Wenn Sport die Gesundheit gefährdet

STADE. Der Niedersachsenraum der Klinik Dr. Hancken in Stade ist gut gefüllt. Sportler, Trainer, Betreuer und Physiotherapeuten sind da. Experten referieren über Leistungsdiagnostik, Knieprobleme - und: geben Tipps zur Verletzungsprävention.

In diesem Artikel: 

Der Stader Kardiologe und Sportmediziner Dr. Stephan Brune erklärt die Diagnostik aller wichtigen Organe – Herz, Lunge, Blut und Muskulatur. Er spricht über Störungen, die durch zu viel Training entstehen und wie Krankheiten therapiert werden können. Das Training könne durch die Leistungsdiagnostik gesteuert, mit den Werten abgestimmt und so optimiert werden.

Tipps von Dr. Stephan Brune, Kardiologe und Sportmediziner

Je ambitionierter der Sportler ist und trainiert, desto häufiger sollte er sich durchchecken lassen. Bundesligaprofis werden alle drei Monate untersucht, ambitionierte Amateure wie die D/A-Fußballer oder die Stader Basketballer einmal im Jahr. Im Vordergrund steht die Bestimmung der Herzfrequenzschwellen für den Ruhepuls, den Trainingspuls, den Maximalpuls und den Regenerationspuls. Danach sollten Sportler und Trainer das Training abstimmen. Brune: „Es ergibt keinen Sinn, immer mit Maximalpuls zu trainieren. Das macht die Muskulatur nur müde und anfällig und bringt keine Leistungssteigerung im Ausdauerbereich.“

Die Werte für den Puls ändern sich mit dem Leistungszuwachs. Alarmzeichen für Ausdauersportler: Wenn die Herzfrequenz morgens im Bett in der Regel bei 58 liegt und plötzlich mehrfach bei 67, könnte das ein Hinweis auf ein Problem sein, ein Infekt oder zu viel Training.

Auch ein bei einigen Trainern beliebtes hochfrequentes Straftraining unmittelbar nach einem schwachen Spiel gibt dem schon erschöpften Körper den Rest. Fußballer beispielsweise sollten sich während der sogenannten englischen Wochen zwischen den Spielen auf Taktisches und Regeneration beschränken.

Tipps von Dr. Jörg Franke, Chefarzt für Unfallchirurgie und Orthopädie, Stader Elbe Klinikum

Der Chefarzt für Unfallchirurgie und Orthopädie am Stader Elbe Klinikum, Dr. Jörg Franke, spricht über die Vorsorge von Verletzungen des Bewegungsapparates im täglichen Training, in der Wettkampfvorbereitung und im Wettkampf.

Immer früher bilden Sportler spezifische Qualitäten aus. Das führe zu einer deutlichen Häufung von Verletzungen und Überlastungsschäden. Franke plädiert für das Training der Basis-Athletik. Spezifische Fähigkeiten seien für den Erfolg nicht mehr ausreichend. Selbst Golfer sind heute komplett austrainiert, damit sie am 18. Loch und nach mehreren Stunden Spiel nicht müde werden. Stabilität, Kraft, Koordination, Beweglichkeit gehören in jede Trainingseinheit. Wichtig sei das neuromuskuläre Training. Sensoren in den Bändern geben permanent Signale an die Muskulatur und an das Rückenmark.

Wenn das Sprunggelenk dabei ist, umzuknicken, oder das Knie sich verdreht, kann die gut trainierte Muskulatur das Gelenk stabilisieren und Verletzungen vermeiden. Die sogenannten Propriozeptoren können trainiert werden. Auf professionelle Weise auf einem Pezziball oder barfuß im Sand. „Manchmal hilft auch das Spazierengehen auf dem Pflaster in der Stader Altstadt oder das Skifahren mit verbundenen Augen“, sagt Franke.

Dr. Frank Händschke, Dr. Jörg Franke und Dr. Stephan Brune referierten beim vom Thomas Gloth organisierten Seminar für Sportmedizin. Gastgeber war Dr. Christoph Hancken (von links).

Tipps von Dr. Frank Händschke, Orthopäde

Der Orthopäde Dr. Frank Händschke referiert über die allgemeinen Knieprobleme, die chronischen und die gelegentlichen. Seine Kernaussage: „Der Schmerz im vorderen Knie wird meistens falsch interpretiert.“

Gerade bei jungen Sportlern können Schmerzen im Knie durch zu hohe Belastungen entstehen, durch ein zu intensives oder ein zu abrupt gesteigertes Training. Deshalb seien vor jedem Training eine sinnvolle Erwärmung und ein sinnvolles Dehnungsprogramm wichtig. „Also nicht nur zwei bis vier Minuten auf der Stelle laufen“, sagt Händschke. Konkret heißt das: Nicht nur die hintere Beinmuskulatur dehnen, auch die vordere. Zudem sollte das Sprunggelenk beweglich sein. Auch den Sehnen und Bändern müsse der Sportler für eine gewisse Anpassungsphase Regenerationspausen geben. Kompensationspausen zwischen den verschiedenen Trainingsreizen sollten zwischen 24 und 48 Stunden dauern.

Händschke weist darauf hin, dass der hintere Muskel des Unterschenkels für Schmerzen im Knie verantwortlich sein kann, verursacht durch einen Knick-Senkfuß. Weiche Schuhe ohne vernünftige Führung, die das Barfußlaufen imitieren sollen, forcieren das sogar. Ein Freizeitläufer sollte darauf verzichten. Auch das Schuhwerk sollte an die Belastung und den Sportstatus des Läufers angepasst sein. „Barfußlaufen als Training ist richtig guten Läufern vorbehalten“, sagt Händschke. Es sei ergonomischer, man könne damit besser laufen. Es setze aber voraus, dass die Leistungsfähigkeit überhaupt da ist. „Das ist sie bei einem Normalsterblichen nicht“, sagt Händschke. Ein Problem könne sein, dass viele Menschen diese weichen Schuhe auch im Alltag tragen. Das sei kontraproduktiv.

Laut Händschke könne auch eine schlecht ausgebildete Gesäßmuskulatur Auslöser für Beschwerden in den Kniegelenken sein. Dieser tiefe Gesäßmuskel wird beim normalen Lauftraining nicht angesprochen und verkümmert. Die Muskulatur im Oberschenkel übernimmt ersatzweise und ist damit überfordert. „Mit einer richtigen Kniebeuge ist das leicht zu trainieren“, sagt Händschke.

Die Zuschauer applaudieren nach dem medizinischen Ausflug in die Welt der Sportmedizin. Sie saugen die Tipps der Profis auf. Die meisten sind Ehrenamtliche, die sich fast täglich um Kinder und Jugendliche in ihren Vereinen kümmern.

Die 10 häufigsten Sportverletzungen

Zwei Millionen Sportler verletzen sich jährlich in Deutschland. Am häufigsten sind Verletzungen an den Beinen, denn beliebte Sportarten wie Fußball oder Handball bergen aufgrund ihrer Dynamik und dem Körperkontakt ein hohes Verletzungsrisiko. Die häufigsten Verletzungen und ihre Auslöser sind laut Dr. Ernst-Helmut Schwer, Facharzt für Orthopädie und Sportmedizin an der Klinik Fleetinsel in Hamburg:

  • Muskelzerrung: Überbelastung oder nicht ausreichendes Aufwärmen der Muskeln.
  • Bänderriss am Sprunggelenk: Verursacht durch umknicken oder Außeneinwirkung (Tritt).
  • Achillessehnenriss: Meist durch eine misslungene Landung oder Außeneinwirkung ausgelöst.
  • Kreuzbandriss: Verdrehung des Knies.
  • Tennisarm: Überbelastung der Muskeln zwischen der Hand und dem Ellenbogenknochen.
  • Meniskusriss: Drehbewegung mit abrupten Bewegungsstopp.
  • Prellungen: Zugefügt durch Tritte, Schläge oder Stürze.
  • Verstauchung der Hand: Sturz auf die Handflächen.
  • Muskelfaserriss: Abrupte Drehung oder Beschleunigung sowie ein Schlag auf den Muskel.
  • Ermüdungsbruch am Mittelfußknochen: Ständige Überlastung des Knochens.

 

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