banken und Konzerne!“ Den Sarginhalt – Kohle – schütteten sie vor dem Haupteingang aus. Das Geld aus den DEKA-Fonds der Sparkasse werde in Kohle- und Rüstungsindustrie investiert, erklären sie.

Ich war fasziniert und bereits dabei, mit Video und Fotos zu dokumentieren, wie die jungen Aktivisten – die jüngsten waren elf oder zwölf – ihr Demonstrationsrecht wahrnahmen. Dann fiel mir siedeheiß ein, dass hier rechtlich Kinder vor mir standen. Oh ja, allerdings brauchte ich die Einwilligung der Eltern, um sie abzubilden, versicherte der Chefredakteur mir am Handy; nicht bei einer Massendemo, aber hier wäre ja jeder Einzelne leicht identifizierbar.

Schriftliche Genehmigungen der Eltern hatte natürlich keiner dabei, eine der Jüngsten aber immerhin ihren Papa. Der war einverstanden. Nur diese Teilnehmerin abzubilden, fanden die anderen aber nicht in Ordnung: Sie verstünden sich als Kollektiv und wollten sich auch so dargestellt wissen. Und so kam es, dass Sie, liebe Leser, im TAGEBLATT nur die Schuhe der Trauernden am Grab von Mutter Erde zu sehen bekamen.

Jeder Mensch kann etwas bewirken

Greta Thunberg, sagt Marlene Kosin, habe ihr gezeigt, dass sie nicht alleine ist und dass auch ein einziger Mensch viel bewirken kann. Mir haben die Fridays-for-Future-Kinder gezeigt, dass dieser Mensch dafür nicht erwachsen sein muss. Im Gegenteil: Gerade, dass die Motoren dieser Bewegung so jung sind, macht ihre besondere Kraft aus.

„Wir sind hier, wir sind laut, weil ihr uns die Zukunft klaut“, rufen die Schüler bei ihren Streiks. Da kann ich schlecht mitschreien, sagte mein Mann, als meine Töchter vehement forderten, er möge sie auch bei der Klimademo unterstützen.

„Höchstens mit einem Schild um den Hals, auf dem steht: Ich habe ein schlechtes Gewissen“, entgegnete er. Ich musste ja berichten und hatte für diesen Demo-Tag eine gute Ausrede. Ein schlechtes Gewissen haben wir aber beide.

Damit das nicht alles bleibt, was sie bei unserer Generation bewirken, engagieren sich die Fridays-for-Future-Kids auch in der Lokalpolitik. Seit Oktober dieses Jahres haben sie sogar eine Vertreterin mit Rederecht im Ausschuss für Stadtentwicklung, Ortschaftsangelegenheiten und Umweltschutz. Sie heißt Marlene Kosin, und ich kenne sie noch von früher.

Mein Moment 2019

Anping Richter hat durch ihre drei Töchter viele Kontakte geknüpft und erfahren: Die Krabbelgruppe von heute ist vielleicht die Aktivistengruppe von morgen.

Alles Artikel zum Jahresrückblick gibt es unter: www.tageblatt.de/specials/jahresrueckblick

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