Arbeiten in Hamburg: Berufliche Perspektiven am Tor zur Welt

HAMBURG. Mehr als 20.000 Menschen pendeln aus dem Landkreis Stade nach Hamburg zur Arbeit. Warum eigentlich? Das TAGEBLATT hat den Hamburger Arbeitsmarkt unter die Lupe genommen – und gratuliert zu einem Rekord.

In diesem Artikel:

Hanseatisch, international, innovativ: Hamburg ist eine der größten Metropolen Deutschlands und bildet mit ihrem unmittelbaren Umfeld das wirtschaftliche Zentrum Norddeutschlands. Rund 160.000 Unternehmen haben in der Hansestadt ihren Sitz – hervorragende Perspektiven für Arbeitssuchende. Eine besondere Bedeutung kommt dem Hamburger Hafen zu. Der zweitgrößte Seehafen Europas ist eine wichtige Drehscheibe des globalen Handels und beschert der Stadt jede Menge Jobs.

Im Mai hat das Bundesverkehrsministerium eine Studie vorgelegt, die erstmals die gesamtwirtschaftliche Bedeutung der deutschen See- und Binnenhäfen für die deutsche Wirtschaft aufzeigt. Zu den 176.000 Arbeitsplätzen in den Häfen kämen demnach weitere 1,35 Millionen Jobs in der hafenabhängigen Industrie. Die aktuelle Studie belegt damit Zahlen, die die Hamburg Port Autority (HPA) bereits 2014 vorgelegt hat: Demnach sichert der Hamburer Hafen bundesweit 261.000 Jobs. In der Metropolregion Hamburg sind rund 150.000 Arbeitsplätze vom Hamburger Hafen abhängig.

Der Hamburger Hafen ist der zweitgrößte Seehafen Europas und beschert der Hansestadt jede Menge Jobs. Foto: Daniel Reinhardt/dpa

Die logistisch günstige Lage, die Vielzahl an Hochschulen und anderen Ausbildungsstätten sowie eine starke Gründerszene sorgen in Hamburg für einen Arbeitsmarkt mit rosigen Aussichten. Gerade junge Leute zieht es in die Großstadt. Ihnen folgen die Unternehmen, die wiederum junge und gut ausgebildete Arbeitskräfte brauchen. Kein Wunder, dass Hamburg mit einer Vielzahl spannender Arbeitsplätze aufwartet.

Über eine Million sozialversicherungspflichtig Beschäftige

Im August 2019 verzeichnete der Hamburger Arbeitsmarkt einen Rekord bei der sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung. „Wir haben die Million geknackt“, freut sich Knut Böhrnsen, Sprecher der Hamburger Agentur für Arbeit. Die aktuelle Auswertung weist demnach 1.007.300 sozialversicherungspflichtig beschäftigte Frauen und Männer aus. Das sind 2,3 Prozent (22.000) mehr als im August 2018. Im Laufe der vergangenen Jahrzehnte stieg die Gesamtbeschäftigung in Hamburg in fast allen Wirtschaftsbereichen kontinuierlich an.

„Unsere Zuwachsraten bei der Beschäftigung liegen im Vergleich regelmäßig über den Werten des bundesdeutschen Durchschnitts“, sagt Böhrnsen. „Bei Banken und Versicherungen sind aktuell allerdings weniger Mitarbeiter tätig als in den Vorjahren.“ Die Metropole stehe stark im Fokus von Unternehmen, die mit ihren Niederlassungen wiederum neue Arbeitsplätze schaffen. Neben vielen regionalen Firmen siedeln sich hier zunehmend internationale Großkonzerne an. Prominente Beispiele sind Google und Facebook.

Bedarf an qualifizierten Fachkräften ist hoch

15.137 freie Stellen listet die Hamburger Agentur für Arbeit (www.arbeitsagentur.de). Eine hohe Nachfrage besteht insbesondere in den Wirtschaftsbereichen Industrie, Produktion, Logistik, Dienstleistungen, Handel sowie Gesundheits- und Sozialwesen. Allerdings: Gesucht werden zu 90 Prozent Fach- und Führungskräfte. Der Fachkräftebedarf der Hamburger Unternehmen ist seit Jahren anhaltend hoch – Tendenz steigend Während im Jahr 2019 58.000 Fachkräfte in Hamburg fehlen, könnten es im Jahr 2030 bereits 77.000 sein (vgl. www.fkm-hamburg.de). Für Menschen ohne abgeschlossene Berufsausbildung ist es deshalb besonders schwierig, einen Arbeitsplatz zu finden. Von den 64.377 Arbeitslosen in der Stadt haben 36.602, knapp 57 Prozent, keine Berufsausbildung. „Berufliche Ausbildung oder Studium sind der Schlüssel zum Erfolg bei der Jobsuche“, sagt Böhrnsen.

Bei diesem Job ist Schwindelfreiheit gefragt: Fensterputzer arbeiten an der Fassade der Elbphilharmonie. Drei Mal im Jahr wird die Glasfassade in einer spektakulären Aktion von Industriekletterern gereinigt. Foto: Axel Heimken/dpa

Chancen für Jung und Alt

Ebenso vielfältig wie der Arbeitsmarkt sind auch die Ausbildungsmöglichkeiten in Hamburg. In diesem Jahr gab es allein 14.000 freie betriebliche Ausbildungsstellen. Knut Böhrnsen: „Hamburger Unternehmen wollen und müssen ausbilden. Sie bieten mehr als 300 unterschiedliche betriebliche Ausbildungsberufe an.“ Über kurz oder lang kämen die Unternehmen in die Situation, dass sich die geburtenstarken Jahrgänge in die Rente verabschiedeten. Ein „ordentlicher Aderlass“ stehe bevor. Entsprechend müssten die Betriebe für Nachwuchs sorgen. Diese Situation biete zugleich gute Chancen für Arbeitnehmer jenseits der 50. „Motivierte Mitarbeiter mit fachlichem Know-how sind in Hamburger Unternehmen gern gesehen“, weiß Böhrnsen.

Voll im Trend: Hamburg-Pendler

Mehr als 350.000 Menschen fahren täglich aus dem Hamburger Umland zum Arbeiten in die Hansestadt. Strecken von mehr als 50 Kilometern zur Arbeitsstelle sind Normalität. Aus dem Landkreis Stade pendelten im vergangenen Jahr täglich 20.600 Menschen nach Hamburg zur Arbeit. 816 junge Menschen aus Stade absolvierten ihre Berufsausbildung in Hamburger Betrieben. So kommen beispielsweise mehr als die Hälfte der Azubis der Handelskammer Hamburg nicht aus Hamburg, sondern aus der Metropolregion. Der öffentliche Personennahverkehr biete den Auszubildenden nach Auskunft einer Sprecherin der Handleskammer gute Möglichkeiten zu pendeln. Aktuell arbeitet die Kammer daran, ein günstiges HVV-Ticket für Azubis nach dem Vorbild der Studententickets umzusetzen.

Symbolbild. Foto: Daniel Bockwoldt/dpa

Gute Verdienstmöglichkeiten

Arbeitnehmer in Hamburg verdienen gut. Das durchschnittliche Monatseinkommen liegt nach Daten der Bundesagentur für Arbeit in der Hansestadt bei 3718 Euro brutto. Beschäftigte in Niedersachsen verdienen mit 3175 Euro brutto rund 500 Euro weniger. Zwischen den einzelnen Branchen gibt es aber auch in Hamburg große Unterschiede. Wer in der Luftfahrt- und Finanzbranche tätig ist, verdient am besten. Die niedrigsten Gehälter zahlen Hotels, Gaststätten und Callcenter.

Im Jahr 2017 betrug das verfügbare Einkommen der Hamburger pro Kopf 24.404 Euro. Im Landkreis Stade lag das statistische Durchschnittseinkommen bei 22.944 Euro. Der Landkreis Harburg rangierte mit 25.670 Euro sogar vor dem großen Nachbarn Hamburg. Das verfügbare Einkommen berechnet sich nach dem Wohnortprinzip. Das Einkommen, das Pendler an ihren Arbeitsorten erzielen, wird an ihren Wohnorten berücksichtigt. Die hohen Einkommenswerte in Harburg sind zum Teil durch die Pendlerbewegung in die benachbarte Hansestadt Hamburg erklärbar, wo das Einkommensniveau höher ist.

Ausgezeichnete Arbeitgeber

Wie heißt es so schön? Geld allein macht nicht glücklich. Hamburger Unternehmen punkten in der Gunst der Arbeitnehmer nicht nur mit guten Verdienstmöglichkeiten. Seit sieben Jahren würdigt das Forschungs- und Beratungsinstitut Great Place to Work jährlich 100 Unternehmen für besonders gute Arbeitsbedingungen. 680 Unternehmen aus unterschiedlichen Branchen haben in diesem Jahr am Wettbewerb teilgenommen. Mehr als 200.000 Mitarbeiter befragte das Institut anonym zu ihrem Arbeitsplatz: unter anderem zur Qualität der Führung, erlebter Wertschätzung, Teamgeist, Weiterbildungsangeboten, Work-Life-Balance und zur betrieblichen Gesundheitsförderung. Darüber hinaus nahmen die Verantwortlichen in den Betrieben an einem Kultur-Audit teil. Unter den 100 besten Arbeitgebern Deutschlands befinden sich mit Adex Partner, Fortis IT-Services, Hanseatic Bank, Sitegeist media solutions und der Techniker Krankenkasse gleich fünf Hamburger Unternehmen.

Work-Life-Balance steht hoch im Kurs

Junge und hochqualifizierte Arbeitskräfte legen Wert auf ein Arbeitsumfeld, in dem sie sich wohlfühlen. Das gesunde Gleichgewicht zwischen Arbeit und Leben, die sogenannte Work-Life-Balance, spielt eine große Rolle. Das US-Unternehmen Kisi hat in einer Studie 40 Städte auf der ganzen Welt unter die Lupe genommen und ermittelt, wo es sich am besten arbeitet und lebt. Kriterien wie Wochenarbeitszeit, Urlaubstage, Dauer bezahlter Elternzeit, Dauer der Arbeitswege, Geschlechtergerechtigkeit, Gesundheitsfürsorge, Freizeitangebote und allgemeine Zufriedenheit in den Städten wurden miteinander verglichen. Hamburg hat 93,6 von 100 möglichen Punkten erreicht und belegt Platz vier hinter Helsinki, München und Oslo.

Besonders gut schnitt die Hansestadt bei den Urlaubstagen und der Dauer von bezahlter Elternzeit ab. Hamburger Arbeitnehmer nehmen im Durchschnitt 29,6 Tage Urlaub im Jahr. Auch die Jobplattform Glassdoor hat sich dem Thema Work-Life-Balance angenommen und aus Mitarbeiterbewertungen ein Ranking der 20 Unternehmen mit der besten Work-Life-Balance in Deutschland erstellt. Sieger ist das Deutsche Luft- und Raumfahrtzentrum, das in Hamburg mit einigen Instituten vertreten ist. Platz zwei belegt das Hamburger Versandunternehmen Otto. Mit dem Flugzeugbauer Airbus auf Rang elf landete ein weiteres Hamburger Unternehmen in den Top 20.

Vereinbarkeit von Familie und Beruf

Arbeitgeber, die Fachkräfte langfristig an sich binden wollen, setzen auf familienfreundliche Maßnahmen. Foto: pixabay.de

„Der Wettbewerb um qualifizierte Fachkräfte wird zu einer immer größeren Herausforderung“, sagt André Mücke, Vizepräses der Handelskammer Hamburg. Mit einer familienfreundlichen Personalpolitik können Unternehmen ihre Angestellten langfristig an sich binden. Die „Hamburger Allianz für Familien“ ist eine gemeinsame Initiative des Senats, der Handelskammer und der Handwerkskammer. Sie verleiht seit 2007 das Hamburger Familiensiegel, um das sich kleine und mittlere Unternehmen, die familienbewusste Maßnahmen getroffen haben, bewerben können. „Familienfreundlichkeit ist ein wichtiger Standortfaktor für eine wachsende Stadt“, betont Mücke.

Zu den Maßnahmen im Sinne der Familienfreundlichkeit gehören Teilzeitangebote, flexible Lösungen in Notsituationen, wenn das Kind krank wird oder ein plötzlicher Pflegefall eintritt, Heim- und Telearbeitsmöglichkeiten ebenso wie die Themen Urlaubsplanung, Unterstützung beim beruflichen Wiedereinstieg oder das Bewusstsein der Führungskräfte für das Thema „Vereinbarkeit von Beruf und Familie“. Aktuell tragen in Hamburg 434 Unternehmen mit insgesamt mehr als 35.000 Beschäftigten das Familiensiegel (www.hamburg.de/familiensiegel/). „Ich freue mich sehr, dass auch in diesem Jahr engagierte Unternehmen mit dem Familiensiegel ausgezeichnet werden und damit ein Zeichen setzen“, sagt André Mücke.

Darüber hinaus gibt es in Hamburg eine Anlaufstelle, an die sich Eltern mit allen Fragen rund um die Vereinbarkeit von Beruf und Famile wenden können. Das Projekt Worklife der Koordinierungsstelle Weiterbildung und Beschäftigung e. V. unterstützt kostenfrei (werdende) Mütter und Väter und Berufsrückkehrer nach der Familienphase. Die Mitarbeiter beraten individuell zu den Themen Elternzeit, Kinderbetreuung, beruflicher Wiedereinstieg, Bewerbung und Stellensuche. Darüber hinaus bietet Worklife begleitende Veranstaltungen und Workshops.

Jede Menge attraktive Jobs, gute Verdienstmöglichkeiten, familienfreundliche Arbeitgeber und ein gesundes Gleichgewicht zwischen Arbeit und Freizeit: Es gibt genug Gründe, sich um einen Job in Hamburg zu bemühen – auch abseits der Schiff- und Luftfahrtbranche.

Jobs in Hamburg finden unter jobs.tageblatt.de

Unsere Experten

André Mücke (links), Vizepräses der Handelskammer Hamburg und Knut Böhrnsen, Sprecher der Hamburger Agentur für Arbeit

 

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