29.12.2019, 10:00
Jahresrückblick: Protest gegen Elbvertiefung

Sie geben nicht auf: Die Kritiker der Elbvertiefung haben die Fortsetzung der Zerstörung des Lebensraumes Elbe nicht aufhalten können. Dennoch haben sie sich nicht entmutigen lassen – und beim Start der Baggermaßnahmen mit ihrem Protest ein Zeichen gesetzt.

Es ist heiß, die Sonne brennt, die Elbe ist spiegelglatt. Während Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) auf dem Fahrgastschiff – bei eisgekühlten Getränken – den Startschuss für die rund 800 Millionen Euro teure Elbvertiefung gibt, umkreisen rund 20 Protestschiffe den Hopperbagger „Scheldt River“.

Ich bin dabei. Elbfischer Lothar Buckow hat mich an Bord seiner „Elise“ eingeladen, damit ich hautnah vom Protest der Berufsfischer, Umweltschützer sowie Kommunalpolitiker und Freizeitskipper auf der Elbe berichten kann. Seinen Kampf gegen die Elbvertiefung begleite ich schon seit Jahren. Bewundernswert, wie der einzige Berufsfischer des Alten Landes sich (immer noch) nicht entmutigen lässt.

Die Demonstranten blasen kräftig in ihre Trillerpfeifen. Auf ihren Schiffen haben die Protestler schwarze Fahnen und Banner mit Aufschriften wie „Elbvernichtung. Nein danke!“ gehisst.

Vertiefung der Elbe sei vollkommen unnötig

Auf dem Kutter verfolgt auch Walter Rademacher vom Regionalen Bündnis gegen Elbvertiefung von weitem kopfschüttelnd den offiziellen Akt auf dem Hamburger Ausflugsschiff „Hammonia“. „Die große Politik und die Hafenlobby begehen feierlich, sehend in eine Katastrophe zu laufen“, erklärt Rademacher. Die mindestens 800 Millionen Euro teure neunte Vertiefung der Elbe sei vollkommen unnötig, die großen Schiffe liefen laut der offiziellen Tiefgang-Statistik heute schon den Hamburger Hafen an.

„Lediglich bei vier von 2000 Passagen im Jahr wird der Tiefgang heute ausgenutzt, dafür braucht es keine Vertiefung“, betont Rademacher. Laut Planrechtfertigung müssten heute schon im Hamburger Hafen 16 Millionen Standardcontainer umgeschlagen werden, es seien allerdings lediglich knapp neun. Es gebe Ladungsreserven – mit Reservetiefgängen von 1,50 beziehungsweise 2,50 Metern. Wirtschaftlich sei der Ausbau nicht notwendig.

"Wie die unnötige Verlängerung der Airbus-Startbahn"

Es sei ein Prestigeprojekt – „wie die unnötige Verlängerung der Airbus-Startbahn, für ein Flugzeug, das nie gebaut wurde“. Notwendig sei eine Hafenkooperation. Ihre Sorge: Die (Sturm-) Fluten werden höher auflaufen, die Deichsicherheit trotz der teilweisen Verstärkungen der Deiche und des Vorlandes durch höher auflaufende Fluten und Sog und Schwell weiterhin gefährdet. Diese Meinung teilt auch die Bürgermeisterin der Gemeinde Grünendeich, Inge Massow-Oltermann. Sie sagt: „Es ist unanständig, den Start der Elbvertiefung vor unserer Haustür zu feiern.“

Die Probleme der Obstbauern bei der Beregnung durch das Vorrücken der Brackwasserzone und die zunehmende Verschlickung – eine Folge der vergangenen Elbvertiefung von 1998 – würden sich verschärfen, schon heute müsse beispielsweise der Jachthafen in Neuenschleuse einmal im Jahr ausgebaggert werden. Die Elbe nage am Deichvorland. Die Kritiker fürchten, dass die Kosten aus dem Ruder laufen werden. Die Ausgaben für die Unterhaltung der Fahrrinne würden steigen, 150 Millionen Euro gäben der Bund und Hamburg aktuell im Jahr aus.

39 Millionen Kubikmeter

Im Zuge der Vertiefung und Verbreiterung der Fahrrinne sollen rund 39 Millionen Kubikmeter aus dem Untergrund gebaggert werden – zusätzlich zu den 45 Millionen Kubikmetern aus der Unterhaltungsbaggerung. „Das entspricht einem 40.000 Kilometer langen Wall – zwei Meter hoch, einen Meter breit – um die gesamte Erde“, sagt der Naturschützer und Kapitän Klaus Schroh (Nabu), vor seinem Ruhestand Leiter der Sonderstelle des Bundes zur Bekämpfung von Meeresverschmutzungen.

Die (Aus-)Baggerung werde die Trübung des Wassers verstärken, schon heute seien durch das Stintsterben wertvolle Arten wie Lachseeschwalbe, Schweinswale und Seehunde aus der Elbe verschwunden. „Der Fluss stirbt“, klagt Elbfischer Lothar Buckow. Damit nicht genug. Schroh & Co. kritisieren, dass Bund und Hamburg die Havarie-Gefahr auf der Unterelbe erhöhen. Die Fahrrinnenbreite sei – selbst nach dem Ausbau – immer noch auf die Abmessungen der Containerschiffe der 1960er Jahre ausgelegt.

Die Demo war mein Moment des Jahres: Gut, dass es noch Menschen gibt, die sich für Schöpfung einsetzen – und sich nicht von Hafenlobby und kurzsichtigen Politikern an der Nase herumführen lassen.

Mein Moment 2019

TAGEBLATT-Redakteur Björn Vasel hat Fischer, Umweltschützer und Freizeitskipper bei ihrer Demo gegen die Elbvertiefung begleitet. Ihr Kampf hat ihn beeindruckt.

Alle Artikel zum Jahresrückblick gibt es unter: www.tageblatt.de/specials/jahresrueckblick

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