24.12.2019, 09:00
Jahresrückblick: Take That – die Helden der Jugend im Stadtpark

Die Hamburg-Korrespondentin Nadine Wenzlick hat in diesem Jahr viel erlebt: Konzerte besucht, Prominente interviewt, Start-Ups vorgestellt. Eine Begegnung stach dabei heraus – das Konzert von Take That im Juni im Hamburger Stadtpark.

Was hatte Hamburg 2019 alles zu bieten. Mit Paramour, Tina Turner und Pretty Woman haben gleich drei sehenswerte Musicals Premiere gefeiert, ich habe spannende Ausstellungen besucht und durfte mich im Helmut-Schmidt-Haus umsehen. Hamburger Start-Ups wie Ein Stück Land, Kaiserschlüpfer und EinzigNaht haben mich mit ihren kreativen Geschäftsideen begeistert, ich habe mit Künstlern wie Annett Louisan, Johannes Oerding, Fettes Brot und Deichkind über ihre neuen Alben geplaudert und natürlich tolle Konzerte besucht – zum Beispiel von Art Garfunkel, Cher und Michael Bublé.

Doch bei all den interessanten Begegnungen gab es einen Abend, der für mich besonders herausstach: Das Konzert von Take That im Hamburger Stadtpark am 24. Juni.

Original-Choreographie von 1993

Mein Moment des Jahres ereignet sich gegen 20.30 Uhr. Ein lautes Kreischen, das vermutlich noch bis auf die andere Elbseite zu hören ist, erfüllt das grüne Rund. Zu dem 1993 veröffentlichten Stück „Pray“ setzen Gary Barlow, Mark Owen und Howard Donald zur Original-Choreographie von damals an. Eine Bewegungsabfolge, die jeder Take-That-Fan kennt und die kaum fantasievoller beschrieben werden kann, als Autorin Anja Rützel es in ihrem im Oktober veröffentlichten Buch über Take That getan hat: Auf den „Weihwasser verspritzenden Priester“ folgen „die Luftsäge, der Yoga-Jesus, die Noch-fünf-Bier-bitte-Bestellung, die Taumelmumie, der Meer teilende Moses, der brennende Bettvorleger, die Migräneattacke und der eingerostete Kranich“.

Ich gebe zu: Take That, die mit dieser Tournee ihr 30-jähriges Bestehen feiern, sind die unangefochtenen Helden meiner Jugend. Ich bin also eventuell etwas voreingenommen. Doch wenn sie diese Choreographie von damals tanzen, steckt da in meinen Augen wahnsinnig viel drin. Natürlich schwingt eine Menge Nostalgie mit. Erinnerungen an die eigene Jugend werden wach. Gleichzeitig stellen Barlow, Owen und Donald damit unter Beweis, dass sie sehr wohl über sich selbst lachen können. Vor allem aber ist doch allein die Tatsache, dass sie noch oder vielmehr wieder zusammen tanzen, einfach toll. Denn die Geschichte von Take That hätte sich kein Drehbuchautor besser ausdenken können. Sie handelt von Aufstieg und Fall, von Streit und Versöhnung.

Eine der erfolgreichsten Boygroups aller Zeiten

Mit Songs wie „Babe“, „Everything Changes“ und „Back For Good“ wurden Take That Mitte der Neunziger zu einer der erfolgreichsten Boygroups aller Zeiten. Als Robbie Williams die Band 1995 verließ und Take That ein Jahr später ihre Trennung bekanntgaben, mussten für die verzweifelten Fans Seelsorge-Hotlines eingerichtet werden. Williams ließ in den folgenden Jahren kein gutes Haar an Gary Barlow und machte sich immer wieder öffentlich über ihn lustig. Barlows Soloalbum floppte und er wurde zum Spott der Nation. Er wurde depressiv und tröstete sich mit Essen. Viel Essen.

Als Folge einer TV-Dokumentation kam es 2005 unerwartet zur Wiedervereinigung von Gary Barlow, Mark Owen, Howard Donald und Jason Orange. Ihre Reunion-Tour war innerhalb von 30 Minuten ausverkauft. 2010 kehrte schließlich sogar Robbie Williams für ein Album zurück. Die Versöhnung war perfekt, die alten Wunden schienen geheilt. Und wenngleich Robbie Williams’ Rückkehr nur temporär war und Take That seit dem Ausstieg von Jason Orange 2014 nur noch als Trio unterwegs sind, sind sie heute erfolgreicher denn je: In London spielten sie dieses Jahr gleich acht Abende infolge, ihr Stadion-Konzert aus Cardiff wurde europaweit live im Kino übertragen.

An diesem lauen Sommerabend im Stadtpark können die Fans den drei verbliebenen Mitgliedern ganz nah sein. Da ist auch egal, dass es im Vergleich zu den Shows in Großbritannien, wo eine überdimensionale Kugel die Bühne zierte, für die deutschen Fans nur eine abgespeckte Version gibt. So viel Euphorie und Liebe wie an diesem Abend ist bei Konzerten nur selten zu spüren – das gilt nicht nur für das Publikum, sondern auch für die Band selbst. Von daher hoffe ich, dass Take That noch ganz lange „Pray“-Pirouetten drehen.

Mein Moment 2019

Nadine Wenzlick kümmert sich als Hamburg-Korrespondentin um Kultur- und Stadtgeschichten. 2019 hatte die Hansestadt eine Menge zu bieten.

Alle Artikel zum Jahresrückblick gibt es unter: www.tageblatt.de/specials/jahresrueckblick

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