25.12.2019, 15:00
Jahresrückblick: Überraschung bei der Stader Bürgermeisterwahl

Dass Silvia Nieber (SPD) die Wahl ums Bürgermeisteramt gegen Sönke Hartlef (CDU) deutlich verlor, das war schon eine faustdicke Überraschung. Berührt hat TAGEBLATT-Redakteur Lars Strüning dabei insbesondere, wie enttäuscht Silvia Nieber war – und wie sie damit umging.

Wahlabend am 26. Mai im Königsmarcksaal des Rathauses: SPD-Fraktionsvorsitzender Kai Holm kommt mit einem großen Steuerrad. Das will er Silvia Nieber nach Verkündung des Wahlergebnisses durch den Ersten Stadtrat Dirk Kraska noch am Abend überreichen. Das gibt ein schönes Foto, mögen seine Gedanken gewesen sein: Die Bürgermeisterin bleibt am Ruder … Das Steuer verschwindet in der Ecke des Vorraums, als die ersten Ergebnisse aus den Wahllokalen vermeldet werden. Aus einem Sieg im ersten Wahlgang wird nichts. Im Gegenteil.

Herausforderer Sönke Hartlef, bislang als kaufmännischer Angestellter bei einer Betonfirma in Buxtehude angestellt, geht als Gewinner des ersten Abends hervor mit 44,3 Prozent der abgegebenen Stimmen, Nieber kommt auf 42 Prozent. Eine Stichwahl muss über die Amtsvergabe entscheiden, weil keiner die absolute Mehrheit erhält. Viele haben die Rolle der anderen beiden Kandidaten unterschätzt: Richard-Bodo Klaus von den Piraten kommt auf gut 6 Prozent, Frank Rutkowski von der Satire-Partei „Die Partei“ sogar auf 7,6 Prozent. Das Ergebnis zeigt den Frust in der Wählerschaft über die Etablierten: Fast 14 Prozent nutzen den Wahlzettel als Denkzettel.

Der 16. Juni, der Schicksalstag der Bürgermeisterin. Die Wahlbeteiligung am 26. Mai, als auch zur EU-Wahl aufgerufen worden war, lag bei 56,7 Prozent. Die stürzt ab am Tag der Stichwahl – und mit ihr die Bürgermeisterin. Nur noch 39 Prozent der Wahlberechtigten geben ihre Stimme ab. Sönke Hartlef kommt auf 55,35 Prozent der Stimmen, Silvia Nieber auf 44,65 Prozent. 2011 bei ihrer ersten Wahl errang sie fast 60 Prozent. Sie ringt um Fassung, später fließen die Tränen, während sich der frischgewählte Rathauschef von seinen Unterstützern feiern lässt.

Unerwartete Niederlage für Silvia Nieber

Demokratie kann hart sein. Nieber ist noch drei Monate bis Mitte September im Amt. Eine Tortur. Sie trägt es mit Fassung, gibt sich professionell, macht ihren Job, ist in der Verwaltung und auf öffentlichen Terminen präsent. Das nötigt Respekt ab. Manchmal drängt sich der Eindruck auf, als ob sie selbst noch nicht glauben kann, dass es damit bald vorbei ist. Für die Bürgermeisterin auf Zeit muss es sich wie ein schlechter Film angefühlt haben. Die unerwartete Niederlage und die Kraftanstrengung des Durchhaltens zeichnen sie. Wer sie besser kennt, ahnt wie sie leidet.

Der aktuelle Amtsinhaber lobt ausdrücklich die Machtübernahme im Rathaus. Er ist jetzt sieben Jahre Chef der Verwaltung und Stades oberster Repräsentant. Nieber sei fair und kollegial gewesen, habe ihm sehr geholfen. Auch das spricht für sie. Warum sie bei den Stadern nicht so gut ankam, darüber rätseln Insider und Beobachter noch heute. War es der negative Genosse Trend mit der Talfahrt der SPD, die schwache Wahlbeteiligung, war es die generelle Kritik an der Obrigkeit, ihre manchmal etwas aufgeregte Art oder das teilweise unglückliche Agieren bei der Straßenausbau-Beitragssatzung? Vielleicht eine Mischung aus allem.

Die Frage wird wohl nie beantwortet werden können. Vielleicht lag es auch an der ruhig-freundlichen Art des Herausforderers, der sich bewusst als Stader darstellte. Hartlef hatte Bürgernähe und Ehrenamt in den Mittelpunkt seiner Wahlwerbung gestellt, Nieber wollte mit Kompetenz und Erfahrung punkten. Die Niederlage Niebers war auch ein Erfolg Hartlefs. Das darf nicht vergessen werden. Pikant: Hartlef war bisher der ehrenamtliche Stellvertreter der hauptamtlichen Bürgermeisterin. Lange Zeit arbeiteten sie harmonisch zusammen.

Mein Moment 2019

Seit vier Jahren verfolgt Lars Strüning die Stader Politik intensiv. Wahlkampf und Wahl zum Bürgermeister hielten ihn wochenlang in Atem – mit unerwartetem Ausgang. Alle Artikel zum Jahresrückblick gibt es unter: www.tageblatt.de/specials/jahresrueckblick

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