Dienstag, 08.06.2021, 08:48 Uhr

Deutsche sparen sich arm

Foto: Christin Klose/dpa

LANDKREIS. Die Deutschen legen gegenwärtig so viel Geld zur Seite wie nie zuvor. Was sich nach einer erfreulichen Nachricht anhört, birgt für Sparer jedoch ein Risiko. Nämlich dann, wenn der größte Teil des Ersparten auf dem Girokonto bleibt.

Von Corinna und Clara Röttker

Dem Statistischen Bundesamt zufolge schnellte die Sparquote der privaten Haushalte im ersten Quartal auf den Rekordwert von 23,2 Prozent. Zum Vergleich: In den vergangenen zwei Jahrzehnten lag die Quote – also der gesparte Anteil am verfügbaren Einkommen – durchschnittlich zwischen neun und elf Prozent. Der Grund für den rasanten Anstieg waren die fehlenden Konsummöglichkeiten: Wegen der Pandemie blieben Restaurants und Geschäfte geschlossen, Urlaubsreisen entfielen. Was sich nach einer erfreulichen Nachricht anhört, birgt für Sparer jedoch ein Risiko. Nämlich dann, wenn der größte Teil des Ersparten auf dem Girokonto bleibt.

Zuletzt lagen dort 2,6 Billionen Euro. Einer Studie von Finanzprofessor Oscar Stolper von der Universität Marburg im Auftrag der Fondsgesellschaft Union Investment zufolge hat sich der Anteil des Geldvermögens, der auf Girokonten schlummert, seit dem Jahr 2000 fast verdreifacht – von 10 auf 28 Prozent. „Statt einer Portfolioumschichtung in risiko- und renditeorientierte Anlagen haben die deutschen Sparer paradoxerweise das Giro- und Tagesgeldkonto für sich entdeckt“, sagt Stolper. Paradox deswegen, weil mit dem Geld auf dem Girokonto keine Gewinne zu machen sind. Seit 2010, so die Studie, haben die Deutschen durch ihr Sparverhalten insgesamt 130Milliar[1]den Euro an Vermögen verloren. Woran liegt das?

Keine Zinsen, kein Vermögenszuwachs

Mit ein Grund dafür ist, dass die wenigsten Banken auf Sparkonten überhaupt noch Zinsen zahlen. Das Vermögen wächst also nicht mehr durch Zinsen, sondern weil die Deutschen so viel zurücklegen. Der Studie von Oscar Stolper zufolge resultierte der Kapitalzuwachs 2019 bei den Tagesgeld- und Kontensparern zu 98 Prozent aus dem Weglegen des Gelds selbst.

Die Inflation

Während der Reichtum der Deutschen nominal steigt, verlieren die Sparer real an Vermögen. Der Grund ist die Inflation: Die Preise steigen allmählich, die Menschen können sich für ihr Geld weniger leisten. Kurzum: Die Kaufkraft des Geldes verringert sich. Die Inflation allein wäre dabei für Sparer grundsätzlich kein Problem, wenn es auf Bankkonten noch nennenswerte Zinsen gäbe. Sind die Guthabenzinsen höher als die Inflationsrate, würde das Vermögen trotzdem wachsen. Das ist gegenwärtig allerdings nicht der Fall.

Sparer zahlen Negativzinsen und Verwahrentgelte: Immer mehr Banken und Sparkassen reichen die Verwahrentgelte, die sie selbst auf Einlagen bei der Europäischen Zentralbank zahlen, an ihre Privatkunden weiter. Diese Verwahrentgelte sind nichts anderes als Negativzinsen. Das Verbraucherportal biallo.de zählt gut 410 Banken, die Negativzinsen auf private Guthaben berechnen.

Vermögensaufbau durch breit gestreute Geldanlage

„Besonders die ältere Sparergeneration muss realisieren, dass es kein Zurück mehr in die Zeit gibt, in der mit risikolosen Zinsprodukten vernünftige Erträge erwirtschaftet werden konnten“, sagt Stolper. „Anstelle einer falschen Genügsamkeit muss deshalb das Verständnis treten, dass Finanzvermögen mehr zu leisten vermag, als nominal exakt um das Ersparte anzuwachsen.“ Heißt: Wer Vermögen aufbauen will, muss anders sparen. Bei der Geldanlage empfiehlt sich dabei immer eine breite Streuung über unterschiedliche Produktklassen und Laufzeiten.

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