29.12.2019, 18:00
Jahresrückblick: Sturm im Wasserglas im Norden

„Frischer Wind“ hat sich die neue Fraktion der SPD-Aussteiger in Nordkehdingen genannt. Sturm im Wasserglas wäre vielleicht die passendere Bezeichnung. Jedenfalls sorgten sie für viel Wirbel, bisher ohne großen Effekt.

Seit die CDU in Nordkehdingen die inzwischen gewählte Erika Hatecke als ihre Kandidatin für die Goedecke-Nachfolge präsentiert hatte, drehte sich der SPD-Ortsverein um sich selbst. Wieder einmal. Denn nach der letzten Kommunalwahl 2016 hatte ich häufiger den Verdacht: Der politische Feind der SPD sitzt in der eigenen Partei.

Zurück zur Kandidatur Erika Hateckes. Auch mich hatte ihre Bewerbung um das Samtgemeindebürgermeisteramt auf CDU-Ticket überrascht. Der leichtere Weg wäre sicherlich gewesen, sich nicht an eine Partei zu binden; zumal Erika Hatecke parteilos ist.

Aber sie ist überzeugte Unionswählerin, wie sie im Interview Anfang August bestätigte. Vielleicht ist das auch ein Statement der künftigen Bürgermeisterin: Der einfache Weg ist nicht immer der Beste.

Goedecke war mit allen gut Freund

Noch-Samtgemeindebürgermeister Edgar Goedecke war immer mit allen gut Freund, hatte alle Fraktionen hinter sich. Das hatte ihn nicht vor Enttäuschungen geschützt – vor allem, als es um die von ihm gewollte Einheitsgemeinde in Nordkehdingen ging. Zur Erinnerung: Für das Bürgerbegehren gegen die Einheitsgemeinde hatte sich sein langjähriger Weggefährte, der ehemalige SPD-Landtagsabgeordnete Heinrich von Borstel, Seit’ an Seit’ mit Jürgen Ehlers vor den Karren der SPD spannen lassen, obwohl er sich längst aus der Politik zurückgezogen hatte. Das schmerzte. Der erfolgreiche Bürgerentscheid gegen die Fusion hatte Ehlers – und auch Christian Otten in Balje – bei der Kommunalwahl 2016 erhebliche Wählerstimmen beschert. Und mit diesen der SPD zwei ebenso streitbare wie umstrittene Fraktionsmitglieder.

Juni 2019: Erika Hatecke kandidierte – und die SPD tauchte ab. Zur Kandidatenfrage gab es wochenlang keine Aussage; zumindest offiziell keine. Im Gespräch hieß es schon, man schätze sie, sie sei kompetent und prädestiniert für das Amt. Aber sich dazu durchringen, die Kandidatin der CDU zu unterstützen, das schaffte der SPD-Ortsverein nicht. Aber er präsentierte auch keinen eigenen Kandidaten.

SPD trägt die Kandidatin mit

Der Sommer verstrich, von der SPD war nichts zu hören. Am 24. September tagte der Wahlausschuss und bestätigte die Wischhafenerin als alleinige Kandidatin fürs höchste Amt der Samtgemeinde.

Einen Monat vor der Wahl am 10. November die überraschende Nachricht: Die SPD trägt die Kandidatin mit. Das hohe Ansehen von Erika Hatecke auch bei SPD-Mitgliedern und -Wählern habe die SPD Nordkehdingen bewogen, keinen eigenen Kandidaten ins Rennen um das Bürgermeisteramt zu schicken, sondern deren Kandidatur zu unterstützen, hieß es in der Pressemitteilung des Ortsvereinsvorsitzenden Jonny Röndigs Anfang Oktober.

Damit ging der Sturm im Wasserglas erst richtig los. Gunda Remien aus Balje und Jürgen Ehlers aus Wischhafen traten in der dritten Oktoberwoche zurück. Wenige Tage später folgten Christian Otten und Frank Meyer aus Balje. Als Begründung wärmte Ehlers den vier Jahre alten Streit um die Einheitsgemeinde auf. Ein Thema, das Erika Hatecke – wie alle Verwaltungsmitarbeiter eine Befürworterin der Fusion – nach eigener Aussage für sich von der Agenda gestrichen hatte: „Ohne ein Signal aus der Politik oder aus der Bevölkerung werde ich mich nicht für neue Gespräche starkmachen“, hatte sie im TAGEBLATT-Interview vom 2. August gesagt.

Aussteiger kritisieren Nichteinhaltung von Absprachen

Außerdem kritisierten alle vier Aussteiger, dass sowohl in der Fraktion als auch im Ortsverein Absprachen zur Kandidatin Erika Hatecke nicht eingehalten worden seien. Christian Ottens Hauptargument: Der Ortsvereinsvorstand – also Jonny Röndigs – habe das Votum der Mitglieder nicht berücksichtigt, sondern ins Gegenteil verkehrt. „Die SPD hatte nicht den Mut und nicht die Power für einen eigenen Kandidaten“, so Otten. Es habe zwei potenzielle Kandidaten für das Bürgermeisteramt aus den Reihen der SPD gegeben. Einer davon soll dem Vernehmen nach heute Mitglied beim Frischen Wind sein.

In der Konsequenz forderte Christian Otten die Wähler auf, zur Wahl zu gehen, sie sei demokratische Pflicht. Und er hegte die Hoffnung: „Bei 50 Prozent und mehr Nein-Stimmen gilt ein Einzelkandidat als nicht gewählt.“ Kann er das ernsthaft für möglich gehalten haben? Es kam anders. Erika Hatecke erhielt 95 Prozent der abgegebenen Stimmen und damit eine große Zustimmung bei einer schwachen Wahlbeteiligung.

Eigene Fraktion gebildet

Die vier ehemaligen SPD-Ratsmitglieder zogen es durch und bildeten eigene Fraktionen. Kurios dabei ist unter anderem, dass das einzig verbliebene und langjährig erfahrene SPD-Ratsmitglied in Balje, Detlef von Ahn, nun keinen Sitz mehr im Verwaltungsausschuss hat und an Vorentscheidungen nicht mehr beteiligt ist.

Warum sich die neue Fraktion aus SPD-Aussteigern „Frischer Wind“ nennt, wie das Info-Blatt in Balje, mit dem die SPD vor zwei Jahren Schiffbruch erlitten hatte, bleibt ein Rätsel. Ebenso, warum Christian Otten nach dem ganzen Spektakel zur ersten Samtgemeinderatssitzung nach der Wahl mit einem gigantischen Blumenstrauß für Erika Hatecke erschien.

So ein Pech, dass die künftige Samtgemeindebürgermeisterin erkrankt war und ihn nicht entgegennehmen konnte. Als sie Tage später an ihren Arbeitsplatz zurückkehrte, standen die Blumen erschlafft in der Vase: Wenn das mal keine Prophezeiung ist ...

Mein Moment 2019

Die Posse um vier SPD-Ratsmitglieder, die nach der Kandidatur Erika Hateckes ihre Fraktion verließen, beschäftigte Redakteurin Susanne Helfferich über Wochen.

Alle Artikel zum Jahresrückblick gibt es unter: www.tageblatt.de/specials/jahresrueckblick

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